"Stadt und Land Hand in Hand"?

Das Oberallgäuer 100-Euro-Jahresticket düpiert und spaltet die Kemptener Kommunalpolitik

+
Die Stadt Kempten wehrt sich gegen den Vorwurf, „Verhinderer des ÖPNV im Allgäu“ zu sein.

Kempten – Vom lange Zeit gebetsmühlenartig bemühten Mantra „Stadt und Land Hand in Hand“ ist derzeit nicht viel – um nicht zu sagen: nichts – zu spüren. Spätestens seit der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz mit dem 100-Euro-Jahresticket für den ÖPNV in seinem Landkreis vorgeprescht ist, hängt der Haussegen zwischen „Stadt und Land“ gehörig schief. Auch in der Sitzung des Stadtrats vergangene Woche hagelte es vorwiegend verbale Prügel für das 100-Euro-Ticket. Von „PR-Gag“ bis „unseriös“ war da die Rede

Initiiert hatte die Diskussion Thomas Siedersberger, Geschäftsführer der Kemptener Verkehrsbetriebe- und Beteiligungsgesellschaft (KVB) am Ende seines Beteiligungsberichts. Dabei stand für ihn grundsätzlich außer Frage, dass der Weg weg vom Individualverkehr hin zu mehr ÖPNV sein müsse. Nur, „wie schafft man das in einem autoaffinen Land wie Deutschland?“ stellte er die rhetorische Frage. „Ich glaube nicht, dass eine reine Preisreduzierung“ eine stärkere ÖPNV-Nutzung bringe, denn der Individualverkehr sei „flexibler, schneller und bequemer“. 

Breite Zustimmung aus dem Gremium erhielt er auch dafür, dass neben dem attraktiven Preis das Angebot stimmen muss, sprich: bessere Taktung sowie ein engeres Haltestellen-Netz und zugleich Maßnahmen, um die Innenstadt für den Autoverkehr unattraktiv zu machen. Der Oberallgäuer Ansatz „wird viel Geld kosten“ und am Ende werde keines mehr für Verbesserungen übrig sein, orakelte Siedersberger. Vor allem sei der Zug das wichtigste Verkehrsmittel im Landkreis, „und mit denen wurde noch nicht einmal gesprochen“, verglich er den Vorgang mit einer Einladung zur Hochzeitsfeier, ohne vorher die Braut gefragt zu haben. Seine Einschätzung: „Ich bin überzeugt, dass es gar nicht umgesetzt wird.“ 

Helmut Hitscherich (UB/ödp) regte unter anderem an, die unterschiedliche Tarifstruktur in „ein Ticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel“ zu bündeln und in Kempten „Tempo 30 innerhalb des Rings“, um den Autoverkehr unattraktiver zu machen. 

„Solange wir es nicht einmal schaffen, das Verkehrschaos auf dem Rathausplatz“ zu beseitigen, müsse man sich auch nicht über Autos in der Innenstadt wundern, befand Ingrid Vornberger (SPD), die erheblichen Verbesserungsbedarf bei der ÖPNV-Anbindung der Kemptener Stadtteile an die Innenstadt sah. 

Michael Hofer (ödp) brachte Vorarlberg als Vorbild ins Spiel, wo zugleich Angebot und Preise verbessert worden seien und der ÖPNV seither gut angenommen werde. Er regte an, das Mobilitätskonzept (Moko) in Kempten schon mal in den Teilen zu verwirklichen, die die Stadt „wieder besser erlebbar machen“. 

Der Vorwurf des Kreistags, „die Stadt Kempten ist der Verhinderer des ÖPNV im Allgäu“, habe ihn „sehr getroffen“, meldete sich Helmut Berchtold (CSU), Busunternehmer und Aufsichtsrat der Mona, zu Wort, und stellte klar, „das sind wir mit Sicherheit nicht“. Schließlich sei die vor fünf Jahren gegründete Mona (Mobilitätsgesellschaft für den Nahverkehr im Allgäu) eine Initiative Kemptens gewesen. Gute Resonanz konnte er für das Jobticket vermelden. Auch das Semesterticket werde inzwischen gut angenommen, allerdings seien die Studenten erst aufgesprungen, als sicher gewesen sei, „dass sie um fünf vor acht an der Hochschule sein können“; und auch die Fahrplänen habe man u.a. mit Verbindungen am Samstag und abends verbessert und dadurch mehr Kunden gewinnen können. 

Seitens Mona wird derzeit bekanntlich ebenfalls an einer Stadt- und Landkreisgrenzen übergreifenden Verbundlösung für die beteiligten Kommunen gearbeitet; im Gegensatz zum Oberallgäuer 100-Euro-Ticket, könne man aber auf diverse Gutachten und Erfahrungen von bereits laufenden Angeboten zurückgreifen, so Berchtold. „Wir brauchen ein Bombenangebot“ und da sei man dran, versicherte er. Problematisch sah er, sollte die Bahn nicht mit ins Boot geholt werden können. Wenn der Landrat das schaffe, umso besser. 

Da hatte aber vor allem Dieter Zacherle (Freie Wähler) so seine Bedenken, vor allem was den ambitionierten Zeitplan von vier Monaten anbetraf. Denn bei der Bahn dauere erfahrungsgemäß ja alles etwas länger. 

Für einen Verbund mit der Bahn gebe es aktuell ein neues Programm der Staatsregierung, wies Berchtold auf die Aussicht von hohen Zuschüssen hin. 

Es sei „in der Tat“, ein „PR-Gag“ gewesen, mit dem man „dem ÖPNV und uns einen Bärendienst erwiesen hat“, kritisierte 2. Bürgermeisterin Sibylle Knott (Freie Wähler). Es sei natürlich der Eindruck entstanden, „da macht endlich jemand was“. Aber ihres Erachtens sei das 100-Euro-Ticket insofern „unseriös“, da man bereits Preise nenne, ohne sie berechnet zu haben oder zu wissen, „was alles dran hängt“. Auch die Einbindung des Ostallgäus sei nötig. 

Zur Finanzierung will Lothar Köster (SPD) auf jeden Fall auch Land und Bund in die Pflicht nehmen. 

Thomas Hartmann (Die Grünen) bezeichnete das 100-Euro-Ticket als „Notmaßnahme“, da der Verkehr sich zunehmend verdichte und „zum Teil einfach physikalisch nicht mehr funktioniert“. Trotzdem führen Busse meist leer durch die Stadt. Eine Lösung hätte seines Erachtens die Regionalbahn sein können, womit er ein zweites – vermutlich schon tot geglaubtes – „Fass“ aufmachte und vor allem Erwin Hagenmaier (CSU) in Wallung brachte. Denn die Regionalbahn sei laut einer Untersuchung „nicht finanzierbar“ gewesen, was Hartmann so nicht stehen lassen wollte, da „die einzig sinnvolle“ der verschiedenen Varianten seinerzeit nämlich gar nicht untersucht worden sei. 

Zurück zur aktuellen Thematik war sich Hagenmaier jedenfalls „ziemlich sicher, dass es dieser Landrat nicht mehr ausbadet, was er hier angerichtet hat“. Die „guten Bemühungen“ der Stadt Kempten sah er durch Klotz „völlig ad absurdum“ geführt. 

Auch Hartmanns Fraktionskollege Hans Mangold griff die Regionalbahn auf, zum einen, da hier wunschgemäß „die Bahn dabei gewesen wäre“ und zum anderen, um den Landrat zu entlasten. Der habe die Regionalbahn nämlich gewollt, aber die Stadt habe blockiert, wie er meinte. Für Mangold stand aber vor allem eines im Vordergrund: ein schweres „Kommunikationsproblem“ mit dem Landrat, das es zu beseitigen gelte. „Eigentlich sollten wir uns bemühen, nicht übereinander sondern miteinander zu sprechen“, denn „wir brauchen uns gegenseitig“, erinnerte er. 

Erst gegen Ende des Stimmungsbildes ergriff auch OB Thomas Kiechle das Wort. Selbstverständlich sei ein einheitliches Tarifsystem nötig, schloss er sich dem Tenor an, warnte aber mit Blick auf die Aktion des Oberallgäus, „wir dürfen den ersten Schritt nicht vor dem zweiten tun“. Natürlich freue er sich sehr, „wenn es gelingt, zu den genannten Konditionen ein Abkommen mit der Bahn zu treffen“. Im Raum stehen laut Kreistag 200.000 bis 300.000 Euro als Defizitausgleich für die Bahn. Einen Unterschied sah er zudem zur Thematik Regionalbahn, denn „da waren wir im Austausch“, jetzt nicht, wie er betonte. 

In ein ganz anderes Horn stieß Birgit Geppert (CSU), die sich um einen „funktionierenden Einzelhandel“ in der Stadt sorgte, der Parkplätze brauche und „dass Menschen in die Stadt fahren können“. 

Ihr Fraktionskollege Josef Leonhard Schmid sieht eine moderne Kommunalpolitik dann gegeben, „wenn die Bürger selbst entscheiden, ob sie mit der Bahn, dem Bus, Auto oder zu Fuß“ unterwegs sein wollen.

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesen

Zimmer brennt in der Fischersteige
Zimmer brennt in der Fischersteige
Gewinnen Sie 6 Tage zu zweit im 4*S Verwöhnhotel am Achensee
Gewinnen Sie 6 Tage zu zweit im 4*S Verwöhnhotel am Achensee
Der erste Waldkindergarten Kemptens öffnet Wipfel, Tipi und Bauwagen
Der erste Waldkindergarten Kemptens öffnet Wipfel, Tipi und Bauwagen
Bauvorhaben in der Breslauer Straße im Gestaltungsbeirat
Bauvorhaben in der Breslauer Straße im Gestaltungsbeirat

Kommentare