Neue Chance für suchtbetroffene Kinder

„Grüß Gott, mein Name ist Ulrike von Le Suire. Ich bin Alkoholikerin und seit 26 Jahren trocken.“ Wenn Ulrike von Le Suire mit diesem Satz ihre Vorträge beginnt, herrscht meistens erst einmal betretenes Schweigen. Die Diplom-Ingenieurin (FH) und staatlich anerkannte Erzieherin erklärt, warum das so ist. „Alkohol-Abhängigkeit ist in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Tabu-Thema. Man spricht nicht darüber. Ja, die meisten Betroffenen und oft genug auch deren Angehörige leugnen die Sucht sogar.“ Was laut Le Suire der größte Fehler ist, mit fatalen Folgen für die Betroffenen und die gesamte Familie.

Es ist keine Schande, sich eine Alkohol-Sucht einzugestehen, im Gegenteil. Süchte sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ernstzunehmende Krankheiten, die in allen Schichten der Bevölkerung auftreten. Dabei spielt es keine Rolle, welche Form die Sucht annimmt. Ob es sich nun um Alkohol-Abhängigkeit, Ess- oder Magersucht, Kaufsucht, Arbeits-, Spielsucht oder andere Süchte handelt, sie gehören in fachliche Behandlung. Laut aktuellen Untersuchungen sind rund 25 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik täglich mit Alkohol-Problemen konfrontiert, sei es durch eigene oder Co-Abhängigkeit. Rechnet man andere Suchtformen hinzu, sind sogar etwa 50 Prozent mit Familienkranheiten konfrontiert. Zudem ist bewiesen, dass etwa die Hälfte aller Kinder suchtkranker Eltern selbst süchtig werden. Gut zehn Jahre ihres Lebens war von Le Suire alkoholabhängig, im Alter von etwa 12 bis 22 Jahren. Ihre Eltern pflegten einen recht lockeren Umgang mit dem Alkohol, „entspannten“ sich damit nach einem anstrengenden Tag. Sie ermunterten die kleine Ulrike immer wieder, „sich früh genug an den Alkohol zu gewöhnen, um mithalten zu können“. Als diese schließlich ihren ersten „Kontroll-Verlust“ erlebte, wurde das Verlangen nach dem Alkohol so unwiderstehlich, dass sie immer weiter trank. Ein Verhalten, das bei allen Süchtigen auftritt. Geholfen hat ihr schließlich eine Selbsthilfegruppe des „Blauen Kreuzes“, unzählige Einzelgespräche mit Psychologen und eine mehrjährige ambulante Therapie. Heute ist sie „trocken“, trinkt keinen Tropfen mehr. Denn über eines müsse man sich klar sein: die Krankheit „Alkohol“ kann nur zum Stillstand gebracht, nicht aber geheilt werden. „Wer nach einer Entziehungskur auch nur einen kleinen Schluck Alkohol trinkt, macht da weiter, wo er vor der Therapie aufgehört hat. Das Dilemma beginnt von vorne, wird sogar noch dramatischer.“ „Meine Lebensgeschichte ist mein Motor,“ sagt von Le Suire heute. Angetrieben und motiviert von ihren frühen, negativen Erfahrung mit dem Alkohol gründete sie nun am Haslacher Berg 2 das „Haus Chancen-Nest“. Kinder aus suchtkranken Familien und Kinder, die selbst schon süchtig sind, im Alter von sechs bis maximal elf Jahren, sollen hier eine Zuflucht, ein „Stück Geborgenheit“ und Verständnis finden. Mehrere Monate bleiben die Kinder im „Chancen-Nest“, bekommen professionelle Hilfe und lernen den Umgang mit sich und dem Leben wieder neu. Auch der suchtkranke Elternteil und der co-abhängige Partner sollen sich während dieser Monate einer Therapie unterziehen. Anschließend wird die Familie wieder behutsam zusammen geführt, unter Aufsicht und Begleitung eines oder mehrerer Familientherapeuten. Eine gezielte Nachsorge in der Heimatstadt soll ein nachhaltiges, erfolgreiches, neues Leben sichern. Viel Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung sind zu diesem Thema noch dringend notwendig, die von Le Suire gerne betreibt, unter anderem prophylaktische, anschauliche Vor- träge an Schulen. Auch richtet von Le Suire ihren Appell an das Umfeld betroffener Kinder. Lehrkräfte, Nachbarn, Familienangehörige, die Verhaltensauffälligkeiten oder –veränderungen feststellen, sollten diese nicht ignorieren. Für Auskünfte steht Ulrike von Le Suire unter der Telefonnummer 08370/284040 jederzeit zur Verfügung.

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