Was oben fehlt, wächst unten nach

Mischwälder wie dieser am Mariaberg bei Kempten sind für Forstdirektor Peter Titzler hier mit seinem Hund Franzi, ideal und zukunftsweisend. Foto: Tröger

Der Wald prägt das Landschaftsbild des Oberallgäus wesentlich. Ein Bild, das sich aber zu verändern begonnen hat. Die Monokulturen aus Fichte haben in der Vergangenheit zu viele Schwachstellen offenbart. Man erinnere sich an Stürme wie „Wibke“, die gerade in den einseitig bepflanzten Beständen flach wurzelnder Fichten große Schäden angerichtet haben und dem nur für Fichten gefährlichen Borkenkäfer damit Tür und Tor öffneten. Zudem hat der Wald vielfältige Aufgaben zu erfüllen, nicht nur in punkto Holzgewinnung. Neben zahlreichen Schutzfunktionen für Boden und Klima oder als Erholungsort hat er sich auch mit seinen vielen essbaren und heilend wirkenden Pflanzen wieder ins Bewusstsein gebracht. Der KREISBOTE hat sich bei Forstdirektor Peter Titzler über die heimische Waldsituation informiert.

„So stellen wir uns die Wälder der Zukunft vor“, präsentierte Titzler ein vorbildliches Waldstück am Mariaberg: Ausgelichteter Mischwald, der dem im Allgäu meist hügeligen Boden durch Wurzeln auf allen Etagen Halt gibt und viel Licht für Sämlinge, Jung- und kleinere Waldpflanzen durch lässt. „Wenn oben ausgelichtet ist, wächst es unten“, erklärte er Sinn und Zweck der Ausdünnung zu dichter Baumbestände. Totholz ist wichtig Es müsse aber auch Bäume geben, die „natürlich sterben“, um von Käfern und Pilzen zu Humus verarbeitet zu werden. Im Waldleben sei Totholz nämlich eine wichtige Komponente. Zum Beispiel baue der Specht nur in kaputte oder „nicht mehr so gesunde“, von Käfern befallene, Bäume seine Wohnstatt, die dann nach seinem Auszug unter anderem gerne von Tauben genutzt würden. Wenn ein Ast abgebrochen sei, „dauert die Heilung der Wunde etwa zehn bis 15 Jahre“, nannte er einen „günstigen Ort für ein Spechtloch“. Unter den Bäumen im Wald „findet ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb statt“, so Titzler. Da alle zur Sonne strebten, seien dabei „gerade, lange Stämme mit Ästen erst oben an der Krone gefragt“. Die „sehr dichte Naturführung“ im ersten Lebensdrittel müsse dann aber ausgeforstet werden, damit sich die Bäume stabil entwickeln könnten. Als „sensationellen“ Baum bezeichnete er die heute unter Naturschutz stehende Eibe. Sie werde zwar nur zwischen fünf und sieben Meter hoch, aber ihr „macht das Spiel von Licht und Schatten nichts aus“ und mit einem Alter von bis zu 1000 Jahren, „kann sie zwei bis drei Generationen Wald überleben“. Im Mittelalter sei ihr „sehr biegsames Holz“ unter anderem zum Bau von Bögen verwendet worden, weshalb sie heute selten sei. Auch wegen ihrer Giftigkeit für viele Tiere sei man ihr vielerorts zu Leibe gerückt. Damit ein Eibensamen aufgehen könne, „muss er einmal durch den Verdauungstrakt eines Vogels“ gewandert sein, erklärte er eine der vielen Besonderheiten des eingespielten Systems Wald, in dem „der ständige Wechsel das Normale ist“. Ein Ziel sei, noch vorhandene Fichten-Monokulturen in Mischwald zu verwandeln, damit der Wald dauerhaft seine wichtigen Funktionen erfüllen könne. Guter Pflegeumtrieb Allerdings sei der Preis für Fichtenholz derzeit hoch. „Waldbesitzer sehen, Fichte ist gefragt und blenden die Probleme aus“, räumte er eine Hürde ein. Obwohl manche Stellen schwer zugänglich seien, bescheinigte er den Wäldern um Kempten einen „sehr guten Pflegeumtrieb“. Und auch im Oberallgäu gebe es bereits viele Mischwälder. „Wenn sie von den nachfolgenden Generationen so weiter geführt werden, gibt’s eigentlich nichts zu verbessern“, beurteilte er die hiesige Waldsituation insgesamt positiv.

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