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NS-Diktatur in Kempten: Die Stadtführung „Es geschah genau hier“

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Von: Katharina Müller-Tolk

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Zeichnung des 1944/45 im Kemptener Außenlager inhaftierten
 Paul Wernet von der Ausgabe der Lagerkleidung.
Zeichnung des 1944/45 im Kemptener Außenlager inhaftierten Paul Wernet von der Ausgabe der Lagerkleidung. © Repros: Stadtarchiv

Die neue Stadtführung führt zu den Schauplätzen der NS-Diktatur in Kempten.

Bei dem Geschichtsrundgang geht es um die städtischen Protagonisten, die in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945 zu Tätern wurden, um die zahllosen Opfer der Ideologie aber auch um Mut und Menschlichkeit Einzelner inmitten der Barbarei. Der Geschichtsrundgang vermittelt, wie umfassend die Staatsideologie des Nationalsozialismus das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und geistige Leben auch in Kempten ab 1933 durchdrungen und in seine Gewalt gebracht hatte. Hier wie deutschlandweit waren die Menschen, die zu Tätern wurden, Teil der Gesellschaft gewesen: Sie arbeiteten in der Stadtverwaltung, der Justiz, dem Gesundheitswesen und der Wirtschaft. Am Alten Bahnhof, dem heutigen August-Fischer-Platz vor dem Forum Allgäu, startet Martin Scheidl, Stadtführer der Stadt Kempten, den Geschichtsrundgang. Etwa 25 Teilnehmer begleiten ihn auf den Spuren der ehemaligen Nazischauplätze. Viele kennen den alten Bahnhof noch, an dem ab 1940 die Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten ankamen und von dem aus Soldaten in die Kriegsgebiete gebracht und Juden deportiert wurden.

Vom Alten Bahnhof führt der Weg zur heutigen Allgäuhalle – ein unscheinbares Schild an der Außenwand erinnert noch heute daran, dass die ehemalige Tierzuchthalle von August 1943 – April 1945 Außenlager des KZ Dachau war. Hier wurden ab 1944 französische Zwangsarbeiter untergebracht und zum Arbeitsdienst für die Rüstungsindustrie in der Shedhalle gezwungen. Paul Wernet, ein junger französischer Häftling, hat den Alltag im Lager mit Zeichnungen dokumentiert. 2017 konnte die Stadt Kempten diese erwerben und im Kempten Museum der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sie sind ein ebenso eindrückliches wie seltenes Zeugnis, da sie einen authentischen, unmittelbaren Eindruck des Lageralltags vermitteln. In der Reihe „Kataloge und Schriften der Museen der Stadt Kempten (Allgäu), Bd.27“ wurden die Zeichnungen als 124 Seiten starkes Buch von Volker Babucke (Likias-Verlag Friedberg) publiziert; Autor: Markus Naumann, Historiker und 1. Vorsitzender des Heimatvereins Kempten. Der harmlose Anblick der vertrauten Gebäude im heutigen Stadtbild, die beinahe genau so aussehen wie auf den Fotos die Scheidl während der Führung zeigt, wirken wie „stumme Zeugen“ der barbarischen Vorgänge in Nazideutschland.

Stadtführer Martin Scheidl vor
 der Allgäuhalle in Kempten bei der Führung „Es geschah genau hier“
Stadtführer Martin Scheidl vor der Allgäuhalle. © Müller-Tolk

Dass das beflaggte Kempten einmal Wirklichkeit war, ist heute nur schwer vorstellbar. Aus diesem Grund ist die Auseinandersetzung mit diesem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte, den Ursachen und Wirkungen, die schlussendlich in die Katastrophe führten, nach wie vor wichtig, wie die Führung verdeutlicht. Was sich ab 1933 abspielte, hatte sich bereits in den 1920er Jahren angebahnt und zehn Jahre später, am 30. Juli 1932, dazu geführt, dass sich 18.000 Menschen vor der Tierzuchthalle versammelt hatten, um Hitler zu sehen und zu hören. Nach der Machtergreifung war die Maschinerie, welche fortan sichtbar das Stadtbild prägte, in vollem Gange: Im März 1933 wurde der Platz vor dem Jägerdenkmal am Haubenschloss zum AdolfHitler -Platz ernannt, wichtige Straßen und Gebäude regelmäßig beflaggt. Von der Shedhalle verläuft der geschichtliche Spaziergang am Illerdamm entlang zur St. Mangbrücke und dem St. Mang-Platz, welche als Orte des Widerstands Kemptner Bürgerinnen und Bürger in die Geschichte eingegangen sind. Kurz vor dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 hatten sich Kemptner Bürger dem Befehl der Wehrmacht, sämtliche Brücken zu sprengen, widersetzt und entfernten den Zünder an der St. Mang-Brücke. Der mutige Widerstand Einzelner zeigt die Komplexität der Aufarbeitung auf.

Wahlkampfauftritt Adolf Hitlers in Kempten.
Wahlkampfauftritt Adolf Hitlers in Kempten. © Repros: Stadtarchiv
NS-Zeit in Kempten: Beflaggung vor dem Kornhaus.
Beflaggung vor dem Kornhaus. © Repros: Stadtarchiv

Wie die Volksstimmung in Kempten im Nationalsozialismus war, bleibt dennoch eher im Dunkeln. Eine weitere Station ist die Rathausstraße. Hier gab es mehrere jüdische Geschäfte, wie das Herren- und Kinderbekleidungsgeschäft Hansa, das heutige Ratscafé. Ullmann, Kohn, Sax, Hauser, Löw – diese Namen prägten das Kemptner Geschäftsleben bis 1933 maßgeblich. Es waren alteingesessene, angesehene jüdische Familien, was sie jedoch nach der Machtübernahme nicht vor Repression, Enteignung, Zwangsumsiedlung und Deportation schützen konnte. 21 „Stolpersteine“, eine weltweite Initiative zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, erinnern in Kempten an ihr Schicksal.

Am Residenzgebäude, wo Todesurteile gefällt und, da hier ab 1934 das „Erbgesundheitsgericht“ tagte, unzählige Schicksale gemäß dem Rassehygienegesetz besiegelt wurden, endet die zweistündige Führung. Seit gut zwei Jahren beschäftigt sich die Stadt Kempten nun intensiv mit ihrer NS-Vergangenheit. Die Aufarbeitung wird durch lokale und externe Forscher begleitet. Die Stadt hat es sich zum Ziel gesetzt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch für die breite Bevölkerung zugänglich zu machen. Mit der Idee, eine Stadtführung zu den Schauplätzen nationalsozialistischen Wirkens zu konzipieren trifft dieses Ansinnen offenbar ins Schwarze. Das Angebot stößt in Kempten und Umgebung auf große Resonanz: Die ursprünglich drei Termine konnten kurzfristig aufgestockt werden, um möglichst vielen Interessenten die Teilnahme zu ermöglichen. Zukünftig könnte die Führung fest auf dem Stundenplan von Schulen stehen. Auch wird vom Kulturamt erwogen, die Stationen des Geschichtsrundgangs mittels Infotafeln dauerhaft sichtbar zu machen. 

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