Kemptener Verein kämpft in der Sahelzone gegen die "Gottesstrafe"

Noma – Krankheit der extremen Armut

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Aufklärungsarbeit in Burkina Faso, wo Noma im Gebiet der benachteiligten Sahel-Zone stark verbreitet ist.

Kempten – „Erst schwillt das Gesicht des Kindes an, dann zerfrisst die Nekrose alles weiche Gewebe. Lippen und Wangen verschwinden, klaffende Löcher tun sich auf. Die Augen hängen nach unten, da der Knochen der Augenhöhle zerstört wird. Der Kiefer wird unbeweglich. Die Narbenbildung entstellt das Gesicht. Da der Kiefer blockiert wird, kann das Kind den Mund nicht mehr öffnen. Daraufhin bricht die Mutter die Zähne an der einen Seite heraus, um dem Kind einen Hirsebrei einflößen zu können.“

Was sich ließt wie die Szene aus einem Horrorfilm, ist jedes Jahr für abertausende von Kindern unter sechs Jahren, vor allem in Afrika, grausame Realität. 100.000 von ihnen sterben allein auf dem schwarzen Kontinent jedes Jahr an dieser Hungerkrankheit, die überall dort auftritt, wo Mangel-

ernährung und mangelnde Hygiene das Immunsystem der Kinder schwächen. Diejenigen, die überleben, bleiben oft ein Leben lang entstellt und von der Gesellschaft stigmatisiert und ausgegrenzt. Die bakterielle Krankheit ist zwar nicht ansteckend, aber in 80 Prozent der Fälle tödlich und zerfrisst innerhalb von nur rund zwei Wochen das Gesicht der Kinder.

Wird die Erkrankung bereits im Frühstadium erkannt und behandelt, kann sie mit einer einfachen Antibiotika-Behandlung innerhalb von 48 Stunden geheilt werden. Ohne Medikamente seien die Erkrankten dem „Tod durch Sepsis“ geweiht und die Überlebenden für den Rest ihres Lebens deformiert, erklärt Ronan Grippay, Geschäftsführer des „Gegen Noma Parmed e.V.“ im Gespräch mit dem Kreisboten. Gegründet wurde der inzwischen 80 Mitglieder unterschiedlichster Nationalitäten zählende Verein 2008 von zwei Geschäftsführern des Käseherstellers Edelweiss in Kempten und dem Allgäuer Bergsteiger Peter Melchin. Letzterer organisiert jedes Jahr den „Lauf der guten Hoffnung“ (www.lauf-der-guten-hoffnung.de), in diesem Jahr am 8. Juli. Grippay hofft einmal mehr auf zahlreiche Wanderfreudige, die den Benefizlauf von Oberstdorf nach Immenstadt zugunsten des Vereins unterstützen.

Insgesamt hat der Verein seit Bestehen rund eine halbe Million Euro in Projekte in der Sahel-Zone in Burkina Faso investiert. „Andere afrikanische Länder haben auch schon Interesse an unserer Arbeit bekundet“, und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) seine Unterstützung zugesagt, „dass wir in anderen Ländern tätig werden können“, freut sich Grippay.

Früherkennung ist die beste "Medizin"

Es geht dem Verein nicht nur darum, die Krankheit möglichst früh medikamentös zu heilen oder, neu seit diesem Jahr, auch „chirurgische Korrekturen“ durchzuführen, was meist in mehreren Operationen, erst im Alter zwischen 16 und 18 Jahren durchgeführt werden könne. Es geht um Aufklärung und Prävention, vor allem aber darum, die Bevölkerung dazu zu befähigen, die Sache selbst in die Hand nehmen zu können. Auch gelte es Vorurteile abzubauen, wie dass Noma „eine Gottesstrafe ist“ und deshalb das erkrankte Kind oft von der Familie versteckt werde bis es sterbe, erklärt Grippay.

Nur wenige Tage noch und das Gesicht wird komplett zerfressen sein, wenn es unbehandelt bleibt.

Wichtige Bestandteile der Präventionsarbeit sieht er in einfachen Hygienekursen, wie Zähneputzen. Der ideale Nährboden für Noma sei nämlich Zahnfleischentzündung gepaart mit einseitiger Ernährung, der nicht deshalb sei, „weil sie zu wenig zu haben“. Mikrokredite an Mütter sollen hier künftig für einen vielseitigeren Eigenanbau sorgen. Und weil rasche Erreichbarkeit von Antibiotika im Fall einer Erkrankung entscheidend ist, hat sich der Verein auch auf die Fahnen geschrieben Gesundheitsstationen mit den nötigen Medikamenten auszustatten.

Dank der Gelder auch von Spendern und Stiftungen konnten schon über 1600 „Gesundheitsagenten“ ausgebildet werden, die im Bereich Aufklärung aktiv sind: Traditionelle Heiler, Ärzte in der betroffenen Region, Hebammen, aber auch Mütter oder Medienexperten. Ferner wurden rund 200 Meinungsführer durch Überzeugungsarbeit sowie eine breite Bevölkerung durch Theateraufführungen, eine Radiokampagne, sozialpädagogische Schulungen und eine „Presse Roadshow“ sensibilisiert. In ganz Afrika kommen eigens entwickelte Printmedien, unter anderem Bilderbücher, zum Einsatz.

Einen wichtigen Punkt in der Arbeit des Vereins sieht Grippay auch in der Sammlung wichtiger Daten über Noma-Fälle und Heilungen auf nationaler Ebene, denn selbst die WHO habe „keine einigermaßen aktuellen Zahlen“. Der mit DZI-Spendensiegel versehene Verein ist laut Grippay „offizieller Teil des Regierungsprogrammes gegen Noma“ und arbeite mit einem Team von Spezialisten unter anderem aus Zahnärzten oder, für die chirurgischen Behandlungen, auch einem Krankenhaus einer Schweizer Stiftung in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou zusammen.

Für Grippay, der der einzige hauptamtliche Mitarbeiter des „Gegen Noma Parmed e.V.“ und zuständig für so ziemlich alles von der Veranstaltungsorganisation bis zur Akquise von Spendern ist, besteht ein Vorteil darin, „dass der Verein aus einer Firma heraus entstanden ist“ und deshalb auch das Management entsprechend aufgebaut sei, „inklusive der Kontrollmechanismen“. Alles Geld jedenfalls, versichert er, gehe trotz der Zusammenarbeit mit der Regierung des westafrikanischen Landes ausschließlich in die Projekte, da sie „direkt von uns bezahlt werden“.

Mehr über den engagierten Verein im Internet unter www.gegennoma.de.

Christine Tröger

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