"Nicht zu ersetzen"

Zur Eröffnung der Ausstellung „GeschichtsBilder“ mit historischen Rekonstruktionszeichnungen von Roger Mayrock (links) waren vier Mitglieder der Mittelaltergruppe „Lebendige Schwertkunst“ extra aus Tübingen angereist. Foto: Tröger

Wie war es wohl, das Leben im Mittelalter? Als „Versuch einer Annäherung“ will Roger Mayrock seine „Rekonstruktionszeichnungen“ – ein seines Erachtens nicht ganz zutreffender Begriff, den er „nicht so mag“ – verstanden wissen, und stieß damit bereits bei der Eröffnung seiner Ausstellung „GeschichtsBilder“ Ende vergangener Woche auf reges Interesse. Es gebe „so große Lücken“, nicht nur in der materiellen sondern auch schriftlichen Überlieferung, dass man immer nur von „Augenblickaufnahmen“ des momentanen Wissensstandes sprechen könne, die mit der nächsten Grabung eventuell schon wieder „korrigiert werden müssen“.

Vor allem im Kontext mit der Aufgabe von Museen, eine Vorstellung von vergangenen oder auch vergessenen Zeiten zu erzeugen, sah OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) die rekonstruierende Zeichnung als „grundlegend und nicht zu ersetzen“. Sie stelle nämlich nicht nur tote Materie dar, sondern „einen belebten Raum“. Im Vergleich zum computeranimierten Bild gelinge es in Handzeichnungen wie den hier gezeigten zudem besser, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Der Illustrationsgrafiker Mayrock verbinde „handwerklichen Ansatz der Geschichtsdarstellung mit künstlerischer Gestaltung“ und beschreite eine Gratwanderung zwischen „wissenschaftlicher Genauigkeit und darstellerischer Interpretation“. Seine Anfänge sah der Kemptener Zeichner und Mitarbeiter des Kulturamts in den Familienausflügen zu Burgen und Burgställen, eine Materie, die er aus Geschichten wie Prinz Eisenherz gekannt habe und die mit „diesen Grashügeln“ nicht viel gemein gehabt hätten. Auch Bugruinen „haben sich mir nicht recht erschlossen“, bekannte er. Also habe er begonnen in Bibliotheken zu recherchieren. Viele Möglichkeiten hätten sich schließlich durch das Zusammentreffen mit der heutigen „Stadthistorikerin“ Birgit Kata, damals Studentin in Konstanz, ergeben, unter anderem der Kontakt zu Peter Pfister von der Kemptener Stadtarchäologie oder „hochkarätige Fachvorträge“ besuchen zu können. Schnell erkannt, dass es ein „Problem ist, was Leute vom Mittelalter erzählen und was wir wirklich wissen“, halte er „Quellenkritik“ für zwingend: „Glaube keinem Text, den irgendjemand einmal geschrieben hat“, sondern überprüfe und hinterfrage alles, mahnte er. Die Mär vom „dunklen Mittelalter“ könne man vergessen, vertrat Mayrock die Ansicht, dass „dunkel“ wohl eher für das vergangene Jahrhundert gelten könne. Versöhnend räumte er ein, dass es „zu jeder Zeit haarsträubende Dinge“ gegeben habe. Als „noch lernend“ bezeichnete er sich was die Vielfalt mittelalterlicher Handwerkskunst angehe. Je mehr er aber darüber erfahre, umso unangebrachter empfinde er aktuelle Werbeslogans der Handwerkskammer, wie „Gestern hinterm Mond, heute auf dem Mars“. "Immer hässlicher" Im historischen Vergleich sei auch die „bedenkliche Entwicklung zur Scheußlichkeit“ in der Architektur seit mindestens Mitte des letzten Jahrhunderts auffällig. „Unsere Welt wird immer hässlicher“ und „früher haben die Leute auch kein Geld gehabt“, nahm er das Gros auch Kemptener Architekten ins Visier, bei denen es „allerdings auch Ausnahmen“ gebe. Im historischen Vergleich ein Dorn im Auge war ihm ferner der „maßlose Ausbau für Individualverkehr“, gemessen an der dadurch verursachten Zerstörung, die „bei weitem die Zerstörung durch die beiden letzten Weltkriege übertrifft“. Zu sehen sind Zeichnungen mit lebendigen Szenen an historischen Orten in und um Kempten, aber auch von Orten wie dem Rheinhafen anno 1189 in Duisburg. Die Ausstellung im Börsensaal des Kemptener Kornhauses läuft noch bis 29. Januar 2012, täglich außer Montag von 10 bis 16 Uhr.

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