Wut und Ohnmacht

Ob sich das eine oder andere Altusrieder Gemeinderatsmitglied schon mal in einer ruhigen Minute gefragt hat, was sie oder er sich mit der erfolgreichen Kandidatur angetan hat? Es hat nicht lang gedauert, bis eine Entscheidung von ihnen verlangt wird, die ihnen wahrscheinlich mehr Feinde als Freunde machen wird. Die meistdiskutierte und polarisierende Frage, die jetzt für einen vollen Sitzungssaal in Muthmannshofen sorgte, ist folgende: Kann O2 in der Nähe der Wallfahrtskapelle im Gschnaidt bei Kimratshofen einen 45 Meter hohen Sendemast errichten? Können tun sie das natürlich, aber dürfen sie es auch?

Fachanwalt Frank Sommer lässt keine Zweifel. „ Sie müssen viermal die Quadratur des Kreises hinkriegen,“ lautete sein ernüchterndes Fazit nach der Schilderung der rechtlichen Lage. Spätestens da war es ganz still geworden, nur beim Auflegen der Folie mit dem Bild des Mastens mit den vielen Antennen und den dazugehörenden Abstrahlwinkeln ging ein Gemurmel durch die Reihen der Bürger, die den öffentlichen Teil der Sitzung verfolgten. Aus den Gesichtern der Gemeinderäte lässt sich keine Gemütsregung ablesen. Einer von ihnen bekräftigte nochmals, dass es an der Glaubwürdigkeit von Sommer und dem Vertreter des Münchner Umweltinstituts, Hans Ulrich-Raithel, keinen Zweifel gebe. Dass alles seinen Preis hat, erfuhr eine Familie, die in unmittelbarer Nachbarschaft des geplanten Standorts wohnt, einer von sieben möglichen. Sie fragte nach, ob man nicht den exakten Strahlungswert für ganz bestimmte Sendeleistungen errechnen könne. Gerne, lautete die Antwort, für 800 Euro pro Tag. Überhaupt, beendete Ulrich-Raithel die Diskussion um Milliwatt und Mikrowatt, werde im Interesse der Betroffenen immer die maximale Belastung errechnet, alles was dann weniger an Strahlung durch den Äther schwirre, sei ja nur von Vorteil. Damit tritt man in die Phase ein, in der man Auswege aus dem Dilemma sucht, etwas akzeptieren und genehmigen zu müssen, was man eigentlich gar nicht will. Gebaut werden darf Der Blick auf die Nachbargemeinden ist nicht hilfreich, die haben das gleiche Problem. Jeder will mit seinem Handy telefonieren, aber der Masten muss weit weg und darf schon gar nicht landschaftsverschandelnd zu sehen sein. Flugplatz, Autobahn, Mobilfunk, das St. Floriansprinzip heißt im 21.Jahrhundert nur anders, ist aber immer noch das Gleiche. Bei der Suche nach Schlupflöchern im Vertragswerk ist die Verzagtheit, vielleicht auch die klammheimliche Wut darüber, dass der Gesetzgeber den Gemeinden Daumenschrauben angelegt hat, fast mit Händen zu greifen. Privilegierte Bauvorhaben heißt das im Juristenjargon, wie auch Windkraftanlagen dürfen die Türme auf jeden Fall gebaut werden, fragt sich nur wo. Das Hase und Igel-Spielchen kann die Gemeinde nicht gewinnen, denn das Landratsamt muss irgendwann mal „Jaschnappen“. Also setzt man auf Zeit und Verhandlungsfortune. Wobei O2 mit Partner Vodafone sofort mit Gegendruck reagieren werde, wenn sie der Meinung sind, dass die Sendeleistung insgesamt verringert werden soll, denn jeder Kanal mehr ist bares Geld. Bleibt nur, da nickte Jurist Sommer, über den Standort zu beraten. Der einstimmige Beschluss des Gemeinderates liest sich laut Sitzungsprotokoll dann auch wie folgt: – Das gemeindliche Einvernehmen für den Bauantrag der Firma O2 Germany GmbH & Co OHG auf Neubau einer Basisstation für das Mobilfunknetz der Firma Telefonica, 45 Meter Stahlgittermast mit Outdoor Technik, wird verweigert. Die Entscheidung wird insbesondere dadurch begründet, dass das Landschaftsbild im Bereich Gschnaidt durch den Sendemast eine erhebliche Beeinträchtigung erfährt, da dieser im Sichtbereich der Wallfahrtskapelle liegt und die Bestückung der Mastens mit Richtfunkantennen in keinem Fall dem entspricht, was in den Vorgesprächen mit der Firma O2 angedeutet wurde. Diskussion geht weiter – Der Firma O2 wird vorgeschlagen, insbesondere den im Immissionsgutachten von Herrn Ulrich-Raithel empfohlenen Lagepunkt U 02 als Standortalternative für die Errichtung des Mastens zu prüfen. – Die Firma O2 wird aufgefordert, den von ihr vorgesehenen Standort aus der Blickrichtung Gschnaidt zu visualisieren. Summa summarum wird die Diskussion also weiter gehen, Bürgermeister Kammel versprach Markus Höbel von der Bürgerinitiative, dass er mit am runden Tisch sitzen werde und vielleicht ist der Rat von O2-Vertreter-Wilhelm Kielmann doch gar nicht so dumm, demzufolge jeder durch sein Telefonierverhalten die Strahlenbelastung insgesamt verringern könne.

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