"Nicht immer ein gutes Vorbild"

Sabine Baumberger. Foto: privat

„Ob im Kindergarten, in der Schule, oder im familiären Alltag, die Grenzen unserer Kinder werden von uns Erwachsenen regelmäßig überschritten oder verletzt“, meint Sabine Baumberger. „Es ist mir ein Anliegen, dieses Thema in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen“. Sabine Baumberger ist zweifache Mutter, langjährige Lehrerin an einer reformpädagogischen Schule, Coach und von Jesper Juul persönlich ausgebildete Familylab-Seminarleiterin.

Die Medien sind voll von Hiobsbotschaften: aufmerksamkeitsgestörte Kinder schon im Kindergarten, Schüler mit Angststörungen und psychosomatischen Symptomen wie Kopf- oder Bauchschmerzen, magersüchtige junge Mädchen, gewaltbereite Jugendliche, Schulverweigerer, Komasäufer. Die Reaktion von Erwachsenenseite – privat wie professionell – ist meist der hilflose Schrei nach mehr Disziplin, Regeln oder Konsequenzen. Aber in einem Alltag der permanenten Reizüberflutung gilt mehr denn je: Kinder brauchen keine Grenzen, Kinder brauchen Kontakt, so Baumberger. Kontakt zu authentischen Menschen in ihren Familien, Kindergärten und Schulen. Menschen, die in der Lage sind für die gemeinsame Beziehung Verantwortung zu übernehmen. Den veränderten Bedürfnissen in Kindererziehung und Pädagogik gerecht zu werden, ist erklärtes Ziel der internationalen Organisation „familylab“ (Familienwerkstatt), die 2004 vom dänischen Familientherapeuten und Autor Jesper Juul gegründet wurde. „Die Ehe ist heute keine soziale oder moralische Notwendigkeit mehr, wir haben neue Familienformen und die Geschlechterrollen befinden sich in der Auflösung. Nix ist fix, alles ist möglich. Jede Familie muss für sich ihren individuellen Erziehungsstil finden. Zahlreiche Eltern fühlen sich hilflos und überfordert dabei“, so Baumberger. In unserem gesellschaftlichen Werte- und Bildungssystem, in dem ausschließlich Leistung und Erfolg zählen, wächst die Angst der Eltern, was die Zukunft ihrer Kinder anbelangt. Auf die Frage, welchen Schulabschluss sie sich für ihr Kind wünschen, antworteten in einer bundesweiten Umfrage 96 Prozent der deutschen Eltern „das Abitur“. Dazu kommt, dass unsere Schulen zu einem großen Teil an den Lernbedürfnissen und individuellen Fähigkeiten der Kinder vorbei agieren. Es ist fünf vor 12 für unsere Kinder und Jugendlichen, aber auch die Eltern und Lehrer brauchen dringend Hilfe und Unterstützung“, ist Baumbergers Meinung. Erwachsene als Vorbilder „Wir Erwachsenen sind Vorbilder“, sagt Baumberger, „und sicherlich nicht immer ein gutes Vorbild. Aber das geht auch gar nicht und muss nicht sein, denn das Leben ist nicht perfekt, genauso wenig wie wir selbst. Wir sind eine ständige Herausforderung für unsere Kinder und das ist gut so. Und umgekehrt ist es genauso – unsere Kinder sind eine ständige Herausforderungen für uns. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass Kinder uns bedingungslos lieben und vertrauen. Ich habe noch nie Eltern getroffen, die ihre Kinder nicht lieben, aber leider mangelt es zu oft am nötigen Vertrauen ins eigene Kind. Kinder kommen sozial und emotional kompetent auf die Welt und ihre Handlungen sind immer sinnvoll. Darauf können wir uns verlassen. Was Kindern fehlt ist Erfahrung und hier ist die Führung von Eltern und Pädagogen gefragt.“ In ihrem Praxisraum am Residenzplatz 1 in Kempten bietet Sabine Baumberger Vorträge und Elternseminare zu erziehungsrelevanten Themen wie „Nein aus Liebe“ oder „Herausforderungen und Chancen der Patchworkfamilie“, pädagogische Fortbildungen sowie Einzel- und Familiencoaching an. Dabei geht es immer um Beziehungs- und Führungskompetenz. Das nächste Referat zum Thema „Pubertät ist eine Tatsache, keine Krankheit“ findet am Freitag, 15. Juli, 19.30 Uhr im Kemptener Landhaussaal am Residenzplatz 33 (Ballettstudio Wagner) statt. Eintritt: acht Euro, Schüler und Studenten frei.

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