Ein Virus hat die Welt im Griff

Was die Pandemie für Entwicklungsprojekte und die Menschen in der Dritten Welt bedeutet

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Social-Distancing ist in den Ländern der Dritten Welt praktisch unmöglich, das Tragen von Mund-Nasen-Schutz offenbar aber weit verbreitet, wie hier am Motor-Taxi-Stand in Togo...
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...und auch auf den Märkten.

Kempten – Corona ist eine riesige Herausforderung für die Gesundheits-, Sozial-, Wirtschafts-, Politik- und nicht zuletzt Gesellschaftssysteme unserer hochindustrialisierten wie – technisierten Hemisphäre.

Für die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Corona-Pandemie vor allem eine existentielle Bedrohung. Während in der „Ersten Welt“ derzeit Rettungsschirme aller Art für Freiberufler, Kreative, Kleinunternehmer bis Megakonzerne und viele Betroffene mehr aufgespannt werden, um die Kollateralschäden des Virus abzufedern, kann das Gros der Menschen in der „Dritten Welt“ von solchem Luxus nur träumen. Auch sie sind weltweit vom Shutdown - er bedeutet für Abermillionen Tagelöhner und Wanderarbeiter ab Tag eins nichts mehr zu Essen, d.h. schlicht: Hunger - und Ausgangssperren, die für Menschen ohne ein Dach über dem Kopf eine besonders surreale Note haben, betroffen. 

Dazu Gesundheitssysteme und medizinische Einrichtungen, die chronisch nur mangelhafte Versorgung gewähren können; fehlender Zugang zu (vor allem sauberem) Wasser und damit Hygiene. Einige Länder, z.B. Ghana und Nigeria, haben um liquide zu bleiben bereits astronomische Notkredite vom Internationalen Währungsfonds (IWF) bewilligt bekommen, was sie nochmals tiefer in die Schuldenspirale treiben dürfte, und weg von einer Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe, wie sie Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller vorschwebt. Vorboten für eine neue Flüchtlingswelle in absehbarer Zeit? Zahlreiche NGOs, private Initiativen und Menschen engagieren sich seit Jahren mit unterschiedlichsten Projekten, um den Menschen in diesen Ländern eine Perspektive zu geben. Darüber, was die Corona-Pandemie für die Länder, ihre Menschen und letztendlich für die Projekte bedeutet, hat der Kreisbote mit einigen Kemptener Akteuren gesprochen.

Südasien
Eine seit Jahren fruchtbare Zusammenarbeit pflegt der Logistiker Dachser mit dem Kinderhilfswerk terre des hommes (tdh). Das im indischen Uttar Pradesh begonnene Engagement des Gespanns, welches nachhaltige Entwicklung geeigneter Strukturen im Sinne der Schul- und Ausbildung sowie des umweltverträglichen Ressourceneinsatzes für Kinder und Dorfbewohner im Fokus hat, erstreckt sich inzwischen über drei Kontinente mit unterschiedlichen Projekten in Indien, in Nepal, im südlichen Afrika und in Brasilien. „Die ganzen Projekte liegen jetzt auf Eis“, sagt Dachser-CEO Bernhard Simon, der fürchtet, dass die Corona-Krise „die ganze Arbeit gewaltig zurückwerfen könnte“. So könnten die ganzen „kleinen Verdienstmöglichkeiten“, für viele der Menschen dort Lebensgrundlage, gerade nicht mehr stattfinden. Stattdessen müssten sich die Leute wieder verschulden. 

Dennoch ist Simon zuversichtlich, denn „wir haben für stabile dörfliche Strukturen gesorgt, auf denen man wieder aufbauen kann“. Sozialarbeiter aus den Projekten würden aktuell den Menschen Hygienemaßnahmen beibringen und mit Hilfe von etwas Druck auf die lokalen Behörden seien in der Vergangenheit zum Glück auch in allen Projekten Brunnen entstanden. So sei zumindest das Wasser für die jetzt umso dringlichere Hygiene vorhanden – beileibe keine Selbstverständlichkeit. Gefahr sieht Simon für die sozialen Strukturen aber insofern, als medizinische Versorgung nur in der Stadt zu haben sei und die Menschen deshalb ihre Dörfer verlassen könnten. Er steht in regelmäßigen Kontakt mit Projektmitarbeitern vor Ort. Während in Nepal ein in der Endphase befindliches Projekt noch zu Ende geführt werden soll und andere Projekte soweit möglich per Telefon koordiniert werden, greifen Mitarbeiter laut Ingrid Mendonca, tdh-Regional Coordinator South Asia, als akute Hilfe z.B. Menschen, die kein Einkommen mehr haben, mit Essenspaketen unter die Arme. Die Idee hinter der seit 25. März verhängten Ausgangssperre in dem Land, in dem allein die Bevölkerungsdichte „social distancing“ nahezu unmöglich macht: Jeder solle einfach da bleiben, wo er gerade ist. Das habe nicht funktioniert, so Mendonca, „da Millionen von Menschen keinen Ort, an dem sie bleiben konnten, Arbeit oder Geld hatten“. Als einziger Ausweg hätten sie sich deshalb irgendwie auf den Weg in ihre Heimatdörfer gemacht. Nahrungs- oder finanzielle Hilfen für die Armen, wie beispielsweise Tagelöhner, Sexarbeiter, Kleinstunternehmer oder Bauern seien völlig unzureichend. 

Immerhin bevorrate das Land „60 Millionen Tonnen Getreide, das in solchen Situationen leicht eingesetzt werden kann“. Da die Erntezeit begonnen habe, müssten aber auch die Bauern unterstützt werden, damit die Kornspeicher für mögliche spätere Hungersnöte wieder aufgefüllt werden können. Aber Hunger und Armut sind nicht die einzigen Probleme in dieser Situation. Ist schon in unseren weniger beengten Strukturen eine Zunahme von häuslicher Gewalt durch die Ausgangssperre zu verzeichnen, trifft es eine Geschlechter diskriminierende Gesellschaft, in der sich zudem vielköpfige Familien auf häufig nur ein paar Quadratmetern Wohnraum drängen, umso härter. Die Zahl der bei ihnen eingegangenen Klagen in den letzten zwei Monaten liege „annähernd um 50 Prozent höher als normal“, beruft sich Mendonca auf Zahlen der National Womens Comission. 

Corona in der Ukraine
„Für die Ukraine sind schlimme Szenarien zu erwarten“, erfährt Brigitte Römpp von der Ukraine-Hilfe Mdantsane e.V., von ihrer Kontaktperson in Kiev. Demnach setzten die Behörden auch dort „drastische Maßnahmen“ im Kampf gegen das Corona-Virus ein. „Außer Apotheken, Tankstellen, Banken, Lebensmittel- und Haushaltsgeschäften sind alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen“, U-Bahnen fahren in den Städten nicht und „in Bussen dürfen nicht mehr als zehn Personen pro Gefährt mitfahren“. Mit insgesamt lediglich 600 Beatmungsgeräten, fehlender, selbst einfachster Schutzkleidung und „chronisch unterbezahltem“ medizinischen Personal sei das Land schlecht für eine Pandemie gerüstet. Als Anreiz sollen zumindest die mauen Gehälter der mit Corona beschäftigten Mediziner massiv angehoben werden. Wie aus dem Bericht an Römpp hervorgeht, besteht auch in der Ukraine die größte Schwierigkeit darin, ohne Einkommen und finanzielle Rücklagen zu überleben. Zugleich seien die Preise vor allem für Obst und Gemüse „enorm gestiegen“. Wichtige Projekte mussten auch dort erst einmal eingefroren werden. 

SES-Experten in Afrika 

Als das Gespenst der Ausgangssperren die Welt lahm zu legen begann, weilte Prof. Dr. med. Làszlò Füzesi, Pathologe am Kemptener Klinikum, im Einsatz für den SES (Senior Expert Service) in Togos Hauptstadt Lomé. Zusammen mit einer Expertin für das Pathologielabor und einem gebürtigen Togolesen und Solarexperten aus Seeg hatte Füzesi dort die Aufgabe übernommen, ein Pathologielabor und eine Telepathologie zu installieren, um die Krankenversorgung in Togo zu stärken und – Internet macht’s möglich - von Deutschland aus mit einer Zweitmeinung zu unterstützen. Der Standort, der nicht nur in Togo selbst, sondern auch in den Nachbarländern, wie bereits in Nigeria, die Leistungen anbieten kann konnte in nur wenigen Tagen realisiert werden, wie Füzesi erzählt. Sogar vier „sehr interessierte Studierende“ hätten zur selbständigen Arbeit angelernt und mit den Geräten vertraut gemacht werden können. Aber mindestens ebenso begeistert ist er von der Professionalität des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, dem der SES angegliedert ist. 

Als bekannt worden sei, dass die letzten Flüge aus dem Land heraus bereits am Tag vor der für den 21. März geplanten Rückreise nach Deutschland sein sollten, und Gefahr bestanden habe, dass sie nicht mehr zurückkommen könnten, sei das Team nicht nur gewarnt worden. Der SES habe auch ermöglicht, „dass wir am 18. März aus Lomé zurückfliegen und bis zum letzten Moment arbeiten konnten“. Zumindest dieses Projekt sieht Füzesi auch durch Corona nicht gefährdet, da es via Internet „krisenunabhängig läuft“. Auch einen sehr aufschlussreichen Bericht des Studenten Ahiekpor Rayonne, der in den Straßen von Lomé versucht die Menschen über Covid-19 aufzuklären, hat Füzesi mitgebracht (siehe nebenstehenden Artikel auf Seite 3) Ständigen Kontakt pflegt SES-Expertin Viktoria Lofner-Meir mit Moses Aisia, Leiter und Direktor des Holy Innocent Health Center im Bukedea District in Ost-Uganda. Auch hier bedeutet der Shutdown den totalen Einkommensverlust für viele Menschen, die sich somit noch weniger eine medizinische Behandlung leisten können, als es in normalen Zeiten schon der Fall ist. 

Auch sei gerade Pflanzzeit und wegen des Shutdowns könnten die Bauern nicht aussäen. Aisia fürchtet zudem, dass die Preise für alle möglichen Waren nach der Krise von den Händlern in die Höhe getrieben werden könnten, so dass für viele Menschen die Grundbedürfnisse nicht mehr finanzierbar seien. Ein Problem nennt er auch die Vorgabe von „social distancing“, das in dem dichtbesiedelten Land „praktisch unmöglich ist“. Und wer für Wasser im Schnitt drei Kilometer gehen müsse, der überlege sich genau, wofür es verwendet werden soll.

Für die Aufklärungsarbeit um Covid-19 setzt sich in Togo der Student Ahiekpor Rayonne ein. Ein Bericht dazu lesen Sie hier.

Christine Tröger

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