Der Hügel im Dietmannsrieder Inselweiher ist eine historische Stätte mit 1000-jähriger Geschichte

Der Burgstall in Dietmannsried

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Von der einstigen Wasserburg ist nichts mehr zu sehen. Einzig der Burghügel (mit der 1870/71 gepflanzten Friedenslinde) sowie der umgebende Wassergraben sind noch sehr gut erhalten.

Dietmannsried – Jeder Dietmannsrieder kennt ihn, den Inselweiher südlich des Friedhofs. Der grüne Hügel mit seiner mächtigen Linde, dem umgebenden Wassergraben und der im Sommer bunt blühenden Uferbepflanzung ist hübsch anzusehen und alle zwei Jahre Schauplatz des beliebten Lichterfestes. Was allerdings den Wenigsten bekannt sein dürfte, ist, dass genau jener Hügel ein historisch bedeutsamer Ort mit rund 1000-jähriger Geschichte ist.

Einer, der sich mit eben dieser Geschichte sehr gut auskennt, ist Siegfried Sailer. Der 81-jährige Dietmannsrieder ist seit seiner Jugend begeisterter Heimatforscher und seit vielen Jahren aktives Mitglied des Historischen Arbeitskreises Kempten. Als solches hat er sich unter anderem intensiv mit der Geschichte des Inselweihers befasst, der korrekt eigentlich „Burgstall oder Wasserburg Dietmannsried“ heißt (Burgstall: „Stelle, an der eine Burg war“).

Historie im Dunkeln 

„Leider wissen wir nur sehr wenig über die Historie dieses Ortes“, bedauert er. „Die Entstehungsgeschichte etwa liegt völlig im Dunkeln.“ Sehr viele Unterlagen und Dokumente aus der frühen Geschichte, die traditionell in Klöstern aufbewahrt worden waren, seien im Bauernkrieg 1525 und im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 für immer verloren gegangen. Doch selbst das wenige verfügbare Material füllt eine ganze Mappe, die Siegfried Sailer in seiner bereits 14 Jahre andauernden ehrenamtlichen Tätigkeit als Archivar der örtlichen historischen „Sammlung Pfeifer“ sorgfältig geordnet und beschriftet hat. „Die Dietmannsrieder Burg war eine sogenannte ‘Motte’“, sagt er. „So nannte man die meist verbreitete mittelalterliche Burgenform, die es in Europa überhaupt gab. Die Blütezeit dieses vor allem vom niederen Adel bevorzugten Burgentyps, deren Ursprung in Nordfrankreich liegt, lag etwa zwischen 1000 und 1150.“

Aussehen der Motte 

Eine Motte bestand aus einem künstlich aufgeschütteten runden oder viereckigen Erdhügel, der von einem ringförmigen Wassergraben umgeben war (der Hügel entstand aus dem Aushub). Je nach Wohlstand und Bedeutung der Burgherren fielen diese Hügel unterschiedlich groß aus. Der Hügel der Wasserburg in Dietmannsried ist noch heute bestens erhalten. Die Gipfelfläche weist einen Durchmesser von etwa sieben Metern, einen Basisdurchmesser von 14 Metern und eine Höhe von 4,50 Metern auf. Darauf stand vermutlich ein hölzerner Burgturm (eventuell mit Steinsockel), welcher den Burgherren als Wohnturm diente. „Dieser hatte aus Sicherheits- und rechtlichen Gründen keinen ebenerdigen Zugang. Stattdessen befand sich die Eingangstüre in zwei bis zehn Metern Höhe. Sie konnte nur über eine Außentreppe erreicht werden. Der Turm war von einer hölzernen Palisade aus oben angespitzten Stämmen oder Flechtwerk umgeben. Ein Gebäude aus Mauerwerk war kostspieliger, da es einen deutlich höheren Aufwand erforderte“, erläutert der Burgenforscher und 1. Vorsitzende des Allgäuer Burgenvereins, Roger Mayrock, und ergänzt, die unser allgemeines Burgenbild prägenden steinernen Burganlagen seien erst ab dem 12. Jahrhundert in großer Zahl erbaut worden.

Zahlreiche Bewehrungen 

Von dem umzäunten Wohnturm aus führte ein kleiner Steg über den runden Wassergraben. Er verband die Motte mit der sogenannten Vorburg – eine ebenfalls durch Holzpalisaden gesicherte Fläche, auf der hölzerne Stallungen, Viehgehege, Scheunen, Werkstätten und Gesindehäuser standen. Im Fall der Dietmannsrieder Burg war diese Fläche circa 20 Mal 30 Meter groß und dehnte sich in Richtung des heutigen „Gasthof Bären“ aus. Auch die Vorburg umgab ein Wassergraben. Die gesamte Burganlage war zudem durch einen Wall gesichert, auf dem manchmal ein angespitzter Palisadenzaun zusätzlichen Schutz bot. Eine hölzerene Brücke stellte die Verbindung zwischen Vorburg und Umgebung her. Allerdings hätten sich die Burgen ohnehin weit weniger verteidigen müssen, als Mantel- und Degenfilme und Märchen von feindlichen Rittern uns das glauben machen. „Höchstens zehn Prozent aller Burgen wurden jemals ernsthaft angegriffen“, sagt Mayrock. „Dann mussten sich die Bewohner gegen aggressive Adelsfamilien der Nachbarschaft, infolge von Streitigkeiten, schützen.“

Der Name „Motte“ 

Der Name „Motte“ stammt vom mittellateinischen Wort „mota“. Dieser Wortstamm findet sich auch in den Namen einiger Berge im gesamten Alpenraum – allesamt Berge mit auffallend runder Kuppe, wie etwa der Muttekopf im Lechtal, die Hohe Mut im Inntal, oder die Grande Motte in Val d´Isère.

Nachgewiesene Burgbewohner 

„Über die konkrete Entstehungsgeschichte der Dietmannsrieder Motte weiß man gar nichts“, räumt Siegfried Sailer ein. Vieles, was über den Burgstall im Internet geschrieben steht, quittiert er daher nur mit einem Kopfschütteln. Wer die Erbauer und ersten Bewohner der Burg waren, ist unbekannt. Sicher belegt ist erst die Herrschaft eines dem Stift Kempten dienstverpflichteten Ortsadels mit Heinrich Voberger, die auf das Jahr 1251 datiert. „Die Herrschaft wurde seinerzeit entweder vererbt oder verkauft“, erklärt Sailer, der bei seinen Nachforschungen viel mit dem international renommierten Mittelalterforscher und Burgenexperten Dr. Joachim Zeune, wie auch mit Mayrock zusammenarbeitet. Letzterer war in diesem Jahr mit Dieter Barz, einem der be- deutendsten Burgenforscher Deutschlands, an einigen Allgäuer Burgstellen und orientiert sich, wie er sagt, bei seiner Arbeit an den aktuellsten Diskussionen zu Motten. „Auf dem Gebiet der professionellen Burgenforschung ist ja immer noch allerhand in Bewegung.“ Nachweislich waren die Ortsherren 1364 die Rizner von Überbach – ihrerseits Nachfahren von Heinrich dem Kempter. Ihnen folgten 1395 die Herren von Hirschdorf, 1403 das reiche Bürgergeschlecht Lauber aus Memmingen sowie 1478 die Rechberger auf Kronburg. Von diesen ging die Herrschaft 1512/1519 wieder gegen Bezahlung an das Fürststift Kempten zurück. „Dietmannsried selbst war höher gelegen und erstreckte sich von der heutigen Kirche an nordwärts, Richtung Fackelsberg“, so Sailer. „Dort lag der Ortskern, der von sumpfigem Gelände umgeben war.“

Acht Burgställe im Gemeindegebiet 

Im gesamten Gemeindegebiet gibt es übrigens acht gut erhaltene Burgställe. Neben dem Inselweiher finden sich diese in Überbach, am Sandberg/Illerberg, in G’fäll, in Sachsenried, in Mannenschley, sowie in Haslach. Bei Letzterem handelt es sich ebenfalls um eine Motte. Von ihr sind bis heute neben dem Burghügel auch Wall und Graben der Vorburg zum großen Teil noch gut in einem Waldgebiet sichtbar. Bei den anderen Sechs handelte es sich um Spornburgen (diese wurden meist auf einem steil abfallenden Geländesporn zwischen zwei Tobeln erbaut). Von den ehemaligen, heute noch bekannten Besitzern der Wasserburg Dietmannsried zeugt auch der stark verwitterte und kaum mehr lesbare Gedenkstein auf dem Gipfel des Hügels. Dieser wurde in den 1930er Jahren von dem Kemptener Heimatforscher und Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt (26.7.1877-23.3.1951) gestiftet, nachdem dieser von 1931-34 vergeblich versucht hatte, die Gemeindeverwaltung zur Zahlung des Steins heranzuziehen (Dr. Otto Merkt versah 350 Burgställe und einige andere Bodendenkmäler im Landkreis Oberallgäu meist auf eigene Kosten mit Gedenksteinen.)

Verfall ab 1500 

Man geht davon aus, dass die Wasserburg Dietmannsried zirka ab 1500 nicht mehr bewohnt war. Auf der Informationstafel, die heute am Fuß des Hügels steht, ist zu lesen: „Die Motte wird 1512 als 'Wasserhäuslein', also als kleiner, wasserumfriedeter Ansitz bezeichnet und war bereits 1583 – drei Jahre vor der Erhebung des Ortes zu einem Marktflecken – im Verfall (…).“ Mayrock erläutert die Hintergründe für den Niedergang: „Im Laufe des Spätmittelalters wurden die meisten Kleinburgen aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben und als Steinbruch zur Beschaffung von Baumaterial genutzt.“ Ein archäologisch weißer Fleck Auch wenn die Dietmannsrieder Wasserburg ab dem 16. Jahrhundert dem Verfall preisgegeben wurde, gehört sie zu den besterhaltenen Motten als Bodendenkmal in ganz Schwaben, weiß Sailer und bedauert, dass diese Tatsache von Gemeindeseite nicht stärker öffentlichkeitswirksam betont wird. Er selbst erinnert sich noch, wie er als Bub’ auf dem Wassergraben Schlittschuh gelaufen ist. Und wie der Pfarrer Karl Wesle seinerzeit die Motte kurzerhand in „Marieninsel“ umbenannte und Fronleichnamsprozessionen hierher durchführte. Bis heute ist der Burghügel archäologisch noch nicht erforscht. Zum Schutz der darin vermuteten Befunde wurden im Jahr 2001 das dichte Gebüsch sowie Bäume auf der Insel entfernt. Das Wurzelwerk hätte dem verborgenen historischen Material Schaden zufügen können. Einzig die 1870/71 nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges gepflanzte Friedenslinde wurde von der Rodung verschont.

Restaurierung des Wassergrabens 

Der Wassergraben, der aus einer Quelle und einem Grundwassersammelschacht gespeist wird und in dem sich bis vor kurzem dicke Spiegel- und Graskarpfen sowie Enten, Gold- und andere Fische in großer Zahl tummelten, wurde 2013 abgelassen und tonnenweise Schlamm ausgebaggert. In einer mehrere Wochen dauernden und rund 75.-80.000 Euro teuren Baumaßnahme mussten die Böschungen erneuert werden, da der 1999 angebrachte hölzerne Verbau sich zersetzt hatte und das Erdreich an einigen Stellen in den Wassergraben rutschte. Nachdem die Fische entnommen und umgesetzt und das Wasser abgelassen worden war, wurde der gesamte Uferbereich mit langlebigen und gut bepflanzbaren Steinkörben aus Metallgitter, sogenannten Gabionen befestigt. Die Arbeiten erfolgten in Absprache mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und Bodendenkmalpflege sowie mit Unterstützung zahlreicher freiwilliger Helfer – wie etwa der Freiwilligen Feuerwehr, die schon seit Jahren die Weiherreinigung durchführt.

Sabine Stodal

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