Ungewohnte Zukunftssorgen

Patienten- und Kundenrückgang bei Ärzten und Apotheken – Psychiater sind die Gewinner

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Neue Abläufe und ein neuer Alltag nach dem Lockdown ist auch in Kemptener Arztpraxen Programm.

Kempten – Arztpraxen und Apotheken sind nicht unbeschadet durch die Corona-Krise gekommen: Viele Praxen konnten bislang nicht kostendeckend arbeiten, – einige Apotheken machen sich sogar Gedanken um ihre Zukunft.

„Es war eine sehr anstrengende Zeit für uns“, berichtet Julia Motus über die Lockdown-Monate. Die Mitarbeiterin der Kemptener Allgemeinarztpraxis Robert Adam erzählt von einem erhöhten Maß an Kommunikation, langen Warteschlangen bei insgesamt weniger Patienten. Der Umgang sei kooperativ und verständnisvoll geblieben, ist ihr wichtig zu betonen. Aber kostendeckend arbeiten? „Nein, wir haben ungefähr ein Drittel Umsatzeinbruch“, sagt sie. Normalisiert habe sich die Lage bislang nicht. Umsatzeinbußen und sinkende Fallzahlen hat es nicht nur bei Hausärzten gegeben, bestätigt Thomas Potthast, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Kempten. 

Alle Ärzte seien davon betroffen. „Viele Menschen haben sich aus Angst vor einer Ansteckung nicht mehr zum Arzt getraut.“ Außerdem hätten es die Hygienevorschriften nicht zugelassen, dass mehrere Patienten zur gleichen Zeit einbestellt werden konnten. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Psychiater, so Potthast. Durch die Krise seien bei vielen Menschen Depressionen, Phobien oder Psychosen ausgebrochen, die nun behandelt werden müssten. Genaue Verlustzahlen könnten Ärzte bislang nur schätzen, sagt Potthast. Aufgrund des Abrechnungssystems der Kassenärztlichen Vereinigung hätten sie erst im Oktober eine genaue Übersicht ihrer Einkünfte. Dass jemand in Existenznot geraten sei, glaubt Potthast allerdings nicht. 

"Kundenrückgang von über 50 Prozent" 

Deutlich stärker als die Hausärzte hat der Lockdown die Apotheken getroffen. Ihr Geschäft hängt nicht nur von den Rezeptverschreibungen der Hausärzte ab, sondern auch von der Laufkundschaft. Beide Faktoren wurden maßgeblich von der Ausgangsbeschränkung beeinflusst. „Es sind allgemein weniger Rezepte für arzneimittelpflichtige Mittel in den Apotheken angekommen“, erklärt Thomas Metz, Pressesprecher des Bayerischen Apothekerverbands. Da die Menschen weniger unterwegs waren und untereinander kaum Kontakt hatten, seien auch viral bedingte Erkältungs- und Durchfallerkrankungen deutlich zurückgegangen. Das wirke sich auch auf den Absatzmarkt von rezeptfreien Arzneimitteln aus, so Metz. Dass in der Corona-Krise die Menschen die Apotheken gestürmt und diese derweil das Geschäft ihres Lebens gemacht hätten, sei grob falsch. „Das Gegenteil war der Fall“, stellt er klar. „Es gab weniger Laufkundschaft. Die Menschen waren aufgrund des Lockdowns weniger auf der Straße unterwegs und weniger in den Geschäften.“ 

An Laufkundschaft mangelt es der Pluspunkt-Apotheke im Forum normalerweise nicht. Doch während der Ausgangsbeschränkung blieb das Einkaufszentrum weitestgehend geschlossen, bis auf wenige Läden wie die Apotheke. „Wir hatten einen Kundenrückgang von über 50 Prozent“, so Geschäftsführer Matthias Bauder, „das trifft einen natürlich schon außerordentlich.“ Kurzarbeit wurde angemeldet. Auch das Personal und die Öffnungszeiten wurden deutlich eingeschränkt. 

Vor dem Lockdown gab es Kundenschlangen 

Dabei sei der März für Apotheken ein guter Geschäftsmonat gewesen, erklärt Niklas Komanns von der Engel-Apotheke in Kempten-Thingers, „teilweise plus 20 Prozent“. Kurz vor dem Lockdown hatte nämlich die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt, dass Paracetamol als Schmerzmittel gegen Coronavirus-Symptome besser sei als Ibuprofen. „Da standen die Leute hier Schlange“, so Komanns. Im April und Mai sei dann aber deutlich weniger los gewesen. Kurierfahrten, die derzeit von den Krankenkassen vergütet werden, hätten dagegen zugenommen. Doch Komanns bleibt hinsichtlich der finanziellen Lage optimistisch: „Wir haben ein paar Reserven.“ Dagegen macht sich Matthias Bauder Gedanken um die Zukunft seiner Apotheke. 

„Wir werden sehen, wie wir über die Runden kommen“, sagt er und hofft, dass der Vermieter ihm bei der Miete entgegenkommt. Mit Sorge blickt er einer möglichen zweiten Infektionswelle entgegen. „Wenn im Herbst nochmal zwei Monate Lockdown sind, sieht es sehr kritisch aus.“ In diesem Fall könnten Kemptener Arztpraxen auf vorhandene Notfallkonzepte zurückgreifen. „Die Praxen haben gut reagiert und eigene Konzepte entwickelt“, lobt Thomas Potthast. „Sie haben die Patientenströme gut geleitet. Das sind Erfahrungen, die bei einer zweiten Welle gut umgesetzt werden können.“ Auch Julia Motus von der Allgemeinarztpraxis Robert Adam geht gestärkt aus dieser Zeit heraus. „Es war eine echte Herausforderung“, blickt sie zurück, „aber wir haben es gemeistert.“ 

Cian Hartung

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