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Perspektive einer Schwarzen Schulamtsdirektorin - Rassismuskritik bei Fachtagung in Kempten

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Von: Susanne Lüderitz

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Florence Brokowski-Shekete-Rassismuskritik-Mist, die versteht mich ja!-Rassismus
Offenheit, Wertschätzung, Respekt und Achtsamkeit sind Voraussetzungen für eine rassismussensible Gesellschaft, sagt Florence Brokowski-Shekete. © Tanja Valérien

Kempten – Welche Schritte zu gehen sind, um zu einer rassismussensiblen Schule zu gelangen, zeigte bei der Tagung an der Hochschule Florence Brokowski-Shekete.

Im Programmflyer der „Allgäuweiten Fachtagung Rassismus – Rassismuskritik – Alltagsrassismus“ angekündigt war ­Florence Brokowski-Shekete als erste schwarze Schulamtsdirektorin und Autorin des Buches „Mist, die versteht mich ja! Aus dem Leben einer Schwarzen Deutschen“.

Ernst, aber auch humorvoll berichtete sie von ihren Erlebnissen als Schülerin, Referendarin, Lehrerin und Schulamtsdirektorin. Für die Zuhörerinnen und Zuhörer oft zum Lachen und Weinen zugleich. Brokowski-Sheketes Ausgangsfrage: Hat sich in den letzten 30 Jahren in puncto diskriminierungssensiblem und rassismuskritischem Handeln etwas verbessert?

30 Jahre Schule – Was hat sich in Sachen Rassismussensibilität getan?

Als Kind nigerianischer Eltern ist Brokowski-Shekete in Hamburg geboren und bei einer weißen Mutter im niedersächsischen Buxtehude aufgewachsen. „Ich war damals das erste und auch lange Zeit das einzige schwarze Kind in dieser Stadt.“ Von ihrem neunten bis zum zwölften Lebensjahr hat sie in Nigeria gelebt – „eine für mich nicht sehr schöne Zeit“.

Als sie zurückkam, war sie ein „sehr unterernährtes und sehr dünnes“ Kind und hatte essenstechnisch viel nachzuholen. Ein Schüler und auch eine damalige Lehrerin hätten ihr dann nahegelegt, nicht so viele Brötchen zu verschlingen, denn dann hätten die Kinder in Afrika mehr zu essen. Seitens der Lehrkraft ein Mangel an kulturellem Feingefühl und menschlicher Sensibilität in mehreren Situationen. „Es gelang ihr, mir als damals Zwölfjährigen deutlich zu machen, dass es – aus meiner Perspektive – ein schwarzes Ich und ein weißes Ihr gab. Ich fühlte mich von diesem weißen Ihr mit meinem schwarzen Ich nicht verstanden.“

Mitleidspunkte im Sportunterricht

Eindrücklich auch die Ansicht eines Sportlehrers, der meinte, Schwarze beherrschten Ballsportarten ohnehin nicht, weshalb Brokowski-Shekete Mitleidspunkte bekam. Es sei nicht nötig, dass sie sich „abquälte“. Und das, obwohl Michael Jordan und Co. damals schon von sich reden machten.

Brokowski-Shekete berichtete von ihrer Jacke, die sie als Lehrerin trug, und die eines Tages zerschnitten an der Lehrergarderobe hing; davon, dass es auch im Jahr 2000 noch Schulleitungen gab, die der Auffassung waren, dass das „N-Wort“ ein ganz normaler Begriff sei und ein Kind die Bezeichnung damit hinzunehmen habe. Und selbst jetzt höre sie Sätze wie: „Sie nehmen es mit Ihrer interkulturellen Kommunikation viel zu genau.“

Lebenslanges Lernen für alle

Ihre Forderung: Zuerst müssen sich die Verantwortlichen der Dringlichkeit des Themas gewahr sein – Zuvorderst müssten sich die Kultusverwaltungen der Länder intern die Frage nach der eigenen Bewusstseinsmachung stellen. Dann die Regierungspräsidien, dann die Schulleitungen. „Die Aussage, ‚wir machen ja schon so viel‘, ist nicht die Legitimation dafür, dass es nicht mehr braucht“, so die Schulamtsdirektorin, „die Thematik der Diskriminierungs- und Rassismussensibilität bedarf einer bildungsbiographischen, lebenslangen Sensibilisierung.“

Wenn man sich mit einem Thema befassen wolle, spreche aber nicht mit Betroffenen, „dann führt man Selbstgespräche. Und Selbstgespräche führen zu nichts und sind auf Dauer langweilig.“

Das Thema müsse Pflichtmodul werden in der Lehreraus- und Fortbildung. Es brauche eine Überprüfung der schuleigenen Leitbilder, der Schulbücher und der Einstellungen der Lehrkräfte – und trotzdem auch deren Perspektive.

Es sei auch nicht zielführend, die Betroffenen zu Beauftragten zu machen, wenn sie es gar nicht möchten – schon gar keine Schülerinnen und Schüler. Brokowski-Sheketes Satz dazu: „Wir lernen nicht am lebenden Objekt.“

Freundlich gemeint, aber im Effekt diskriminierend

Sie zeigte auf: Vermeintlich freundliche Smalltalk-Sätze wie „Woher kommst du?“ geben dem Gegenüber das Gefühl, nicht dazuzugehören – egal wo sein Geburts- und Wohnort liegt. Für solche Fragen brauche es eine gewisse Nähe, andernfalls verstoße man gegen die allgemeinen Regeln der Kommunikation. Sie habe Professor Peter Nick (Mitorganisator der Tagung) ja auch nicht sofort gefragt, ob er mit seiner Frau glücklich sei. Das verletze die Distanzzonen. Wenn man seine Klasse am ersten Schultag kennenlernen wolle, sei die Frage „Was macht dich aus?“ viel besser, weil die Schüler dann selbst entscheiden können, was sie von sich preisgeben möchten.

Dieselbe Wirkung hat der Satz: „Du sprichst aber gut deutsch!“. Er ist ein „vergiftetes Lob“. Er geht von der Annahme aus, jemand, der anders aussieht, muss von einem anderen Teil der Welt stammen – und gehört folglich nicht dazu. Verletzend. Man spricht auch von „Othering“.

Brokowski-Shekete enttarnte Sätze wie „Waas, ich bin doch nicht rassistisch, ich kaufe doch beim Türken nebenan!“ als Ausflucht und Gefahr. Die betroffene Person, die im Vorfeld Kritik geäußert hatte, fühle sich dadurch „falsch“. Dabei müsse die Deutungshoheit darüber, was rassistisch ist, ganz klar bei den Betroffenen selbst liegen.

Lesen Sie auch: »Aber woher kommst du ‚wirklich‘?« - Allgäuweite Internationale Wochen gegen Rassismus

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