»Nicht auf die leichte Schulter nehmen« 

Neubaupläne für Polizeipräsidium am Pfeilergraben lassen Denkmalschützer nicht ruhen

Ausschnitt aus der Stadtansicht 1628 von Johann Hain und Friedrich Raidel mit dem alten Kloster. Das Steingebäude rechts der Klosterkirche ist das sogenannte Bürgerhaus, dessen Ecke bei der Grabung im Hofgarten freigelegt wurde. Das Gebäude unterhalb ist die St. Nikolaus-Kapelle.
+
Ausschnitt aus der Stadtansicht 1628 von Johann Hain und Friedrich Raidel mit dem alten Kloster. Das Steingebäude rechts der Klosterkirche ist das sogenannte Bürgerhaus, dessen Ecke bei der Grabung im Hofgarten freigelegt wurde. Das Gebäude unterhalb ist die St. Nikolaus-Kapelle.

Kempten – Die Diskussion um vermutete Überreste der Nikolauskapelle am Pfeilergraben – wie berichtet soll dort das neue Polizeipräsidium gebaut werden – reißt nicht ab. Die Pingpong-Bälle spielen historisch interessierte Kemptener und das Staatliche Bauamt hin und her. Unter anderem hatte Dieter Schade, Baudirektor a.D., in seinem Leserbrief vom 15. Mai darauf hingewiesen, dass der Ort historisch bedeutend sei. Die von Cornelia Bodenstab, Leiterin Staatliches Bauamt Kempten, in unserer Ausgabe vom 29. Mai („Relikte statt Polizei-Neubau?“) dargelegten „nichtinvasiven und minimalinvasiven“ Vorabuntersuchungen des Areals hält Schade „in ihrer archäologischen Aussagekraft sehr gering“. 

Zum einen würde der Georadar „nur oberflächliche Erkenntnisse liefern“. Und einen Grundriss von schätzungsweise 50 bis 100 Quadratmetern mit lediglich sechs Bohrungen auf einer Untersuchungsfläche von ca. 3000 Quadratmetern zu treffen, gleiche der sprichwörtlichen „Suche nach der Nadel im Heuhaufen“. Schließlich decke der Kapellengrundriss nur etwas 1,6 bis 3,3 Prozent der Fläche ab und „man weiß nicht, wo genau die Kapelle mit den umgebenden Gräbern war“. Auch werde in diesem Bereich ein Besiedlungsschwerpunkt in der Romanik vermutet, so dass man sogar mit den „Überresten einer kompletten Besiedelung rechnet“. Die Aussage, dass mit den „wenigen Baugrunduntersuchungen“ auf dem großen Grundstück „keine Überreste der Kapelle St. Nikolaus am Pfeilergraben“ gefunden worden seien, „erscheint mir doch recht kühn“, vor allem wenn daraus abgeleitet werden soll, „dass das Bodendenkmal an dieser Stelle kein Grund für die Nichtbebaubarkeit sein darf“, kritisiert Schade.

Relikte statt Polizei-Neubau

Ein kurzer Eintrag in Wikipedia verdeutlicht, warum dieses eingetragene Bodendenkmal Dieter Schade nicht loslässt. Da heißt es: „Die Nikolauskapelle (auch St. Nikolaus und Nikolauskirche) auf dem Gelände des Klosters Kempten wurde 973 durch Ulrich von Augsburg geweiht und war das erste dem heiligen Nikolaus geweihte Gotteshaus in Süddeutschland. Die Kapelle ist ein Zeugnis der wachsenden Verehrung des Nikolaus von Myra im Abendland.

Die Überreste der Kapelle mit ihrem früheren Friedhof,  beides als Bodendenkmal mit der Nummer D-7-8227-0194 eingetragen, liegen unterhalb eines Parkplatzes (früher ein Holzgarten) östlich des Hofgartens. Nicht weit entfernt befand sich früher das wie die Nikolauskapelle im Dreißig- jährigen Krieg zerstörte Marienmünster. Eine eigenständige Nikolauskapelle oder -kirche gibt es – abgesehen von der russisch-orthodoxen Nikolausgemeinde der Seelenkapelle – in Kempten seither nicht, nur noch in der Basilika St. Lorenz, der neuen Stiftskirche des Klosters nach dem Dreißigjährigen Krieg, wurden nachträglich mehrere Kapellen eingerichtet, darunter auch eine Nikolauskapelle.“

Genau diese bewegte Geschichte ist der Grund, warum Schade sagt, „man müsste die Freilegung flächendeckend bis zu vier Meter tief machen“, da Schuttreste aus dem Dreißigjährigen Krieg über den romanischen Mauerresten, darüber Reste späterer Gebäude lägen und da die Fürstäbte damals eine ebene Fläche für ihre Residenz wollten, sei der Boden entsprechend aufgeschüttet worden. Es gibt wenig Erkenntnisse über das, was hier in der Erde schlummere, da die bisherige Bebauung eine archäologische Untersuchung verhindert habe. Zudem sei eine flächendeckende und vier Meter tiefe Grabung „wirtschaftlich nicht machbar“, sagt Schade. Vor allem aus diesem Grund sei „die Vergangenheit Kemptens an dieser Stelle aus der Zeit vor und während der Klostergründung um 800 n.Chr. bisher weitgehend im Dunkeln geblieben.“

Auf einem Teil des diskutierten Geländes sei allerdings im Rahmen der Baumaßnahmen von 1994 bis 1997 für ein Regenauffangbecken des Abwasserverbands Kempten eine „Notgrabung“ veranlasst worden, erinnert sich der damalige Baudirektor im Wasserwirtschaftsamt (WWA) Kempten, an dem er von 1978 bis 2000 beschäftigt gewesen sei. Dokumentiert ist diese von Seite 69 bis 73 im 2006 erschienenen ersten Band der bislang vierbändigen Reihe „Allgäuer Forschungen zur Archäologie und Geschichte“, „Mehr als 1000 Jahre .... Das Stift Kempten zwischen Gründung und Auflassung 752 bis 1802“, des Heimatvereins Kempten e.V..

Damals wurden der Dokumentation zufolge „mindestens neun beigabenlose Gräber freigelegt“, von denen eines die C-Datierung des Zeitraums 1015 bis 1170 ergab, Hinweis auf eine Bestattung um 1100. Weiter heißt es: „Ob damit ein Ausläufer eines Friedhofs bei der Kapelle St. Nikolaus, die bis zu ihrer Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg nordöstlich der Klosterkirche stand, angeschnitten worden ist, lässt sich momentan noch nicht entscheiden.“ Der außergewöhnlichste Fund der Grabungskampagne sei aus der Schicht mit dem Bauschutt des mittelalterlichen Klosters geborgen worden: „Ein vergoldetes und emailverziertes Beschlagplättchen eines Reliquienschreines aus dem späten 12. bzw. frühen 13. Jahrhundert. Das Plättchen aus Kupfer ist mit einer s-förmigen, in spitz zulaufenden Blättern endenden Ranke verziert, die von blauem und weißem, opaken Grubenschmelz umschlossen ist. Es wurde gewaltsam von der Trägerkonstruktion abgehebelt, dabei verbogen und zeugt von der Plünderung des stift-kemptischen Kirchenschatzes durch die schwedischen Truppen im Dreißigjährigen Krieg.“

„Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen“, betont Schade, er wolle nicht als Verhinderer auftreten, sondern klarmachen, dass die Untersuchungsmaßnahmen des Staatlichen Bauamtes wie auch die Aussagen des Denkmalamtes „mit Vorsicht zu genießen sind“. Er selbst sei zwar kein Archäologe oder Historiker, beschäftige sich aber seit Jahren mit einschlägigen Themen. Einmal beruflich, u.a. als er zu Beginn seiner Laufbahn in einem Talsperrenbüro mit angeschlossenem erdbaumechanischem Labor zur Begutachtung von Baugrund und Schäden an wasserbaulichen Anlagen des Freistaates Bayern oder von ihm geförderten Bauwerken gearbeitet habe, was ihm eine gewisse Expertise zu Erdbohrungen ermögliche. 40 Jahre Mitgliedschaft, zum Teil als Beirat, bei den Altstadtfreunden hätten zudem seine „Kenntnisse zur Altstadt Kemptens vertieft“ und seit seiner Pensionierung beschäftige er sich intensiv „mit der historischen Vergangenheit Kemptens, verbunden mit einer kritischen Bewertung, wie sich Kempten städtebaulich in der Altstadt verändert hat und in welchen Bereichen weitere Verluste an historischer Substanz auch weiterhin auftreten können“, verweist er beispielhaft auch auf das Sparkassenviertel. Seines Erachtens sollte man die Überreste von Nikolauskapelle & Co. im Untergrund „schlummern lassen“, auch wenn es für die Archäologen sicher interessant wäre. Was ihn „stutzig“ bzw. sogar „misstrauisch“ gemacht habe, sei gewesen, dass bei der Diskussion zur angedachten Bebauung Pfeilergraben in der Sitzung des Gestaltungsbeirats „kein Wort zum Bodendenkmal“ gefallen sei. 

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona-Ticker Kempten: Erster Fall der indischen Variante im Oberallgäu
Corona-Ticker Kempten: Erster Fall der indischen Variante im Oberallgäu
Das Holzplatzquartier erhält einen Bebauungsplan 
Das Holzplatzquartier erhält einen Bebauungsplan 
Küchenchef schätzt regionales Kalbsfleisch als Spezialität 
Küchenchef schätzt regionales Kalbsfleisch als Spezialität 
Polizei ermittelt zu mehreren Unfallfluchten
Polizei ermittelt zu mehreren Unfallfluchten

Kommentare