Frischzellenkur zum 70sten

Nicht nur die Festwoche feiert Jubiläum – auch die dazugehörige Kunstausstellung

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Im Zusammenspiel bilden Kornelia Kesels „Es war einmal...“(li.) Isolde Eggers „Sixty shades of Blue“ (Mitte) und Gisela Doblers „Ansichtssache (re.) ein schillerndes Trio.

Kempten – Beim Betreten des Ausstellungsraumes steht man erst einmal vor einer Wand. Die erstmals vom Kulturamt ausgewählte Hängekommission will damit erreichen, dass man nicht gleich die ganze Ausstellung sieht, sondern sich für den „Einstieg“ links oder rechts entscheidet.

Die linke Hälfte dieser Wand ist mit Hintergrundtexten zur Ausstellung bestückt; die rechte Hälfte mit drei filigranen, eher unscheinbaren Bildern in zarten Tönen. Rechts außen die Marmorarbeit „Landschaftsrelief“ von Daniel Probst, deren Linien sich in veränderter Form daneben in der Tuschearbeit „Von der Breite in die Weite...“ von Brigitte Hafer fortsetzen. Zur Mitte hin: die Fotoarbeit „WEGen#24“ von Ralf Dieter Bischoff, ein schemenhafter Flur, der als eine Art „raumverlängerndes Bild“ die Wirkung der Trennwand durchbrechen soll, wie Susan Funk erklärte. 

Zusammen mit Silvia Jung-Wiesenmayer und Hanne König, M.A., hat sie das Ausstellungskonzept erarbeitet. Die sich von der weißen Wand kaum abhebenden, „leisen“ Bilder haben einen schweren Stand. Sie müssen sich gegen zwei „laute“ Werke behaupten, die um den Blick der Besucher auf beiden Seiten buhlen. Links der fotografische Eyecatcher „Tanz“ von Ragela Bertoldo. Rechts nicht weniger vereinnahmend ein „Betrunkener Bär“ in Öl auf Leinwand von Matthias Herzog, der mit dem darunter vorgelagert angeordneten „Aquädukt (nicht römisch)“ (Stahl, Glas) von Benedikt Zint eine eigenwillig-unwidersprüchlich gegensätzliche Einheit bildet. Hat man die Wand auf einer Seite umschifft, öffnet sich ein luftig mit Kunst gefüllter Raum, der trotz der vielen unterschiedlichen Werke und Stile eine in sanftes Licht getauchte ruhige Harmonie ausstrahlt. Anders als bisher sind die Preisträger (siehe Bericht im Kreisbote vom 17. Juli 2019 nicht zentralisiert, sondern bilden an den Stirn- und Seitenwänden platziert ein Kreuz. 

Einen nicht unerheblichen Beitrag zum harmonischen Gesamtbild liefern die kleinen ensembleartigen Gruppen von Werken, die durch Farbspiel, Muster, Form, Thema oder sonstigem Merkmal miteinander in Verbindung treten. Ein Beispiel dafür ist die Ecke gleich links vom Eingang, in der neben zwei Schwarz-Weiß-Fotografien namens „Tuschetien“ von Kristof Huf, die Fotografie „Lost Place“ von Birgit Wiederhold, ein Holzschnitt „aus der Serie ‚falsariga’x“ von Eugen Wilfried Müller und zwei ätherisch anmutende Bronzefiguren „Klang III/Gedankenaustausch“ von Agnes Keil zusammenspielen. Einen schrilleren Part übernimmt das Trio „Es war einmal...“ (Acryl, kreise und Papier) von Kornelia Kesel, „Sixty shades of Blue“ (Paperclay) von Isolde Egger und Gisela Doblers „Ansichtssache“ – ein Holzkästchen mit Reagenzgläsern und Schwimmbrille. Einen Hauch von Zen vermittelt der Blick in die rechte Ecke am Ende des Raumes, unter anderem mit dem recht reduzierten Eisenobjekt „o.T.“ von Josef Wehrle, der luftigen „Wolke“ aus PET und Silberdraht von Verena Konrad und der Acryl-Collage „Mittsommer“ von Brigitte Guggenmos. 

Ziemlich prominent in der Mitte des Raumes zieht Gerhard Mengers seltsames Gebilde einer Camera obscura die Blicke auf sich. Ein Hinweis von Susan Funk: Der Fokus richtet sich auf den diesjährigen Kunstpreis, den Markus Pieper für seine Kugelschreiber-Zeichnung „Waldarbeiter II“ zuerkannt bekommt. Die weiteren Preisträger 2019 sind Kathrin Ganser für „Digitale Ruinen Muc (BN#1 und 2)“, ein zweiteiliger Fine Art Print auf Hahnemühle Photo Rag Baryta (Thomas-Dachser-Gedenkpreis); Sebastian Mayrhofer für die Zeichnung und Collage „interface area“ (Förderpreis der Dr.-Rudolf-Zorn-Stiftung); Till Schilling für seine Installation „Being“ aus Spiegel, TV-Gerät, DVD-Player (Ausstellungsstipendium der Sparkasse Allgäu). Frisch und verjüngt kommt die Festwochen-Kunstausstellung zu ihrem 70. Geburtstag daher und unter den gezeigten 60 Werken von 24 Künstlerinnen und 28 Künstlern gibt es viel zu entdecken. Zu sehen sind sie von Samstag, 10. August, bis Samstag, 21. September, im großen Sonderausstellungsraum im Marstall (Alpin Museum), Landwehrstraße 4, bei freiem Eintritt. Neben dem diesjährigen Ausstellungskatalog (acht Euro) gibt es außerdem einen eigenen Jubiläumskatalog „Neue Kunst im Allgäu“ (zehn Euro – beide Kataloge zusammen kosten 15 Euro), der einen schönen Rückblick auf das hiesige Kunstgeschehen der letzten sieben Jahrzehnte und die Entstehung der Kunstausstellung im Rahmen der Allgäuer Festwoche zeigt. 

Christine Tröger

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