Mütterleid und Müttertrost 

Pergolesis »Stabat Mater« in der Stadtpfarrkirche St. Anton

Eine prachtvolles und zugleich intimes Passionskonzert erlebten
die BesucherInnen am Palmsonntag in St. Anton.
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Eine prachtvolles und zugleich intimes Passionskonzert erlebten die BesucherInnen am Palmsonntag in St. Anton.

Kempten – Diese Kirchenveranstaltung in Pandemiezeiten war wie ein rot ausgeleuchteter Lichtblick am Ende eines kaum kürzer werdenden Tunnels – so erscheint es jedenfalls dem musikdürstenden Wanderer in der Wüste, der endlich einmal wieder Wasser gefunden hat.

Eingebettet in den offenen liturgischen Rahmen einer Passionsandacht hatte David Wiesner, der Chordirektor der Stadtpfarrei St. Anton in Kempten, seine MusikerInnen aus der näheren Region versammelt, um ihnen nach Langem wieder eine Bühne zu geben für ihre Kunst und um Giovanni Battista Pergolesis prächtiges Werk mit einer kleinen Besetzung aufzuführen. Ein abzüglich der eingerichteten Abstandsflächen gut gefüllter Kirchenraum nahm dankbar diese musikalische Meditation über das spätmittelalterliche Gedicht „Stabat Mater“ entgegen, das – in lateinischer Sprache geschrieben – um die Befindlichkeit Marias als Mutter des gekreuzigten Jesus kreist.

Es gibt wohl kaum einen liturgischen Text, der so viele Komponisten zu Werken angeregt hat, wie das „Stabat Mater“. Die Urheberschaft ist unsicher, die Entstehung wird im 13. Jahrhundert vermutet. Durch die ganze abendländische Musikgeschichte hindurch reicht das Spektrum der Vertonungen von Orlando di Lasso, Palestrina, Scarlatti, Haydn, Boccherini, Schubert, Liszt, Dvorak, Verdi, Poulanc bis zu Penderecki und Arvo Pärt, um nur die Bekanntesten zu nennen.

Giovanni Battista Pergolesis Komposition von 1736 ist diejenige, die am meisten gespielt von allen ist, weil der musikalische Fluss der spätbarocken Musik seinen Weg in die Ohren der ZuhörerInnen aller Zeiten fand. Der strenge kirchenmusikalische Duktus jener Epoche ist von Pergolesi, der am Ende seines kurzen Lebens die Tonsprache der Opera Seria, also der ernsten und artifiziellen Oper, hin zur lebendigen und natürlichen Opera Buffa entwickelt hatte, aufgebrochen worden. Er hat die Kirchenmusik mit seinem „Stabat Mater“ eingängiger und für ein breites Publikum verständlich gemacht. Sein musikalisches Genie war imstande, Händels Glanz und Bachs Kontemplation – seine Väter, die ihn überlebten – zu vereinen. Besonders die sieben Duette von Sopran und Alt bei „Stabat Mater“ von insgesamt zwölf Sätzen erzeugen vor dem Hintergrund der barocken Orchesterbegleitung ein prachtvolles und gleichzeitig intimes Klangerlebnis, das niemanden unberührt lässt. 

Auch David Wiesners Einstudierung transportierte dieses besondere Klangerlebnis, wenn auch die Reduktion des Barockorchesters auf eine Streichquartettbesetzung eine gewisse Sprödigkeit erzeugte. Die beiden sehr schön aufeinander eingehenden Stimmen Stephanie Bornschlegls (Sopran) und Christine Haubers (Alt) wirkten hier immer wieder wie der kunstvolle Kitt, der das Klanggeschehen miteinander verwob und zusammenhielt. Ein hörenswerter Vortrag, der mit viel Beifall belohnt wurde.

Weitere Aufführungen fanden am Palmsonntag in der Kirche von Reicholzried und am Karfreitag nochmals in St. Anton statt.

Jürgen Kus

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