Vor Cholera blieb Kempten fast verschont

Der neue "Allgäuer Geschichtsfreund" thematisiert Cholera, Reformation und eine Vereinödung

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Bahndienst-Depeche KE-KF vom 17. August 1854: „Nach Anfrage wird die Leiche schwerlich nach Kempten expediert“. Die Cholera-Leiche des in Kaufbeuren verstorbenen Kemptener Kaufmanns Otto Alfred Röhlin wäre Kaufbeuren gerne an Kempten losgeworden, das eine Überführung aber ablehnte.

Kempten/Landkreis – Seuchen begleiten die Menschen seit jeher und treiben auch heute in unterschiedlichen Gestalten und Regionen der Erde ihr Unwesen. Unter anderem verbreitete die Cholera ihre Schrecken im 19. Jahrhundert in Deutschland und im Allgäu. An Kempten zog sie nahezu spurlos vorbei

– nahezu. 

„...morgens 7 Uhr berief man den Arzt (...) und nachts um 9 Uhr war der Patient eine Leiche“, hat Werner ­Scharrer seinen Beitrag „Die Cholera in Kempten 1831-1893“ mit einem Zitat aus einem historischen Dokument überschrieben. Erschienen ist er in der aktuellen Ausgabe des „Allgäuer Geschichtsfreund“, Nummer 117. Weitere Beiträge stammen von Gerhard Hölzle, „Aber der Papst...“ über das 100-jährige Reformationsjubiläum 1617 im Allgäu sowie von Thomas

Pfundner, der über „Ein Denkmal der Allgäuer Vereinödung aus dem Jahr 1693“ in Leutenhofen bei Waltenhofen geschrieben hat.

Die ersten beiden Cholera-Wellen, 1831 nach Deutschland eingeschleppt über das ostpreußische Königsberg, 1836 über die Schweiz und Tirol ins südliche Altbayern, hatten um das Allgäu und Kempten noch einen Bogen gemacht. Allerhand Notfallmaßnahmen waren natürlich dennoch getroffen worden, wie die Auswahl von Gebäuden, die zur Unterbringung von Erkrankten geeignet erschienen. Anders als in den 1830er Jahren verlief es im Jahr 1854, in dem Scharrer zufolge erstmals Opfer der „Cholera morbus“ auch in Kempten zu beklagen gewesen seien: Am 11. August 1854 der 49-jährige Fabrikbesitzer Joseph Sandholz (die oben genannte Überschrift des Beitrags ist dem Bericht des königlichen Gerichtsarztes Dr. Flacho zu dessen Tod entnommen) und vier Wochen später der Lehrling des Apothekers Anton Fuchs, Eugen Roth. 

Ersterer hatte sich nur einen Tag vor seinem Tod in München, vermutlich beim Besuch der dortigen Industrieausstellung, mit der Krankheit infiziert. Bei Roth wurde post mortem „nur“ eine Darmentzündung diagnostiziert – also falscher Alarm. Als drittes Opfer wird der 1832 geborene Kaufmann Otto Alfred Röhlin genannt, Sohn des Kemptener Strumpffabrikanten Joh. Adam Röhlin, der sich auf der Heimfahrt von Augsburg befunden hatte und „in Kaufbeuren am Abend des 16. August cholerakrank aus dem Gasthof zur Sonne in das Krankenhaus gebracht“ wurde, so Scharrer, „und siehe, innerhalb 5 Stunden war er eine Leiche“, zitiert er aus der Christa-Chronik dazu. Neben zahlreichen für Bayern allgemeingültigen Regierungsanweisungen für Einrichtungen, zur Durchführung von ärztlichen Untersuchungen oder dem Umgang mit verschiedenen Personengruppen hatte Dr. Karl Pfeuffer „für den Amtsgebrauch der Behörden“ eine Schrift „Zum Schutze wider die Cholera“ verfasst, in der er auf Speisen und Getränke einging, die während einer ­Choleraepidemie zu empfehlen, abzulehnen oder gar zu verbieten seien. Wie Scharrer schreibt, galt ihm „schwer verdauliche, blähende, den Darmkanal erkältende und zu häufigen Entleerungen reizende Kost“ als der Erkrankung förderlich.

Auch wenn es erst 1873 zu zwei weiteren Cholera-Erkrankungen in Kempten kam, wurden in den Jahren davor kontinuierlich Verbesserungen zur Vorsorge gegen Ansteckung und Notfallmaßnahmen betrieben, wie der Reinhaltung der Brunnen und öffentlichen Wasserleitungen, Augenmerk auf Reisende und Gastwirtschaften oder Desinfektion in allen öffentlichen Gebäuden. Dennoch erkrankte am 13. August 1873 im Gasthof Post der Kaufmann Eduard Kampt aus Höhr bei Koblenz. Die zweite Erkrankung traf den 65jährigen Spitalpfründner (Bewohner eines Altenheimes) Karl Altenried, „welcher die Entleerung der Leibstühle der Kranken zu besorgen hatte und noch am selben Tag seiner Erkrankung verstarb“. Unter anderem sollten in Folge dessen Cholera-Kranke nicht mehr im Distriktsspital, sondern im städtischen Armenhaus untergebracht werden und im Zollhäuschen an der Johanniskirche (heute: Innere Rottach 4) wurde eine Cholerastation eingerichtet, was laut Scharrer, auch damals „nicht so ganz im Sinne der Nachbarschaft“ gewesen sei.

Mit einer weiteren Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg wurden in Kempten besonders Reisende einmal mehr genau unter die Lupe genommen. Zunächst vermeintliche Choleraerkrankungen wie die des am 5. September 1892 verstorbenen Kemptener „Luft=Bauamtsarbeiters“ Matthias Müller, erwiesen sich allerdings als gewöhnlicher Brechdurchfall. So stellt Scharrer, bevor er auf die verheerenden Cholera-Epidemien der Gegenwart in zahlreichen Entwicklungsländern eingeht, fest: „Zu einer Epidemie wie in anderen Städten und Regionen Bayerns und anderswo ist es in Kempten glücklicherweise nie gekommen.“

Der „Allgäuer Geschichtsfreund“ gibt es bei der Geschäftsstelle des Heimatvereins Kempten, der auch der Herausgeber der Blätter für Heimatforschung und Heimatpflege ist. Die Geschäftsstelle in der Schützenstraße 7 in Kempten ist dienstags von 16 bis 18 Uhr geöffnet und telefonisch erreichbar unter der Nummer 0831/540 67 50.

Christine Tröger

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