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Patrick Streit ist mit Leib und Seele Feuerwehrmann

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Von: Susanne Lüderitz

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Froh nach einem erfolgreichen Einsatz: Feuerwehrmann Patrick Streit. Kempten
Froh nach einem erfolgreichen Einsatz: Feuerwehrmann Patrick Streit. © Blaulichtreport/SchwabenSüd

Kempten - Der 29-jährige Patrick Streit ist seit zehn Jahren bei der Feuerwehr in Kempten und hat sich mit Haut und Haar dem Löschen und Retten verschrieben.

296 Feuerwehreinsätze im Jahr 2019. Alle zwei Wochen Training mit der U14-Gruppe der Feuerwehr Kempten. Dazu Fortbildungen, Atemschutzbelastungstest, die jährliche Atemschutzübung, eine medizinische Untersuchung alle drei Jahre und dann noch alle 14 Tage eine „normale“ Feuerwehrprobe. Und das ist noch längst nicht alles. „Außer der Feuerwehr habe ich kein Hobby“, sagt Patrick Streit. Es ist der „Dienst am Nächsten“, der ihm so sehr an der Feuerwehrarbeit gefällt.

Sogar Streits Wohnung liegt auf dem Feuerwehrhof. Das hat den Vorteil, dass die Wege kurz sind und die Feuerwehrleute rasch bei Brand oder Unfall. Acht bis zehn Minuten dürfen es höchstens sein, bis die ersten Kräfte vor Ort sind. Aber nicht jeder bekommt eine solche städtische Dienstwohnung inklusive Brandmelder. „Die Person sollte verfügbar sein“, erklärt Stadtbrandrat Stefan Hager, „und mindestens Atemschutzgeräteträger“. Mit ausgedehnten Bergtouren jedes Wochenende stehen die Chancen hier schlecht.

Dafür erleben Patrick Streit und seine Kameraden viel und können auf einige Anekdoten zurückblicken. Lachend erinnern er und Stefan Hager sich daran, wie sie eine ausgebüchste Kuh aus der Iller „gegängelt“ haben:

Etwas größer als die typische ‚Katze auf dem Baum‘

Das Tier war in Krugzell getürmt, hatte schon mehrere Gartenzäune beschädigt, „ist dann zum Baden in die Iller gegangen“ und spazierte im Fluss bis zur Riederau. Weil das Ufer so unwegsam und von Bäumen zugewachsen war, war es nicht möglich, die Kuh mit einem Radlader oder einem anderen Gefährt zu bergen. Zusammen mit Polizei, Tierarzt, leichter Blaserohr-Sedierung, hinzugezogenen Landwirten und „Manpower“ konnte das Rind nach drei Stunden aus der Iller begleitet werden. „Ein absolutes Spektakel.“

»Feuerwehr ist Teamarbeit«

Die 15 Feuerwehrleute, die in den Dienstwohnungen leben, leisten ehrenamtliche Feuerwehrarbeit. Brennt es nachts, sind es zuvorderst sie, die zusammen mit anderen freiwilligen Feuerwehrlern ausrücken. Selbst am Wochenende werden Ehrenamtliche alarmiert und besetzen von 9-18 Uhr auch die Feuerwehrwache. Unter der Woche zu den Tagstunden fahren allerdings vor allem hauptamtliche Feuerwehrleute zu den Einsätzen. Sie besetzen das erste Löschfahrzeug. Sobald das Unglück größer ist, werden wochentags die „Ehrenamtlichen“ dazu alarmiert.

Diese Kombination aus Ehrenamt und Hauptamt dient der Entlastung der ehrenamtlichen Feuerwehrangehörigen, gerade während der Kernarbeitszeit. Schließlich sind es über 1.100 Einsätze pro Jahr.

In der Feuerwehr ist der Zusammenhalt groß. Streit schätzt es sehr, dass die Kameraden aufeinander achten, und auch für Gespräche parat stehen, wenn es jemandem nicht so gut geht: „Hey, in letzter Zeit gefällst du mir nicht so“, sagen sie dann. Gerade nach belastenden Einsätzen mit Schwerverletzten oder Menschen, die ums Leben gekommen sind, hilft das. „Man tut sich leichter, erst mal mit einem Kameraden zu reden“, sagt Streit, „Feuerwehr ist Teamarbeit, Ich-Menschen haben es schwer bei uns“, das vermittle er auch den Zwölf- bis 14-Jährigen. Allein komme man nicht durch.

Aber wenn eine Rettungsaktion im Nachhinein sehr mitnimmt, sind auch Gespräche mit ausgebildeten Kräften möglich. Das Angebot werde immer mehr angenommen, erklärt Hager, „man muss aber natürlich auch eine gewisse Distanz wahren, sonst macht man sich selbst kaputt.“ Das gelinge zwar nicht immer, aber im Großen und Ganzen schon.

Wenn es drauf ankommt

Und Situationen, in denen man „einfach funktionieren muss, weil sonst jemand stirbt“, kommen immer wieder vor. Zum Beispiel am Eicher Ringweg, als ein Wohnhaus brannte. Eine ältere Dame hatte sich in den ersten Stock retten können, kam aber über das Treppenhaus nicht mehr ins Freie. Als die Feuerwehrleute eintrafen, stand sie am Fenster, hinter ihr züngelten die Flammen, aus dem Haus quoll der Rauch. Gleichzeitig versuchten die Nachbarn über eine Leiter, die Dame in Sicherheit zu bringen. „Das war ein relativ brenzliger Moment“, schildert Hager, „wir konnten die Frau retten, aber viel länger hätte es nicht dauern dürfen, sonst wäre Schlimmeres passiert.“

Und wie bewahrt man in einem solchen einen Moment einen kühlen Kopf? „Routine hilft. Je mehr Erfahrung die Einsatzkräfte mitbringen, desto entspannter läuft ein Einsatz ab.“ Trotz der großen Routine gibt es bei Patrick Streit aber auch die ein oder andere Situation, „in der ich überlegen muss“ und die ihn überrascht.

»Wir wissen nicht, was uns erwartet«

Schellt der Alarm, muss es schnell gehen. Rasche Entscheidungen sind gefragt. Denn auf dem Weg zur Einsatzstelle haben die Feuerwehrleute nur wenige Informationen darüber, was sie erwartet. „Wir kennen nur Stichworte wie ‚Rauchentwicklung in der Kronenstraße‘ – also das, was der Notrufer durchgegeben hat“, erklärt Hager. Hinter dem Alarm einer Brandmeldeanlage kann sich ein technischer Defekt verbergen, oder eine starke Rauchentwicklung. Erst am Einsatzort fällt also die Entscheidung, mit welcher Taktik die Einsatzkräfte vorgehen.

Die Frauen und Männer, die im Brandfall zuerst am Feuerwehrgerätehaus ankommen, besetzen das erste Löschfahrzeug. Je nach Ausbildung, wählt jeder einen bestimmten Sitzplatz. Der Platz im Auto zeigt dann an, welche Funktion die Person am Einsatzort ausübt: Pro Fahrzeug gibt es einen Chef – den Gruppenführer, einen Maschinisten und vier Atemschutzgeräteträger. Auf den restlichen Plätzen sitzen die „normalen“ Feuerwehrleute.

Ist eine Feuerwehrkraft in mehreren Bereichen ausgebildet, ist sie flexibler einsetzbar. „Patrick ist der Allrounder“, sagt Stadtbrandrat Hager. Über die Jahre hat sich Streit auch zum Chemikalienschutzanzug-Träger und Gruppenführer weitergebildet. Im Ernstfall „muss man halt schauen, welche Qualifikation in dem Moment grade gebraucht wird“, sagt er.

Und seine Einsatzzahl sieht Streit selbst als gar nicht so hoch an: Viele dieser Einsätze dauern ja auch nur eine halbe oder Viertelstunde“, erklärt er. Dann wird zum Beispiel ein Patient, der nur liegen kann, über die Drehleiter aus der Wohnung geholt oder eine verschlossene Tür geöffnet.

Weitere Pläne für die Feuerwehrlaufbahn hat Patrick Streit gerade nicht. Dass er noch eine Zeit lang dabei sein wird, steht fest.

Einsätze der Feuerwehr Kempten im gesamten Stadtgebiet (2021)

·        gesamt: 1.156

·        Brandeinsätze: 504

·        Technische Hilfeleistung: 610

·        Gefahrguteinsätze: 42

Mitgliedszahlen

·        Aktive Feuerwehrleute im Stadtfeuerwehrverband (inklusive Werksfeuerwehren): 442, davon weiblich: 35

·        Jugendfeuerwehr: 47, davon 13 weiblich

·        „Spezialgruppen“ aus Mitgliedern in den Einsatzeinheiten, die zusätzlich Dienst in weiteren Spezialisierungen machen, z.B. in der Wasserrettungsgruppe, bei den Flughelfern, oder im Bereich der Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung

·        Feuerwehr Kempten: 442, davon 28 hauptamtlich

·        Verein Feuerwehr Kempten: ca. 700 (inkl. passive Kameraden und fördernde Mitglieder)

Homepage der Feuerwehr Kempten

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