Ein langer Weg und kleine Schritte 

Eine günstige Tageskarte muss schnell her

Der ÖPNV soll attraktiver werden: Muss erst das Angebot verbessert werden oder der Fahrpreis?
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Der ÖPNV soll attraktiver werden: Muss erst das Angebot verbessert werden oder der Fahrpreis?

Oberallgäu – Das Dauerthema Öffentlicher Personennahverkehr mit den Detailfragen „Vergünstigtes Tagesticket“ und „Bürgerticket“ beschäftigte den Kreisausschuss für ÖPNV ein weiteres Mal. Die neue Machbarkeitsuntersuchung der Kreisverwaltung zeigt: wie man es dreht und wendet – es wird nicht umsonst zu haben sein, sondern Kosten verursachen. Und „auf die Schnelle“ geht es wohl gar nicht. Jedenfalls sollen die Verwaltung und Landrätin Indra Baier-Müller die Einführung eines Tagestickets weiterverfolgen mit der Maßgabe, „möglichst schnell“ ein „möglichst günstiges“ Ticket zu erreichen. 

„Kurzfristig wird es nicht möglich sein“, brachte Rafael Pfister vom Fachbereich ÖPNV der Landkreisverwaltung die Einschätzung auf den Punkt. Nicht allein, weil auf den Landkreis erhebliche Kosten zukommen, sondern auch, weil viele Partner und Akteure mitspielen – die Stadt Kempten, die Bahn, die Busunternehmer.

Zwei Varianten für eine vergünstigte Tageskarte hat die Verwaltung detailliert untersucht. Die Tageskarte kostet derzeit 15 Euro. Bei einem 5-Euro-Tagesticket rechnet Pfister mit geschätzten Mehrkosten von rund zwei Millionen Euro pro Jahr. Er sieht erhebliche „Wanderbewegungen“ weg von den aktuellen Tages- und Einzelfahrkarten. „Tarifkannibalismus“ nenne man das. Dadurch brechen Einnahmen weg, die Zuschusskosten für den Landkreis steigen.

Ein Tagesticket zum Preis von 10 Euro würde deutlich geringe- re Abwanderungen mit sich bringen. Bei gleichbleibenden Verkaufszahlen kommen die Berechnungen auf rund 100.000 Euro Mehrkosten. Verdoppelten sich die Verkaufszahlen, schnellen die Kosten wegen der Ausgleichszahlungen durch den Landkreis auf mehr als 260.000 Euro in die Höhe. Derzeit schießt der Landkreis 75.000 Euro jährlich zu. Generell, so folgert Pfister, bringe ein Einbruch der Verkaufszahlen für reguläre Fahrkarten einen Anstieg der Subventionierung mit sich.

Mit einer schnellen Einführung einer Schnäppchen-Tageskarte rechnet auch die CSU-Fraktion im Kreistag nicht. Dennoch sei „die Zeit gekommen, endlich Taten folgen zu lassen“. Thomas Wurmbäck appelliert: „Falls wir die Kraft und den Mut dazu nicht haben, kommen wir nicht voran!“ Er sieht vor allem ein attraktives Angebot als entscheidenden Einstieg und erinnert an das überaus erfolgreiche 15-Mark-Ticket der Bahn in den 1990er Jahren und folgert: „Der Preis muss stimmen.“

Das sieht Torsten Heider von der Bahn AG in München nicht unbedingt so. Die Attraktivität des ÖPNV steche den Preis. „Das Angebot ist das erste Mittel zur Verbesserung der Akzeptanz.“

Während die Grünen-Fraktion auf die im Haushalt eingestellten 1,6 Millionen Euro für ÖPNV-Förderungen hinwies, warnte Hugo Wirthensohn (Freie Wähler): „Wir sollten nicht einfach etwas machen, nur weil 1,6 Millionen Euro da sind, und schnell eine Menge Geld raushauen! So geht‘s nicht!“ Dennoch müsse man „zügig und geradlinig“ vorangehen.

Das geht den Grünen offenbar nicht schnell genug. Sie vermissen konkrete Zielsetzungen und Ausschöpfung der „unendlich vielen Möglichkeiten“. „Nicht mal einen konkreten Zeitrahmen gebe es, moniert Kreisrätin Doris Wagner: „Diese Zeit haben wir nicht.“

Schlagfertig kontert Landrätin Indra Baier-Müller: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Die 1,6 Millionen Euro solle man so verwenden, dass es „Sinnvolles“ bewirke. „Die Dinge brauchen Zeit. Und es ist nicht so, dass wir nichts tun!“, so die Landrätin weiter. Die Ungeduld sei nachvollziehbar, doch brauchten „manche Prozesse ihre Zeit“, spielt sie auf die komplexe Gemengelage gerade beim ÖPNV an. „Ich lasse mich nicht festlegen, bis wann wir das Ticket schaffen.“

Wurmbäck in der Diskussion weiter: Zwar habe man im Hinblick auf die ÖPNV-Entwicklung weiteres Personal eingestellt, es aber „nicht geschafft, den Prozess voranzubringen“. In ihm rege sich der Verdacht: „Man will einfach nicht.“

Einen Vorwurf, den Landrätin Baier-Müller postwendend kontert: „Das ist nicht richtig!“ Angesichts der vielen Partner im Boot, sei eine schnelle Lösung schlechterdings nicht machbar. Und folglich auch kein Zeitpunkt festzulegen, bis wann welche Schritte erreicht sein müssten. Alle Beteiligten seien bemüht, Lösungen zu finden. „Haben Sie Vertrauen in die Arbeit der Menschen.“ Keiner der beteiligten Partner dürfe überfahren werden durch etwaige Schnellschüsse, gibt die Landrätin zu bedenken. Schon gar nicht der Kemptener Stadtrat.

Dem einstimmig gefassten Beschluss zufolge soll der Kreistag die Einführung eines attraktiven Jahrestickets vorantreiben und die Tarifharmonisierung und Verbundintegration weiterverfolgen. In einem weiteren Beschluss – gegen die Stimmen der CSU-Fraktion – werden die Verwaltung und die Landrätin aufgefordert, „schnellstmöglich“ die erforderlichen Verhandlungen mit den Verkehrsunternehmen aufzunehmen, um „ein möglichst günstiges Tagesticket zu schaffen“.

Josef Gutsmiedl

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