"MitMischen" ist nicht nur ein Projekt, sondern auch ein Anliegen von Lajos Fischer

Neue Akzente im Haus International

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Seit rund einem halben Jahr ist Lajos Fischer Geschäftsführer im Haus International und längst „angekommen“.

Kempten – Seit August 2015 führt Lajos Fischer die Geschäfte des „Haus International“ (HI) in Kempten. Dass es große Schuhe sein würden, die er als Nachfolger von Rudi Goschler, der das Haus über 30 Jahre lang geleitet hatte, ausfüllen muss, war ihm von Anfang an klar. Geschreckt hat es ihn nicht und in dem rund halben Jahr, seit er im Chefsessel sitzt, ist seine Handschrift schon bemerkbar.

Dass er das Rad nicht neu erfinden müsse, hat Fischer schon vor seinem Amtsantritt betont und auch jetzt meint er im Gespräch mit dem Kreisboten: „Grundsätzlich bleibt alles beim Alten“, denn es gebe Nichts, was „abgestellt“ werden müsse und zudem sei „Kontinuität“ wichtig. „Andere Schwerpunkte“ werde es aber geben, schon allein wegen der veränderten Situation, nicht nur durch die Flüchtlinge, sondern auch durch die „Migranten, die schon länger hier leben“ und damit auch andere Bedürfnisse hätten, als in ihrer ersten Zeit in Deutschland. „Sie sind gleichberechtigte Kemptener Bürgerinnen und Bürger“ und das Haus International könne sie dabei unterstützen, ihr „soziales und kulturelles Kapital“ einzubringen.

"Schlüsselerlebnis" World Café 

Was die „neuen Schwerpunkte“ betrifft, sei das „World Café“ für ihn eine Art „Schlüsselerlebnis“ gewesen, erzählt Fischer. „Das brauchen wir öfter “, hätten viele der teilnehmenden Migranten gesagt, vor allem weil dort aktive „Kommunikation“ großgeschrieben wurde und es nicht um das „Konsumieren“ eines Vortrages oder Ähnliches gegangen sei.

Eine Herausforderung stellt für Fischer die „neue Zuwanderungswelle“ dar, weil das, „was einst falsch gelaufen ist“ bei der Integration von beispielsweise Italienern und Türken, jetzt anders laufen müsse. Er sei zwar nicht für eine politische Bewertung zuständig, aber als „das“ interkulturelle Zentrum in Kempten sei das Haus International dazu da, die Menschen bei ihrer Integration „ohne Wenn und Aber“ zu unterstützen. Im Rahmen der „neuen Zuwanderungswelle“ sind, so Fischer, derzeit rund „1000 neue Flüchtlinge in Kempten und dazu eine Reihe EU-Binnenzuwanderer“. Allein aus seinem Heimatland Ungarn habe sich die Zahl der Zuwanderer in Kempten „vervielfacht“, ebenso aus der Ukraine; aber „die Spitze der Welle“ seien natürlich die Flüchtlinge aus den arabischen Ländern und Afrika. Ein Problem hat er allerdings mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ – denn „es war der Begriff, mit dem die USA einst versucht haben, jüdische Zuwanderung zu bremsen“.

Vor allem drei – mehrteilige – Projekte treibt Fischer mit seinem Team aktuell voran: „MitMischen in Kempten“, ein „Kultur-Café“ und den Interreligiösen Dialog. Bei „MitMischen in Kempten“ (der Kreisbote  berichtete) wollen der Integrationsbeirat der Stadt Kempten zusammen mit dem HI herausfinden, wie es um das ehrenamtliche Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund in Kempten steht und Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Auftaktveranstaltung war das erste „World Café“, zu dem „etwa 80 Leute unterschiedlicher Nationalitäten, aus verschiedenen Vereinen und Service-Clubs und auch Einzelpersonen“ gekommen seien, erinnert sich Fischer noch immer begeistert. Dabei sei nicht nur der Status Quo erfasst worden, sondern „es wurden auch konkrete Vorschläge gesammelt, die uns weiterbringen“. Beispielsweise werden derzeit Leute mit entsprechendem Know-how gesucht, um kurze Videos zu drehen, in denen auf Migranten zugeschnitten erklärt wird, was es bei einer Vereinsgründung zu beachten gibt.

Daneben will Fischer die neue Reihe „MischMit! – Interkulturelles Stadtgespräch im Haus International“ ins Leben rufen. Auch hier steht, wie der Titel schon suggeriert, der Dialog im Vordergrund. Hier sitzen Interessierte mit Fachleuten am Tisch und können ihre Fragen direkt mit ihnen diskutieren. Fischer ist überzeugt, dass durch das Herstellen des persönlichen Kontaktes auch die „Hemmschwelle sinkt“.

Verbessern will das Projekt-Team ferner die Öffentlichkeitsarbeit von Vereinen. Voraussichtlich ab kommendem Herbst soll dafür ein „Markt der Möglichkeiten“ starten, bei dem sowohl deutsche als auch Migrantenvereine mit Interessierten ins Gespräch kommen können.

Vielfältig sind die Gründe, die Menschen dazu bewegen, ihre Heimat zu verlassen. Das Haus International will Migranten eine Plattform geben, wo sie „ihre“ Geschichte erzählen können.

„Kultur-Café“ heißt ein weiteres Projekt bei dem „viele mitmischen“, wie Fischer sagt. Es stellt eigentlich ein städtisches, auf Flüchtlinge abzielendes Projekt dar, bei dem das „HI ein Standort ist“. Es steht auf vier Säulen: 1. Begegnung, 2. Vorstellung der Herkunftsländer, 3. „Deutschland verstehen!“ und 4. Pflege der Herkunftskultur. Neben gemeinsamem Theaterspiel, Handarbeiten oder Chorsingen werden jeden Montag und Mittwoch ab 18.30 Uhr kostenlose Anfänger-Deutschkurse für diejenigen angeboten, die z.B. aufgrund ihres Status noch keinen Unterricht bekommen können. „Jeder Interessent ist willkommen“, betont Fischer. Im Konzept des Kultur-Cafés sieht Fischer eine gute Möglichkeit zu verhindern, dass sich „Parallelgesellschaften“ aus den dauerhaft hier bleibenden Flüchtlingen entwickeln, weshalb er auch Gesprächsrunden in der neuen Reihe „Deutschland verstehen!“ (dienstags ab 18.30 Uhr) bewusst nur in deutscher, bzw. „Leichter Sprache“ mit vielen Bildern durchführen will. „Wir müssen wahrnehmen, dass die Integration der Flüchtlinge eine riesige Aufgabe ist, auf die wir die Kräfte konzentrieren müssen.“ Allerdings, betont Fischer ebenso, „ist es nicht unsere einzige Aufgabe“, sondern es müsse genauso auf diejenigen eingegangen werden, die das HI schon lange nutzen.

Deshalb zielt auch das dritte Projekt mit dem Fokus auf Interreligiösen Dialog wieder verstärkt auf den Kreis der Migranten, die schon länger hier leben. Unter anderem ist für den 27. Februar ein Interreligiöser Dialog für junge Menschen geplant (Anmeldung unter Tel. 0831/17138 oder hausinternational@t-online.de), in dem die Rolle des respektvollen Umgangs unter den unterschiedlichsten Religionsrichtungen im Christentum, im Islam, aber auch in kleineren im Allgäu vertretenen Glaubensgemeinschaften thematisiert wird.

Neu im HI-Team ist Elena Fuhrmann als pädagogische Mitarbeiterin sowie Bufdi Vanessa Schurz, die dort ihren Bundesfreiwilligendienst leistet.

Ein besonderes Anliegen ist Fischer die Vernetzung von allen Integrationsangeboten in der Stadt. Und noch etwas möchte er bei unserem Gespräch unbedingt loswerden: „Viele Leute haben mir diesen Einstieg erleichtert“, gilt sein Dank „stellvertretend für viele andere“ vor allem Rudi Goschler, der immer zur Verfügung stehe und der gute Ratschläge gebe, aber: „er mischt sich nicht ein“; Fischer weiß sehr zu schätzen, dass sein Vorgänger „akzeptiert, dass ich ein anderer Mensch bin und teilweise andere Schwerpunkte setze“.

Christine Tröger

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