Ökologisch sinnlos?

Das Bringsystem der ZAK-Wertstoffhöfe verursacht offenbar sehr viel CO2. Foto: Matz

Die anhaltenden Diskussionen über die Einführung einer bundesweit einheitlichen Wertstofftonne haben die Verantwortlichen beim Zweckverband für Abfallwirtschaft Kempten (ZAK) hellhörig werden lassen. Denn mittlerweile stellt sich offenbar die Frage, ob das System der Wertstoffhöfe überhaupt ökologisch und ökonomisch noch zeitgemäß ist. Antworten auf diese Fragen soll eine gemeinsame Studie des ZAK, des Augsburger bifa Umweltinstitutes und des bayerischen Umweltministeriums bis Herbst 2011 beantworten. Allerdings gibt es eine solche Studie längst – Studenten der Kemptener Hochschule haben sie im vergangenen Jahr angefertigt und stellen das ZAK-System darin ernsthaft infrage. Dem ZAK ist das Papier hingegen „nicht repräsentativ genug“.

Eine Gruppe Kemptener Studenten des Studienschwerpunkts Logistik im Diplomstudiengang Betriebswirtschaft hat vor dem Hintergrund der Einführung des Kunststoffsacks zum 1. Januar 2010 im vergangenen Dezember das Wertstoffhof-System des ZAK überprüft, Interviews mit Nutzern geführt, Daten gesammelt und ausgewertet und Schlüsse gezogen. Die Ergebnisse, zu denen die Studierenden kommen, sind eindeutig: Zwar bietet das System auch einige Vorteile wie eine bequemere Abfallentsorgung für den Bürger. Aber: „Die Analyse des CO2-Austoß zeigt, dass Gründe für das Festhalten am Bringsystem nicht in der Ökobilanz liegen können, da mit einem Holsystem eine deutliche Reduktion dieser Umweltbelastung herbeigeführt werden könnte“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Dabei gehen die BWLer davon aus, dass 141 550 Haushalte im ZAK-Gebiet die Wertstoffhöfe nutzen. Daraus wiederum resultieren 1,138 664 Millionen Kilometer, die die Allgäuer monatlich für ihre Wertstoffentsorgung fahren. Aufs Jahr hochgerechnet sind es 13,7 Millionen Kilometer und 2540 Tonnen ausgestoßenes CO2. „Dieses entspricht in etwa der Menge CO2, die 241 Personen in Deutschland über ein ganzes Jahr hinweg produzieren, oder 800 Transatlantik-Flügen von München nach New York“, rechnen die Verfasser der Studie vor. Tonne oder Hof? Würde der Werstoffmüll jedoch genau wie Bio- oder Restmüll vom ZAK abgeholt werden, müssten die elf eingesetzten Pressmüllfahrzeuge pro Jahr lediglich 270 000 Kilometer fahren. Trotz eines angenommenen Durchschnitts- verbrauchs der Mülllaster von etwa 50 Liter auf 100 Kilometern könnten so bis zu 81 Prozent des CO2-Austoßes vermieden werden. Ein System, das den Müll bei den Bürgern abholt, ist „aus Sicht einer möglichst umweltfreundlichen Entsorgungsorganisation ganz klar im Vorteil“, bilanzieren die Studenten. Trotz der eindeutigen Ergebnisse wollen ZAK, Umweltministerium und bifa Umweltinstitut die Studie nun noch einmal vornehmen. Wieviel die neue Analyse kosten wird, dazu konnten weder Oberhaus noch das Umweltministerium in München Angaben machen. Man wolle mit dem ein Jahr dauernden Projekt herausfinden, „ist ein Tonnensystem ökologischer als das Wertstoffhofsystem“, erläuterte der ZAK-Geschäftsleiter auf Anfrage. Die Studie soll beispielhaft für ganz Bayern sein und als Vergleich zu anderen Systemen herangezogen werden, betonte er. Die Analyse der Kemptener Hochschule dagegen habe „Lücken“, so Oberhaus. „Das ist eine tolle Arbeit – aber sie ist wissenschaftlich nicht fundiert.“ Kritisch bewertet der ZAK vor allem, dass „man die CO2-Belastung nur auf die Kunststoff -Verpackungen bezogen hat“, so Oberhaus. „Aber man fährt ja nicht bloß wegen des Plastiks zum Wertstoffhof.“ Darüber hinaus gehen die Studenten davon aus, dass jeder Haushalt die Wertstoffhöfe nutze. Das sei aber nachweislich nicht der Fall, heißt es weiter beim ZAK. Somit sei die Studie nicht repräsentativ. Trotzdem gehe er „eigentlich nicht“ davon aus, dass die neue Studie tendenziell zu einem anderen Ergebnis kommt. Dass die Zahl der involvierten Haushalte zu hoch gegriffen sei, gibt Prof. Dr. Martin Göbl, Leiter der Hochschul-Studie, zu. „Die absoluten Zahlen waren etwas zu hoch“, so Göbl gegenüber dem KREISBOTEN. Die Arbeit seiner Studenten habe aber zumindest bewirkt, „dass sie beim ZAK hellhörig geworden sind.“ „De facto sind wir der Auslöser für die neue Studie.“ Übrigens werden Göbl sowie der Marketingexperte Prof. Dr. Frank Oerthel und einige Studenten an der neuen Studie insbesondere im empirischen Bereich wieder mitarbeiten. Weitere Informationen zur Studie der Kemptener Hochschüler gibt es auch im Internet unter www.hochschule-kempten.de.

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