Spannende "Schau! Grabung" im Sommer

Neues aus dem Archäologischen Park Cambodunum

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V. li. Prof. Dr. Wolfgang Czysz (Provinzialrömischer Archäologe und ehemaliger Gebietsleiter des Landesamts für Denkmalpflege), Dr. Maike Sieler (Stadtarchäologin und Leiterin des APC) und Dr. Gerhard Weber (Archäologe und ehemaliger Kulturamtsleiter).

Kempten – In knapp zwei Wochen beginnt im APC auf der Wiese zwischen dem Römerspielplatz an der Taberna und dem Fußweg zum Chapuis-Park die zweite Schaugrabung seit Beginn der erneuten Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) im vergangenen Jahr.

Unter der Leitung des Provinzialrömischen Archäologen Prof. Dr. Salvatore Ortisi begibt sich die Grabungsmannschaft auf die Suche nach Spuren, die Aufschluss geben könnten über die Gründungsphase Cambodunums. In der Parzelle der Insula 1, des einzigen nie überbauten Häuserblocks der Römerstadt, hoffen sie, Reste des einst mindestens zweigeschossigen Wohn- und Gewerbebaus zu finden sowie noch ältere Zeugnisse für die wohl früheste Forumsanlage auf dem Lindenberg, die dem heute durch die Grundmauern der Basilika markierten, jüngeren Forum vorausging.

Nachdem das APC-Team um Dr. Maike Sieler in den letzten Monaten die Grabungsberichte früherer Kampagnen gesichtet hat, könnte es nun gelingen, die These vom älteren Forum zu belegen, die der Kemptener Kaufmann und ‚Alterthumsforscher‘ August Ullrich bereits in den 1890er Jahren aufgestellt hatte. Archäologische Befunde über einen solchen zentralen öffentlichen Platz mit Verwaltungsgebäuden, Kultstätten und Markthallen könnten entscheidend dazu beitragen, die Frühgeschichte Cambodunums zu erhellen: Hat es bereits vor der Regierungszeit des Kaisers Claudius – also vor dem Jahr 41, unter Caligula, Tiberius oder sogar Augustus – eine durchdachte, zielgerichtete Stadtplanung für die junge Siedlung gegeben? Und sollte dem so gewesen sein: Was sagt das über die strategische Bedeutung, die die römischen Regierungsvertreter diesem Ort – wohl schon damals, vor dem Bau des monumentalen jüngeren Forums, – beimaßen? Welche Rolle sollte Cambodunum, die womöglich erste Hauptstadt der Provinz Raetien, im römischen Herrschaftsgebiet nördlich der Alpen spielen?

Wenn sich die (Be-) Funde des neuen Forschungsprojekts „Schicht für Schicht“ chronologisch datieren lassen, so Sieler, Leiterin des Parks und der Stadtarchäologie, könnte die Insula 1 zudem Aufschluß geben über die weitere siedlungsgeschichtliche Entwicklung auf dem Lindenberg: Wann und warum haben die Entscheidungsträger beschlossen, die ältere Forumsanlage aufzugeben und das Gelände mit Wohnungen, Werkstätten oder Ladenarkaden zu überbauen? Welche Begleitumstände, planerischen Überlegungen oder ideellen Konzepte könnten dazu geführt haben, dass spätestens in der Zeit der flavischen Kaiser, ab etwa 69, etwas weiter südöstlich das neue Stadtzentrum mit steinernen Prachtbauten wie der immerhin gut 1000 Quadratmeter großen Basilika errichtet wurde?

BesucherInnen des Archäologischen Parks sind – sofern sie die aktuell geltenden Hygiene- und Verhaltensvorschriften einhalten – seit 5. Juli auch zu den öffentlichen Sonntagsführungen wieder herzlich willkommen und eingeladen, die „Schau! Grabung“ zu beobachten und nach aktuellen Ergebnissen zu fragen. Während Wissenschaftler und Grabungshelfer auf dem Lindenberger Ösch ein schützendes Zelt aufgeschlagen haben, bereiten Sieler und ihr Team im Kulturamt eine neuartige „Reise in die Römerzeit“ vor, auf die sie ihre Gäste ab September mitnehmen wollen: Im Rahmen eines von der EU geförderte LEADER-Projekts erstellen sie eine kostenlose App, die den APC-BesucherInnen, Spaziergängern und Anwohnern vor Augen führen wird, welche Straßenzüge und Gebäudefluchten der Römerstadt sie von ihrem jeweiligen Standpunkt aus vor etwa 2000 Jahren (idealerweise) gesehen hätten. In die virtuellen Darstellungen sind neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, zum Beispiel über die Bauformen der Basilika, eingeflossen. Außerdem werden neue Informationstafeln und -pulte installiert werden, die das Parkgelände und einstige Stadtgebiet als historisches Gesamtensemble erfahrbar machen, anschaulich informieren und mit spielerischen oder interaktiven Elementen verschiedene Aspekte des städtischen Alltags in Cambodunum für alle Generationen lebendig werden lassen. Dank Audiodeskription und Gebärdensprache, teils taktiler Schriften und „berollbarer“ Wege werden digitale wie analoge Angebote auch behinderten Menschen zugänglich sein.

„Stilprägend“ für die Architekturdarstellungen und Alltagsszenen auf den Schautafeln sei, so Sieler, die „außergewöhnliche“ Arbeit von Roger Mayrock. Der Rekonstruktionszeichner der Kemptener Museen begleitet die Erforschung und Gestaltung des römischen Freilicht-Museums seit Jahrzehnten und setzt in Zusammenarbeit mit ArchäologInnen, HistorikerInnen und Bauforschern den jeweils aktuellen Forschungsstand in maß- stabsgerechte Zeichnungen und detailreiche Aquarellbilder um.

Neben der Schaugrabung und dem Führungenprogramm bietet der APC seit kurzem auf seiner Homepage die neue MuseumsStars-App an. Bis zur Eröffnung des neuen Leitsystems samt Online-Quiz im Herbst können sich geschichtlich Interessierte und Neugierige schon mal an dieser „Lern-App für Kinder, Jugendliche, Schulklassen und Erwachsene“ versuchen. Das Kulturamt Kempten beteiligt sich an an diesem Gemeinschaftsprojekt deutschsprachiger Museen, das während des Lockdowns entstanden ist, mit einer „Challenge“, also einer Reihe von Aufgaben, über „Die Götter von Cambodunum“. Informationen gibt es her: www.apc-kempten.de/de/museumstars.

Antonia Knapp

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