Nicht leicht zu verdauen

Zaghaft begann der Schlussapplaus bei der Premiere des Stückes „Engel“, nach dem die Zuschauer wohl erst einen Moment des Durchatmens einfordern mussten. Doch dann steigerte er sich rasch zu begeistertem Getrampel und Beifallsbekundungen für die Truppe der Theaterwerkstatt „Allgäupfeffer“. In einer zweistündigen Inszenierung ohne Pause hatten sie das Publikum im ausverkauften TheaterOben mit allen erdenklichen Facetten von Gefühlen, Nähe, Zärtlichkeit oder einfach emotionalen Umgang der Menschen miteinander konfrontiert.

Einiges an Konzentration hat das Verwirrspiel menschlicher Begegnungen und unterschiedlicher Wahrnehmungen seinen Zuschauern abverlangt. Aber auch an amüsanten Momenten mangelte es nicht, in denen die melancholisch-ironischen Absurditäten alltäglicher Neurosen Entspannung erfuhren. Unter Leitung der Regisseurin Simone Schatz gelang es den 14 Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen mit der antreibenden sechsköpfigen Live-Band „Badclub“ trotz mancher Überzogenheit – oder gerade deswegen? – den Zuschauer nicht nur passiv Konsument sein zu lassen. Den vorgehaltenen Spiegeln und Projektionsflächen konnte sich wohl kaum einer entziehen. Denn sind es nicht Fragen, die uns alle mal mehr, mal weniger beschäftigen? Die Frage nach der Wahrhaftigkeit persönlicher Erinnerung oder Wahrnehmung, die Frage wie viel Zärtlichkeit, Nähe, Einmischung wir zulassen können oder auch wollen. Wo liegt das richtige Maß für das einzelne Individuum, wo die Grenze zwischen Verunsicherung und Sicherheit? Hohe Professionalität „Engel“ hat die Autorin das Stück genannt, denn wie in den 23 szenischen Begegnungen deutlich wurde, kann keiner vorab sagen, welcher Mensch sich für ihn als Engel entpuppen könnte. Ein engagiert agierendes Schauspielerteam ließ oftmals vergessen, dass es sich hier um Laiendarsteller handelte. Geradezu bedrückend realistisch rang Heike um die emotionale wie räumliche Abnabelung von ihrem Vater, der sie seit dem Verlust seiner Ehefrau mit seiner Liebe erstickte. Dann war da Axel, der die Erinnerung an sein fast 20 Jahre zurückliegendes Glücksgefühl in der Gegenwart zelebrierte, ungeachtet dessen, dass seine wieder gefundene Flamme Ulla aus Unsicherheit der Vertrautheit immer wieder Grenzen zu setzen versuchte. Und da war Hardy, der von der fixen Idee geradezu besessen war, Elisabeth von ihrem Liebhaber ermordet an einem Strand in Polen gesehen zu haben. Selbst ihre Präsenz in der Bar, in der alle Stränge bei der Bedienung Asta immer wieder einen Fixpunkt fanden, änderte nichts an der felsenfesten Überzeugung seiner Erinnerung. Dass jede Handlung, jedes Erlebnis, jede Begegnung und wie sie individuell wahrgenommen wird immer die Grundlage dessen ist, was sich weiters, auch scheinbar unabhängig davon entwickelt, wurde durch die sehr wechselhaften Verstrickungen der Protagonisten nachvollziehbar. Weitere Vorstellungen gibt es am 21. und 22. April jeweils um 20 Uhr. Karten sind beim KREISBOTEN erhältlich unter der Telefonnummer 0831/2528310.

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