"Urbane Waldbesitzer" erobern die Forstflächen

"Urbane Waldbesitzer" – so heterogen wie ihre Motive

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So sieht ein naturnaher Bergmischwald aus. Hier sind Fichten, Tannen und Buchen zuhause. Dieser Wald ist der Zukunft gewachsen.

So ganz neu ist das Phänomen nicht mehr. Im Jahr 2010 beschäftigte sich zum Beispiel Eva Krause in ihrer Dissertation zum Doktor der Forstwirtschaft an der TU München Weihenstephan, Lehrstuhl für Wald- und Umweltpolitik, mit den „Urbanen Waldbesitzern“.

Dr. Ulrich Sauter, Leitender Forstdirektor am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Kempten, spricht sogar davon, dass sich die Struktur der Waldbesitzer in Bayern – bei „ähnlichen Zahlen“ im Allgäu – „in den letzten 30 Jahren sehr stark umgedreht hat“. 

So sei der private Waldbesitz früher vorwiegend an einen landwirtschaftlichen Betrieb gekoppelt gewesen. Aktuell gibt es in Bayern nur noch rund 100.000 solcher Betriebe, aber rund 700.000 Waldbesitzer, die aus unterschiedlichen Gründen einen in der Regel anderen Bezug zu ihrem Wald haben, als ein Landwirt, der darin eine Einkommensquelle sieht. So heterogen sich die Gruppe der „Urbanen Waldbesitzer“ gestaltet, haben sie doch ein gemeinsames Merkmal: meist ist ihr Lebensstil weder land- noch forstwirtschaftlich geprägt und ihr Waldbesitz mit im Schnitt 2,1 Hektar eher klein bemessen. Laut einer Prognose erwartet Sauter bis 2030 einen Wechsel von rund 40 Prozent bei den Waldbesitzern und 35 Prozent der Waldfläche „allein durch Erbgänge“. Zudem sei der Wald ein begehrtes Objekt wenn es um „Flucht in Sachwerte“ gehe – eine Vermögensanlage mit Tücken, denn um einen Ertrag zu erwirtschaften, muss der Wald bewirtschaftet und das Holz zu einem vernünftigen Preis an den Mann gebracht werden. Die häufig große räumliche Distanz zwischen Wald und Besitzer macht es schwierig, immer auf dem Laufenden zu sein, was den Zustand der Bäume betrifft. Auch „wissen die Waldbesitzer oft gar nicht so genau, wo ihr Grund ist“, meint Sauter, zum Beispiel wenn sich der Opa bis zuletzt darum gekümmert hat und stirbt, ohne sein Wissen weiter zu geben. Alle diese neuen Waldbesitzer „müssen wir irgendwo abholen.“

Neue Herausforderungen für die forstliche Beratung

Um teuren Pflegerückständen vorzubeugen, die durch falsche oder gar keine Waldbewirtschaftung entstehen, bietet das Forstamt kostenlose Beratungen an, die von einem „neutralen, kompetenten Förster“ in der Regel am jeweiligen Grundstück durchgeführt werden. Dieser sei „nur Berater, die Entscheidungen trifft der Waldbesitzer“, betont Sauter. Da Waldarbeit „anstrengend und gefährlich ist“ und oft auch die Gerätschaften fehlen, arbeite der Förster eng mit der Waldbesitzervereinigung (WBV) zusammen, die die gegebenenfalls erforderlichen Maßnahmen als Dienstleistungen anbietet. Der Waldbesitzer kann selbst wählen, ob er das ganze Paket in Anspruch nehmen möchte oder nur einzelne Dienstleistungen, die von der Pflege über die Bewirtschaftung bis zur Vermarktung reichen. Dabei profitiert der Waldbesitzer nicht zuletzt von den im großen Verbund besseren Preisen für sein Holz, die er ohne Kenntnis des Marktes und mit kleiner Menge nicht erzielen kann. Ebenso entlastend kann die Hilfe der WBV bei unerfreulichen Ereignissen wie dem Auftreten von Borkenkäfern, Windbruch oder auch Vandalismus sein. 

Vielfalt der Motive und Ziele 

Sauter bezeichnet sich selbst als „typischen Waldbesitzer“. Obwohl er „vom Fach sei, mache er in dem von seinem Vater geerbten Wald lediglich das Brennholz selbst „und räume ein bisschen auf“. Schmunzelnd fügt er an: „Holz wärmt ja bekanntlich mehrfach. Beim Holzmachen, beim Schichten und beim Heizen.“ Aber auch andere Faktoren würden „Urbane Waldbesitzer“ motivieren: das Erlebnis der Ernte, das Beobachten des Wachstums, wenn nach circa 15 Jahren der eigene Weihnachtsbaum gefällt werden kann, der Anblick von alten „Baum-Monumenten“ – das Naturerlebnis als Solches. Nicht zu vergessen der Holzerlös, der laut Julia Beyrer, Forstliche Mitarbeiterin WBV, „ab 40 Jahre aufwärts anfällt“. Krause nennt in ihrer Dissertation neben dem Waldertrag auch Selbstverwirklichung und Ausgleich, Naturbegeisterung, Generationenbewusstsein, Soziale Integration sowie Autarkie und Eigentum als Motive. 

Weibliche Waldbesitzer im Vormarsch 

Eine echte Männerdomäne ist der Waldbesitz schon längst nicht mehr. Rund 40 Prozent der Waldbesitzer sind laut Sauter weiblich, auch wenn es noch immer „kaum Försterinnen gibt“ und Frauen „bei Waldbegehungen kaum vorkommen“. Wie die Uni Freiburg herausfand (einzusehen unter http://www.freidok.unifreiburg. de/volltexte/7461/), kommen Frauen überwiegend durch Erbschaft elterlichen Waldes zu ihrem Waldbesitz, selten auch über Kauf, Pacht und Schenkung. Die Motive sind ähnlich wie die der Gesamtheit „urbaner Waldbesitzer“, wobei materielle Motive „mehr und mehr in den Hintergrund treten“. In der Veröffentlichung heißt es weiter: „Gewinnerzielung bleibt erwünscht, erhofft – ist jedoch nicht ausschlaggebend für den Besitzerhalt.“ 

Naturnahe Waldbewirtschaftung 

Wie die Bayerische Forstverwaltung auf ihrem Waldbesitzerportal (www.waldbesitzerportal.bayern.de) schreibt, zeichnet sich eine nachhaltige Holzproduktion dadurch aus, „dass sie naturnah und standortgemäß erfolgt. Ausreichend Totholz (morsches Holz, das im Wald verbleibt“ und Biotopbäume (alte und dicke Bäume mit besonderem Wert für Tiere und Pflanzen) verbleiben auf der Fläche und erhöhen den Wert des Lebensraumes Wald. Gleichzeitig bietet Ihr Wald Raum für Freizeit, Erholung und Bildung.“ Eine wichtige Rolle spielen dabei die schon seit Jahren laufenden Bestrebungen der Forstverwaltung, den monotonen Fichtenwald im Rahmen der Verjüngung durch Mischwald zu ersetzen. Dafür gibt es mehrere Gründe, auch wenn die Fichte als „Brotbaumart“ gut sei, weil sie schnell wachse, dicht stehen könne, robust und für Tiere „kein attraktives Futter ist“. „Aber dem Klimawandel ist sie nicht gewachsen“, erklärt Sauter. Zum Beispiel könne die Fichte „Verdunstung nicht so regulieren wie eine Weißtanne und als „Flachwurzler“ sei sie „im Reinbestand Sturm anfällig“. Unter anderem deshalb sei ein „gemischtes Portfolio“ mit Fichten, Tannen und Laubbäumen besser“, wobei Laubholz „maßnahmenbezogen“ auch vom Amt gefördert werde. Entscheidend ist die Standorteignung für die Baumartenwahl, die den Boden-, Klima- und Nährstoffbedingungen angepasst sein sollte. Durch die Entnahme, respektive Fällung, einzelner Bäume, wird die Konkurrenzsituation im Bestand entspannt, da Nährstoffe, Wasser und Licht für die verbleibenden Bäume besser verfügbar und diese dadurch gestärkt werden. 

Wer Wald besitzt, trägt auch Verantwortung 

Der Wald hat viele Funktionen. Er dient unter anderem als Trinkwasserfilter, als Regenwasserschwamm, der Hochwasserspitzen brechen kann, er filtert effizient Stäube, er schützt vor Steinschlag und Schneelawinen, er gibt Flora und Fauna einen Lebensraum... Außerdem eröffnet er den Menschen vielfache Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten. Sämtliche Wälder in Bayern unterliegen dem allgemeinen gesetzlichen Schutz durch das Waldrecht, in dem unter anderem eine nachhaltige Bewirtschaftung unserer Wälder festgeschrieben ist. Rund 64 Prozent aller Wälder unterliegen zusätzlich einem besonderen Schutz durch Naturschutz-, Wald- oder Wasserrecht. Eine Möglichkeit sein Waldeigentum auch als fachfremder, respektive „urbaner“ Waldbesitzer bestmöglich zu erhalten, bieten die Lehrgänge der Bayerischen Waldbauernschule. Neben Neueinsteigern finden hier auch Profis ein breites Angebot. Alternativ greifen Forstbetriebsgemeinschaften – freiwillige Zusammenschlüsse von Waldbesitzern – ihren Mitgliedern unter die Arme. Denn wie Bernhard Vollmar, Geschäftsführer des WBV Kempten Land und Stadt e.V., weiß, „wollen die Leute nicht mehr so viel der Arbeit selber machen“, zudem fehle es meist an Wissen, Erfahrung, Werkzeugen und – Zeit. Forstfachliches Know-how, die Beschaffung von Material und Pflanzen, Koordination der Ernteeinsätze, gemeinschaftliche Holzvermarktung und die zentrale Organisation und Abwicklung sind Dienstleistungen, die – nach Wunsch – vom WBV übernommen werden. Vollmar unterstreicht das Credo der deutschen Waldeigentümer, „Schützen durch Nutzen“, nach dem „nur ein verantwortungsvoll und nachhaltig bewirtschafteter Wald den Klimaveränderungen trotzen kann, tausenden Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bieten und Erholungsraum für uns alle sein kann“. 

Es geht auch anders 

Dem widerspricht ein Projekt im Bayerischen Wald, von dem Cornelia Schambeck, Waldbesitzerin aus Buchenberg, begeistert ist. Der BUND Natur habe dort nach riesigen Sturmschäden in den 1980er Jahren „einiges an Wald aufgekauft und einen Nationalpark gegründet“, in dem nichts aufgeforstet und auch das durch den Borkenkäfer befallene Holz nicht entfernt worden sei. Man habe den Wald, trotz „Aufschrei der umliegenden Waldbesitzer“, sich selbst überlassen, mit der Idee dahinter, ihn in einen Urwald zurückzuführen. Entstanden sei ein heller Mischwald „der lebt“, an dem „viele Organismen gearbeitet haben“. Eine Untersuchung habe ergeben, dass ein Tannensamen bis zu 400 Jahre im Boden überleben könne, um einen günstigen Zeitpunkt zum Keimen abzuwarten. Der Nationalpark ist für sie der lebende Beweis für ein „natürliches Regulativ“ (www.nationalpark-bayerischer-wald.de/). „Die Sichtweisen von AELF und WBV sind wirtschaftliche, da sie davon leben müssen“, hält sie diese aber durchaus „für berechtigt“. Viele „Urbane Waldbesitzer haben echt oft keine Ahnung“, räumt sie natürlich Pflichten ein, die der Waldbesitzer übernehmen müsse. „Bei uns hat der Mensch schon so weit in den Wald eingegriffen, dass man zum Beispiel auslichten muss, weil er zu dicht bepflanzt ist.“ Zwei Vorteile hat Schambeck gegenüber dem Gros „Urbaner Waldbesitzer“: einmal liegt ihr zwei Hektar großes Waldstück gleich neben dem ehemaligen Bauernhaus, das sie vor zehn Jahren gekauft hat und das Thema Forstwirtschaft ist der studierten Landwirtin alles andere als fremd. Als Zuständige für das Nachhaltigkeitsmanagement in einem großen Münchner Unternehmen setzt sie bei der Bewirtschaftung ihres Waldes allerdings auf die unabhängige, gemeinnützige Nicht-Regierungsorganisation Forest Stewardship Council (FSC), der für die „Förderung einer umweltfreundlichen, sozialförderlichen und ökonomisch tragfähigen Bewirtschaftung von Wäldern“ steht sowie auf das „Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes“, („Programm für die Anerkennung von Waldzertifizierungssystemen“), das über Ländergrenzen hinweg die weltweite Verbesserung der Waldnutzung und Waldpflege verfolgt. Als „Problem“ sieht sie den zunehmenden Freizeitsport im Wald, zum Beispiel „Biker wissen gar nicht, was sie kaputt machen“. Ihres Erachtens habe der Wald „keine Möglichkeit mehr zur Regeneration“. Sichtbar sei aber noch eine ganz andere „Bedrohung“: dass der Wald „mit der Klimaerwärmung Stress hat“. Sichtbar zum Beispiel daran, dass „im August schon braune Blätter an den Bäumen hängen“. Unsere Bäume seien es eben gewohnt „immer genug Wasser zu haben“. „Trockenheit im Winter oder Stürme“ seien Themen, zu denen sich „Urbane Waldbesitzer in der Regel keine Gedanken machen“ - Themen, zu denen sie noch „große Aufgaben“ auf WBV und AELF zukommen sieht. Eher eine Nebenrolle spielt der Wald für Schambeck als Geldanlage, zumal der „Holzpreis eine extreme Achterbahnfahrt“ sei und beim Wald nichts schnell gehen dürfe. „Für mich ist Wald etwas Beruhigendes, ein Rückzugsort und idealer Spielplatz für Kinder.“ Im Wald könne man viele auch kleine Dinge „einfach nur beobachten“ und „ich möchte, dass meine Kinder etwas mitnehmen, was andere gar nicht mehr sehen“ erinnert sie sich noch gerne an die Zeit zurück, in der sie ihr Opa, ein studierter Förster, auf Streifzüge durch das eigene Waldgut genommen und ihr all diese Dinge gezeigt hat.  Christine Tröger

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