Offene Klassen, Unterstützung und Spezialangebote

"Das Kind im Zentrum"

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„Nicht das Individuum muss sich an ein bestimmtes System anpassen, sondern umgekehrt muss das System die Bedürfnisse aller Lernenden berücksichtigen und sich gegebenenfalls anpassen“, so Landrat Anton Klotz bei der Bildungskonferenz.

„Wege zu einem bildungsinklusiven Landkreis.“ – Das war das Motto der zweiten Oberallgäuer Bildungskonferenz, die am Dienstagnachmittag in der Grund- und Mittelschule Dietmannsried stattfand.

Bildung werde im Landkreis Oberallgäu seit Jahren groß geschrieben, betonte Landrat Anton Klotz in seiner Begrüßungsrede. Grundlegender Gedanke sei „Kein Talent darf verloren gehen“. Diesen nachhaltigen Prozess habe der Landkreis gemeinsam mit allen an der Bildung beteiligten Akteuren der Region angestoßen. Wie berichtet, wurde dem Oberallgäu dafür im vergangenen Jahr das Qualitätssiegel „Bildungsregion in Bayern“ verliehen. Das übergeordnete Ziel sei, die Bildungs- und Teilhabechancen der Menschen vor Ort durch ein passgenaues Bildungsangebot zu verbessern und die Bildungsträger nachhaltig zu vernetzen. „Die Inklusion von Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung ist dabei eine der vordringlichsten Aufgaben“, so Klotz.

Keine leichte Aufgabe, deshalb hat sich die Lenkungsgruppe Bildung Anfang dieses Jahres das Thema „Inklusion“ als Jahresschwerpunkt festgelegt. Auch die zweite Oberallgäuer Bildungskonferenz griff am Dienstag dieses Thema auf und stand unter dem Motto „Wege zu einem bildungsinklusiven Landkreis“. „Hier befinden wir uns noch am Anfang“, machte Klotz deutlich, war jedoch überzeugt davon, dass die rund 100 eingeladenen Fachexperten – Vertreter von Kindertagestätten, Schulen, Verbänden und Trägern – durch ihr Wissen und ihre Erfahrungen den Prozess tatkräftig unterstützen „und wir so diesen Weg gemeinsam gehen können“.

Die Stadt Kempten ist seit 2015 Modellregion Inklusion (der Kreisbote berichtete). Oliver Huber, Leiter des Kemptener Amts für Jugendarbeit, gab den Anwesenden zusammen mit Tobias Schiele, Rektor der Grundschule an der Sutt, und Georg Trautmann, Studienrat im Förderschuldienst, einen Praxisbericht. Kempten sei Schulstadt und neun Schulen hätten das Schulprofil Inklusion. Ziele der Modellregion Inklusion aus der außerschulischen Perspektive sind laut Huber unter anderem die Erarbeitung eines Leitbilds Inklusion sowie gemeinsame Förderkonzepte von Schule und Jugendhilfe und die Stärkung der präventiven Maßnahmen. Die Ziele aus schulischer Perspektive erläuterte Schiele, wobei „es gar nicht so große Unterschiede gebe“. Es müsse unter anderem flexible Formen des gemeinsamen Unterrichts und eine sonderpädagogische Förderung vor Ort geben. „Im Zentrum aller Bemühungen muss immer das einzelne Kind stehen und darum ranken sich verschiedene Systeme“, unterstrich er. An „seiner“ Schule seien insgesamt 230 Schüler, 42 davon haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund an der Suttschule liegt bei 75 Prozent. In Sachen Inklusion sei die Suttschule auf einem Weg, „der für uns positiv ist“, so Schiele. Die drei Leitsätze „Begabung ist individuell“, „Stärke statt Macht“ und „Kooperation“ bilden dabei das Fundament für die drei Säulen Fachlichkeit, Erziehung und Vernetzung. Das Dach der Säulen bilden die Einzelintegration und die Schulbegleitung.

Um in Sachen Inklusion voranzukommen, müssen alle Betroffenen zu Beteiligten gemacht werden, stellte Trautmann klar. Damit alle Beteiligten sich einbringen können, sei ein großer Zeitaufwand nötig. „Unsere Motivation ist es, für alle Kinder und Jugendlichen möglichst optimale Lern- und Entwicklungsbedingungen zu schaffen, egal an welchem Lernort.“ Die Vision sei ein zukunftsfähiges SFZ (sonderpädagogisches Förderzentrum), das Unterstützungsangebote für Regelschulen, offene Klassen für Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf und Spezialangebote für Kinder am Rande der Beschulbarkeit (Kinder, die aus dem inklusiven Setting herausfallen und nicht verloren gehen dürfen) bietet.

Andrea Merkle und Dr. Gloria Jahn vom Bildungsbüro Oberallgäu stellten die Idee „Wege zu einem bildungsinklusiven Landkreis“ vor und präsentierten aktuelle Daten für das Oberallgäu. So werden in den Oberallgäuer Kindergärten beispielsweise 3545 Kinder betreut, 72 davon mit Eingliederungshilfe (behinderte oder von wesentlicher Behinderung bedrohte Kinder). „Hier sind es vor allem Kinder mit sozio-emotionalem Förderbedarf“, so Dr. Jahn. 380 Schüler aus dem Landkreis mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen eines der fünf Förderzentren in Kempten, 206 besuchen das Förderzentrum in Sonthofen und 203 Schüler mit getestetem sonderpädagogischem Förderbedarf sind in „normale“ Schulklassen bzw. Kooperationsklassen integriert. Laut Dr. Jahn werden aber nicht alle Schüler getestet.

Die Teilnehmer der Bildungskonferenz teilten sich anschließend in drei Gruppen auf (Kleinkinder, Schulkinder, (junge) Erwachsene) und erarbeiteten den Ist-Stand im Bereich Inklusion. Die Ergebnisse der Gruppen werden nun in einer Infobroschüre zusammengefasst. Dann werden Projekt-

arbeitsgruppen gebildet, die sich ab Herbst tiefer mit den jeweiligen Themen auseinandersetzen. Aus der Arbeit der Projektgruppen soll sich dann eine Strategieentwicklung für den Landkreis ergeben, so Merkle.

Abschließend sprach Ralph Eichbauer, Abteilungsleiter „Mensch und Gesellschaft“ im Landratsamt, von einem „guten Auftakt“ sich aus Sicht des Landkreises einen Überblick (z.B. was läuft schon an den Schulen) zu diesem „großen Thema“ zu verschaffen. Nach der Zusammenstellung der Anmerkungen werde in die Überlegungen eingestiegen, was von der Modellregion Kempten für den Landkreis übernommen werden kann. Im Gegensatz zu Kempten müsse sich der Landkreis jedoch mit 28 Bürgermeistern und Gemeinderäten abstimmen.

Melanie Weidle

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