Eine Frau an der Spitze

Schlüsselübergabe im Gefängnis

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Klaus-Gisbert Rehmet (links), ehemaliger Leiter der JVA Kempten und Memmingen, übergibt den symbolischen Schlüssel an seine Nachfolgerin Anja Ellinger. Dr. Walter Schön vom Bayerischen Justizministerium gratuliert.

Kempten – Sie hat blaue Augen, dunkle lange Haare, Humor und eine rationale Denkweise. Sie wirkt unkompliziert, ist musikalisch und hat es fast täglich mit "schweren Jungs" zu tun. Anja Ellinger heißt die neue Leiterin der Justizvollzugsanstalten (JVA) Kempten und Memmingen.

Seit Mittwoch voriger Woche arbeitet sie offiziell in diesem Amt.

„Sie mögen mir nachsehen, dass ich nicht alle persönlich begrüßen kann, wie ich es hier sonst bei Neuaufnahmen tue“, scherzte Regierungsdirektor Uwe Siller beim Festakt in der Mehrzweckhalle der JVA Kempten. Der stellvertretende Gefängnisleiter hatte viel zu tun während der Begrüßung. Hochrangige Vertreter aus den Bereichen Politik, Justiz, Polizei, Feuerwehr, anderer Ämter und der Kirchen waren gekommen. „Wir freuen uns auf Dich, nicht nur weil Du eine Frau bist“, sagte Siller zu seiner neuen Chefin Anja Ellinger. Sie sei eine ausgezeichnete Juristin, Organisatorin, Teamplayerin und spiele Gitarre.

Für seinen bisherigen Chef Klaus-Gisbert Rehmet hatte Uwe Siller ebenso viel Lob übrig. „Ihr Name wird immer mit dieser JVA in Verbindung bleiben.“ Rehmet habe das Privileg gehabt, den Neubau des Gefängnisses in Kempten-Bühl mitzubegleiten, das seit zehn Jahren in Betrieb ist.

„Ich bin mir sicher, dass der Bau der jetzigen JVA Kempten eines der Highlights in Ihrem Berufsleben war“, meinte auch der Bayerische Justiz-Ministerialdirektor Dr. Walter Schön. „Sie zeigten dabei, dass Sie auch Kompetenzen im Bau und Haushalt haben.“ Rehmet arbeite seit 36 Jahren mit „Leib und Seele im Justizvollzug“. Der scheidende JVA-Leiter habe sich trotz seiner Aufgaben ebenso außerhalb seiner Arbeitsstätte engagiert. „Sie füllten das Amt mit Ihrer ganzen Persönlichkeit aus und hinterließen große Fußstapfen“, so Schön.

Nicht gleich "Hurra"

„Wir haben Sie für diese Aufgabe ausgewählt, da wir Ihnen etwas zutrauen“, meinte der Ministerialdirektor zu Anja Ellinger. Sie habe sich mit Fachkompetenz, Einsatzfreude und Loyalität das Ansehen der Mitarbeiter erarbeitet. Allerdings habe Ellinger nicht gleich „hurra“ geschrieen, als Sie für Kempten und Memmingen ausgewählt wurde. In seiner Festrede betonte Schön die Wichtigkeit des „verantwortungsbewussten Justizvollzugs“. Ein Gefängnis müsse sowohl vor Angriffen von außen, als auch der Flucht von innen geschützt sein. „Menschen sollen sich vor Straftätern sicher fühlen, die JVA leistet dazu einen großen Beitrag.“ Ebenso von Bedeutung seien die Resozialisierung und die „soziale Sicherheit“. Diese entstehe nicht durch Wegsperren, sondern durch den kommunikativen Austausch mit den Gefangenen. „Nur durch Ihren unermüdlichen Einsatz können wir garantieren, dass aus Gesetzesbrechern gesetzestreue Bürger werden“, sagte Schön zu den Mitarbeitern der JVA.

Auch diese kamen zu Wort: „Dass wir hier mit einem so außergewöhnlichen Team stehen, ist der Verdienst der Mitarbeiter“, so Mark Lempenauer, Personalrat der JVA Kempten. Er wünschte Klaus-Gisbert Rehmet und dessen Nachfolgerin Ellinger Glück. Hans Kuisle, Personalrat der JVA Memmingen schloss sich dem an. „Wir sind seit geraumer Zeit nur noch ein Anhängsel der JVA Kempten und geraten immer mehr in Vergessenheit“, kritisierte Kuisle.

Rehmet äußerte seine Kritik auf ironische Weise: „Meine Nachfolgerin kann sich auf eine gute Zusammenarbeit bezüglich der Staatsanwaltschaft freuen. Sie hat dafür gesorgt, dass uns nie die Arbeit ausging, und uns mehr Nachschub geschickt, als uns lieb war.“ Viele Gefangene seien psychisch krank, alkohol- oder drogenabhängig. „Ohne Hilfe von außen hätten wir das nicht geschafft.“ Rehmet dankte in diesem Zusammenhang der Polizei, der forensischen Psychiatrie am BKH Kaufbeuren und den psychosozialen Diensten.

„Ich hätte nach meinem zweiten juristischen Staatsexamen nicht gedacht, dass ich so lange im Gefängnis landen würde“, offenbarte Rehmet in seiner Abschiedsrede. Schon während des Studiums habe er sich für Kriminologie und Gefängnisse interessiert. Als er 1980 ins Frauengefängnis der JVA Aichach wechselte, hätten anspruchsvolle Aufgaben auf ihn gewartet. Denn eine der Gefangenen war die RAF-Terrorristin Brigitte Mohnhaupt. Während seiner Zeit bei der JVA Kempten habe ihm die bauliche Weiterentwicklung besonders viel Freude gemacht. „Ich hatte Glück, dass ich hier auf loyale und motivierte Mitarbeiter stieß.“ Das Arbeitsklima sei gut.

„Ich habe kein Redeskript dabei, weil ich wie Sie, Herr Dr. Schön, großen Wert auf Sicherheit lege. Da ich es nicht gewohnt bin, mit hohen Absätzen zu laufen, brauchte ich wegen der Sturzgefahr zwei freie Hände“, sagte Anja Ellinger in ihrer Antrittsrede, die seit 2001 im Justizvollzug arbeitet. „Ich werde dafür sorgen, dass beide JVAs gut akzeptiert sind und die Nachbarn gut schlafen können.“ Da ihr der Opferschutz sehr wichtig sei, sei sie, wie Rehmet, Mitglied im Weißen Ring. Als Leiterin der Gefängnisse Kempten und Memmingen trägt sie nun die Verantwortung für momentan 180 Mitarbeiter und rund 460 Häftlinge.

Franziska Kampfrath

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