Aus dem Schattendasein ins Rampenlicht

Neuer Alltagsbegleiter – Maske

Mund-Nasen-Maske hängt am Rückspiegel im Auto
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Sieht man inzwischen immer wieder. Eine Maske hängt griff-bereit im Auto am Rückspiegel. So kann im Alltag nichts schief-gehen.

Kempten – Rückblick. November 2019. Wenn damals von einer Einwegmaske die Rede war oder Ihnen mal ei-ne persönlich begegnet ist, dann waren Sie entweder beim Zahnarzt oder im OP. Wahlweise noch Komparse in einer Arztserie im Fernsehen. Punkt. Oder Sie hatten gerade den fernen Osten erkundet und einen einzigartigen Urlaub in Japan hinter sich. Gesichtsmasken sind dort seit jeher ein Markenzeichen für die japanische Hygiene. Sie schützen vor Pollen, Luftverunreinigungen, Bakterien, Viren und natürlich vor unerwünschten Blicken. Bei uns waren sie bis Ende letzten Jahres im Alltag eher eine Seltenheit. Weder in der Fußgängerzone noch in der Schule und schon gar nicht im Kino oder im Museum sind sie einem untergekommen. Und jetzt?!

Einen rasanteren weltweiten Aufstieg hat die letzten Jahrzehnte wohl keiner hingelegt. Die Maske macht‘s vor. Glückwunsch! Aus dem Nischendasein Vollgas rein in unseren Alltag. Der kometenhafte Aufstieg von ein paar Zentimetern Stoff. Filmreif! Die Marketing-Strategen im Allgäu werden zu Recht neidisch. Innerhalb kürzester Zeit sind Mund- und Nasenmasken zu einem wichtigen Begleiter und Accessoire in unserem Alltag geworden. Quasi die Eintrittskarte ins öffentliche Leben. Stellenweise sogar gesetzlich vorgeschrieben wie etwa beim Betreten des Supermarktes oder im öffentlichen Nahverkehr. Von Null auf Hundert. Das Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten. Sicherlich werden einige kreative und ausgefallene Modelle dieses Jahr bei manchem unterm Christbaum liegen. Hätten wir uns das vor einem Jahr träumen lassen? Aber plötzlich lauern sie überall. Nicht nur unterm Weihnachtsbaum oder als kleines Werbegeschenk. Gesichtsmaske mit Firmenlogo, jawohl. Auch in parkenden Autos baumeln sie in der Regel alleine und verlassen am Rückspiegel und warten sehnsüchtig auf ihren Träger. Der hat meist ein anderes Exemplar mit dabei und kann beim Holen von belegten Semmeln, Tanken oder anderen, doch eher ungeplanten Autofahrten jeder-zeit auf das lebensnotwendige Alltagsutensil zurückgreifen. Wie praktisch. Tja, da hat die Mund-Nasen-Bedeckung dem Wunderbaum aber ganz schön den Rang abgelaufen. Der musste seinen Platz im Innenraum mittlerweile schweren Herzens räumen.

Alles Maske, oder was?

Man sieht die Masken mittlerweile auch immer öfter an unseren Oberarmen oder in der Armbeuge. Mal schnell am Oberarm „parken“, wenn man dankbar nach frischer Luft schnappen darf. Bislang haben wir eigentlich nur Jogger gekannt, die ihr IPod oder Smartphone sturztauglich dort befestigt hatten. Die Zeiten ändern sich. Die gletscherblaue Einwegmaske ist auf dem Vormarsch! Längst nicht alles. So rasant der Aufstieg der Mund-Nasen-Bedeckung auch sein mag, umso erstaunlicher ist der stellenweise doch recht brutale Absturz unseres ästhetischen Empfindens. Zumindest bei einigen Zeitgenossen. Schlechter Geschmack, der Wunsch nach Aufmerksamkeit oder pure Nachlässigkeit? Ein Maskenball, wohin man schaut. Vielleicht siegt am Ende aber auch nur die Nützlichkeit über die Schönheit, wer weiß. Straßenkarneval der anderen Art. Die Jecken freut ́s in dieser tristen Zeit. Automatische Gesichtserkennung ist einstweilen auch Schnee von gestern. Und wer ist mal wieder schuld? Sie ahnen es sicherlich. Aber es geht noch weiter. Nicht nur, dass unsere Gedanken ständig um das Thema Maske kreisen (Habe ich eine mit dabei? Sitzt sie richtig? Kann ich sie abnehmen? Muss ich sie schon wieder aufziehen? Sollte ich lauter reden, damit man mich versteht?), nein, sie ist auch op-tisch inzwischen omnipräsent.

Wenn uns früher voller Entsetzen die vielen Zigarettenkippen oder zertretenen Kaugummis auf der Straße negativ aufgefallen sind, so sind es jetzt die aussortierten und achtlos weggeworfene Einwegmasken, die an allen Ecken und Enden unser Stadtbild prägen. Rinnsteine und Parks können ein Lied davon singen. Da sorgt das Coronavirus se Monaten für einen drastisch eingeschränkten Flugverkehr und eine deutlich bessere Klimabilanz, aber die Müllberge steigen weltweit konsequent an. Verkehrte Welt! Und woran liegt ́s mal wieder? Wie schnell sich das Stück Stoff still und heimlich in unseren Alltag geschlichen hat, stelle ich übrigens immer wieder fest, wenn ich zufällig auf etwas ältere Fotos stoße und kurz innerlich zusammenzucke. Wie? Wo ist denn da die Maske? Ach halt, stopp. Stimmt, das war ja noch vor Corona.

Da hatten wir noch freien Blick auf alle Gesichter und mussten nicht raten, wer sich hinter dem Stück Stoff verbirgt und in welcher Stimmung das Gegenüber gerade ist. Unsere Gesichtsmuskulatur besteht aus einer Gruppe von 26 Muskeln. Doch ein Großteil ist neuerdings hinter einem kleinen Vorhang verborgen. Bleiben also nur noch die Augen, um einschätzen zu können, wie der andere wohl gerade drauf ist. Nur doof, wenn das Gegenüber zu jener unglücklichen Personengruppe zählt, die eine Brille tragen. Wenn die nämlich gerade in den kälteren Monaten beschlagen ist, dann wird die Mimik zum fröhlichen Ratespiel mit eventuellem Zu-fallstreffer. Die Hersteller von Kontaktlinsen wird’s gewiss freuen. Es hält sich ja nach wie vor das hartnäckige Gerücht, dass manche Mitmenschen von der Maskenpflicht optisch sogar profitieren würden. Ein Schelm, wer Böses da-bei denkt! Der Maske sei mal wieder Dank.

Kathrin Dorsch

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