Blick zurück im Zorn 

Online-Diskussion der FDP Oberallgäu/Kempten mit Allgäuer Tourismusbranche 

Eine rege Debatte führten bei der Online-Diskussion der Allgäu- er Liberalen u.a. (jeweils v.l.) Michael Fäßler (Sonnenalp Resort), Michael Käser (Kreisvorsitzender FDP Oberallgäu), FDP-Bundes- tagsabgeordneter Stephan Thomae, Klaus King (Bürgermeister Oberstdorf), Jürnjakob Reisigl (Explorer Hotels) und Bernhard Joachim, Allgäu GmbH.
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Eine rege Debatte führten bei der Online-Diskussion der Allgäuer Liberalen u.a. (jeweils v.l.) Michael Fäßler (Sonnenalp Resort), Michael Käser (Kreisvorsitzender FDP Oberallgäu), FDP-Bundestagsabgeordneter Stephan Thomae, Klaus King (Bürgermeister Oberstdorf), Jürnjakob Reisigl (Explorer Hotels) und Bernhard Joachim, Allgäu GmbH.

Kempten/Oberallgäu – Derzeit nehmen die Infektionszahlen in der Corona-Pandemie kontinuierlich ab. Das eröffnet der Politik Öffnungsperspektiven und so soll im Allgäu ab dem 21. Mai wieder Tourismus möglich sein. In Kreisen und kreisfreien Städten mit stabilen Zahlen von unter 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen dürfen dann Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze wieder öffnen. Die Details zur geplanten Öffnung werden aktuell u.a. durch das Bayerische Gesundheitsministerium erarbeitet. Obwohl der Blick nach vorn den Betroffenen Hoffnung verschafft, ist der Blick zurück ein Blick im Zorn. 

Das zeigte sich vergangene Woche bei einer Online-Veranstaltung der FDP Oberallgäu/ Kempten. Unter dem Motto „Liberale Ideenwerkstatt – Modellregion Allgäu“ wollten Vertreter der Allgäuer Liberalen mit ihren Gästen diskutieren, wie eine Öffnung des Tourismus stattfinden kann. Es konnten prominente Teilnehmer gewonnen werden.

Die heilige Inzidenz

Bernhard Joachim, Geschäftsführer der Allgäu GmbH, hatte im Vorfeld der Öffnungsperspektive noch gemeinsam mit anderen auf eine eigene Allgäuer Modellregion nach dem Vorbild Tübingens hingearbeitet. Grundlage des Versuchs sollten die Erkenntnisse aus der Nordischen Ski-WM im Februar sein. „Wir sind gut vernetzt, die Zusammenarbeit ist gut und wir konnten zu Recht auf die Sorgsamkeit der Betriebe setzen“, so Joachim. Der Tourismusexperte wünschte sich, die Verantwortlichen in der
Staatsregierung hätten nicht ausschließlich auf den Inzidenzwert geschaut, sondern auch einmal den Blick zu den Nachbarn Österreich und Schweiz gewagt. Dort gibt es u.a. die Modellregion Vorarlberg mit höheren Inzidenzen, aber weniger schweren Verläufen bei gleichzeitiger Öffnung der Hotellerie und Gastronomie. Durch die durchgehende Öffnung in der Schweiz waren die Infektionszahlen höher, der Verzicht auf dauerhafte Lockdowns hat den Umsatz aber nur um 15 Prozent fallen lassen. Ähnlich beurteilt es der Oberstdorfer Bürgermeister Klaus King. Auch er wünscht sich eine mehr inzidenzunabhängige Strategie. So konnte in der Schweiz ein Totalverlust von 100 Prozent wie in Bayern verhindert werden. Angesprochen auf die Initiative der Akteure im Allgäu, eine ähnliche Strategie wie die Stadt Tübingen zu fahren, stellt der FDP-Politiker Stephan Thomae, MdB, resigniert fest: „Tübingen war nicht gewollt, man wollte das Experiment scheitern lassen.“ Auch für Thomae sind Maßnahmen zum Schutz vor Corona, die lediglich auf Inzidenzen beruhen, ein zu grobes Instrument. „Wir brauchen mehr regionale Einschätzungen und konkrete Strategien vor Ort. Eine bundesweite ‚Notbremse‘ ist da kein Wundermittel“, betont er. Entgegen der Linie der Bundesregierung bleibt Thomae ein Befürworter des Föderalismus.

Demo als Umkehrpunkt?

Dass seitens der Staatsregierung nun gehandelt wurde und eine Öffnungsstrategie vorgestellt wurde, führt Klaus King nicht zuletzt auf eine angedrohte Großdemonstration der Betroffenen kurz vor Verkündung der Lockerungen zurück. „Wir wollten auf einer angemeldeten Demonstration mit 500 Fahrzeugen und Bürgermeistern aus fünf betroffenen Landkreisen den Mittleren Ring brachlegen. Zudem war eine Abschlussveranstaltung unter der Bavaria geplant. Das hat wohl einige in der Staatskanzlei zum Umdenken gebracht.“

Die Gesamtsituation wird durch den Inhaber der Sonnenalp Michael Fäßler ähnlich beurteilt. Fäßler war im Ärger über die Corona-Politik der CSU aus der Partei ausgetreten und hatte seine politischen Ämter ruhen lassen. Auch er empfiehlt den Verantwortlichen den Blick ins Ausland. Am schlimmsten empfand er in der Vergangenheit die Entmündigung der Betroffenen und die andauernde Perspektivlosigkeit. Nun sei man bereit, wieder zu öffnen, aber man brauche hierzu einen zeitlichen Vorlauf.  

Verantwortlichkeiten?

Dass zeitlicher Vorlauf von Nöten ist, um sich seitens der Branche auf die Öffnung vor- zubereiten, bestätigen auch andere Teilnehmer der Diskussion. Armin Hollweck, Kreisvorsitzen- der der DEHOGA-Oberallgäu: „Wir brauchen klare, verbindliche Richtlinien seitens der Politik. Für den Restart brauchen wir Planungssicherheit.“ Damit nicht beim nächsten Hochschnellen der Infektionszahlen gleich wieder alles runtergefahren wird, wünscht sich auch Hollweck eine mehr inzidenzunabhängige Strategie. Zwei große Fragen beschäftigen die Gastronomen und Hoteliers. Wer ist für die not- wendige Einrichtung von ausreichend Teststationen verantwortlich und wie ist mit Hotelgästen zu verfahren, die während ih- res Aufenthalts positiv getestet werden? Diese Befürchtungen teilen u.a. der Gründer und Geschäftsführer der Explorer Hotels Jürnjakob Reisigl und die Privatvermieter Helmut Scheel und Karin Hagenauer. Sie bezweifeln, dass Corona-Tests an Gästen durch den Vermieter am Frühstückstisch durchgeführt werden können, und fragen sich, wie gegebenenfalls den positiv getesteten Urlaubsgästen erklärt werden soll, dass ihr Urlaub beendet ist. Grundsätzlich verlangt die gesamte Beherbergungsbranche am Abend ein Gesamtkonzept. Gleichzeitig spricht sich diese in der Mehrheit dafür aus, neben Gästen auch Arbeitnehmer lückenlos zu testen. „Es ist meinen Gästen nur schwer zu vermitteln, warum die Gleisarbeiter in meinem Übernachtungsbetrieb nicht getestet werden, sie selbst aber sehr wohl“, so ein Diskussionsteilnehmer.

Dass nur wenige Branchen die volle Last der Maßnahmen zum Schutz vor Corona tragen müssen, verärgert auch Angelika Soyer, die 1. Vorsitzende vom Verein „Mir Allgäuer“: „Wir sind das Bauernopfer im Kampf gegen das Virus.“ Auch sie schließt sich dem Wunsch an, für mehr Testgerechtigkeit zu sorgen. Von der Politik zeigt sich die Kleinvermieterin maßlos enttäuscht, auch wenn ihr der Kreisvorsitzende der FDP Oberallgäu Michael Käser attestiert, wie eine Löwin gekämpft zu haben. „Das, was passiert ist, verzeihe ich der Politik nicht“, sagt Soyer. Die FDP-Online-Diskussion ist hier zu sehen.

Jörg Spielberg 

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