Martin Luther, ein Mann aus wohlhabendem Haus

„Gespräche zur Zeit“ über den wahren Luther

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Das Leben Martin Luthers stand im Fokus von Dr. Tomoko Emmerling, Archäologin, Kulturamtsleiter Martin Fink und Pfarrerin Andrea Krakau.

Dass so manche Annahme um das Leben Martin Luthers ins Reich der Legenden gehört, wird ja schon länger vermutet, unter anderem der von ihm selbst verbreitete Mythos seiner Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen.

Generiert aus archäologischen Funden haben Forschungsergebnisse inzwischen aber auch Überprüfbares zum Leben des großen Reformators geliefert.

In der Reihe „Gespräche zur Zeit“ stellte die Archäologin und Projektleiterin Dr. Tomoko Emmerling des internationalen Ausstellungsprojekts „Here I stand...“ Korrekturen der Vita Martin Luthers einem (wegen versehentlich zwei unterschiedlichen Terminangaben?) recht überschaubar gebliebenen Publikum in der St.-Mang-Kirche vor.

Zwei wichtige Luther-Orte hatte sich Emmerling für ihren Vortrag zu „Fundsache Luther. Auf den Spuren des Reformators“ herausgepickt, an denen Grabungen deutliche Belege dafür geliefert hatten, dass weder Luthers Eltern, noch das Ehepaar Martin Luther und Gattin Katharina von Bora mit Anhang ein Leben in Armut und Not verbracht hatten, sondern zur wohlhabenden Schicht gehörten und sich dorthin auch nicht hatten von unten hocharbeiten müssen.

Statt des nicht sehr großen Elternhauses in Mansfeld, von dem man bislang ausgegangen sei, habe dieses sich als „ein großes Anwesen“ in bester Ortslage entpuppt, wo bei Grabungen im Jahr 2003 in einer Abfallgrube –die ja bekanntlich immer hervorragende Belege zum Leben der Bewohner liefert – allerhand Gerätschaften und Essensabfälle gefunden wurden; darunter mit Schnitzereien und auch Metall verzierte Tafelmesser, Keramikgeschirr und Berge von Knochen, die von „hochwertigem Fleisch“ junger Schweine zeugten, Gräten von„damals besonders hochwertigen“ Süßwasserfischen, von der Ostsee importierte Heringe... Ebenso seien Scherben von Fensterglas, „die wirklich nur die wohlhabenden Leute hatten“, und mehrere Kilo Schlacke darin gefunden worden, die man aus Bergbaubetrieben noch glühend zum Heizen mit nach Hause genommen habe, wie Emmerling erklärte. Schließlich sei Luthers Vater kein einfacher Bergwerksarbeiter gewesen, sondern ein Kupferbergwerkspächter und auch Stadtteilbürgermeister.

Auch beim Luther’schen Haushalt zu Wittenberg liefern Funde unter anderem von Fayencen oder polychromen Ofenkacheln Hinweise, dass er „zur Oberschicht gehörte“. Bei den Grabungen im Jahr 2004 seien hinter dem Haus auch „Turmfundamente wiederentdeckt worden“, vielleicht ja von „dem“ Turm, der – ob nun nur der Legende nach oder in Veritas – mit Luthers „reformatorischer Erkenntnis“ zusammenhänge. Auch auf das enge Verhältnis Luthers zu Lukas Cranach ging Emmerling ein, unter anderem anhand einer gefundenen Ofenkachel, die ein zweigeteiltes Gemälde von Cranach dem Älteren zeige: Gesetz und Gnade, ein zentrales Thema bei Luther, dem wichtig gewesen sei, dass sich der Mensch nicht durch eigenes Handeln Gottes Gnade verdienen könne, sondern nur durch den Glauben an Christus.

Dass der Kult, der in diesem Luther-Jahr um den Jubilar zelebriert wird, ganz und gar nicht im Sinne des Reformators ist, wurde beim anschließenden kurzen Gespräch mit Emmerling, Kulturamtsleiter Martin Fink als Moderator und Pfarrerin Andrea Krakau deutlich. Emmerling fand dabei besonders „spannend“, dass Luther, dem stets der „Inhalt wichtig war“ immer wieder zu einer heiligen Person stilisiert worden sei und sogar schon „sofort nach seinem Tod“ Pilgerreisen zu seinem Sterbehaus stattgefunden hätten. Zur Frage, warum Luther vorgegeben haben könnte, aus ärmlichen Verhältnissen zu stammen, hatte keiner der Drei eine greifbare Idee.

Die Website zum oben genannten internationalen Ausstellungsprojekt von Dr. Tomoko Emmerling und Team liefert interessante und anschaulich präsentierte Einblicke in die Funde (zum Teil mit 3D-Abbildungen) und das korrigierte Leben Martin Luthers: www.here-i-stand.com.

Christine Tröger

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