"Die jetzige Situation wird nicht unter dem Deckel bleiben"

Pflegekräftemangel ist und bleibt

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Kempten – Mit knapp 45.000 Patienten, die 2018 im Klinikverbund Kempten-Oberallgäu behandelt wurden, stagniert die Zahl auf dem Vorjahresniveau. Die Verweildauer reduzierte sich im Durchschnitt von 5,3 auf 5,2 Tage, wie Andreas Ruland, Geschäftsführer Klinikverbund Kempten-Oberallgäu, im Stadtrat im Rahmen seines Vortrags zum Beteiligungsbericht angab. Als eine gute „Mannschaftsleistung“ der 4000 Mitarbeiter des Klinikverbundes blickte er auf ein „wirtschaftlich gutes Jahr“ 2018 zurück und wagte einen zuversichtlichen Ausblick.

Was Helmut Hitscherich (UB/ödp) vor allem interessierte, war, ob Operationen mangels Pflegepersonals öfters um mehrere Wochen verschoben werden müssen. Wie Ruland erklärte, könne das vorkommen oder auch, dass Patienten für die OP in andere Kliniken verlegt würden. Das würde aber auch nicht immer funktionieren, da diese die Patienten wegen ebensolchen Personalmangels oft nicht aufnehmen könnten. 

Erstaunlich sei, so Ruland, dass „trotz besserer Rahmenbedingungen keine Pflegekräfte zu kriegen sind“. Selbst die Anwerbung aus dem Ausland, wie Kosovo oder den Philippinen, habe nicht viel gebracht und es zeichne sich ab, dass die Personalsituation auch in den nächsten Jahren unverändert so bleibe. Dabei sei es ein angesehener Beruf und auch die Verdienstmöglichkeiten nicht gerade schlecht.

Dass manche Betten nicht belegt oder OPs nicht durchgeführt werden können, ist laut Ruland die Folge eines Gesetzes, das einerseits ausreichend Pflegekräfte für die Patienten fordere, diese aber einfach nicht da seien. Dadurch verschlechtere sich unter anderem die Finanzlage der Kliniken und entsprechend stiegen „auch im Allgäu“ die Insolvenzen von Krankenhäuser „dramatisch“ an. 

Wenn er sich mit Politikern unterhalte, zeige sich immer wieder, „dass sie oft nicht wissen, was solche Gesetze auslösen“. Der Klinikverbund werde zum Beispiel 2019 durch den Personalmangel Erlösverluste in Höhe von vier Millionen Euro haben, „mit denen wir in 2020 starten“, verdeutlichte er das Dilemma.

Politisch so gewollt

Dr. Philipp Jedelhauser (ödp) kritisierte in den Medien „kaum etwas Vernünftiges“ zur Personalpolitik gelesen zu haben und wunderte sich darüber, „warum sich Fachleute solch eine Politik gefallen lassen?“. Es sei, so Ruland, „politischer Wille“, mit dem Ziel, dass in den nächsten Jahren einige 100 Kliniken „vom Netz“ müssen, wie er die gewünschte Marktbereinigung salopp bezeichnete. 

In Berlin wüssten die Politiker „sehr gut, was sie tun“. Aber einige Länder würden auch ihre „eigene Suppe kochen“ (Sie entscheiden darüber, wo ein Krankenhaus gebaut, wo ein bestehendes Haus ausgebaut oder geschlossen wird). Darüber hinaus sei der Krankenhausverband uneinig. Aber, war sich Ruland sicher, „die jetzige Situation wird nicht unter dem Deckel bleiben“.

Aus Sicht von Dr. Dominik Spitzer (FDP) macht die Personal-Untergrenze aber auch Sinn, „um die Qualität zu halten“. Da würde sicher jeder erst mal sagen „keine schlechte Meinung“, stieg Ruland darauf ein. Die Pflegeverbände würden in der gesetzlichen Ausgestaltung allerdings inzwischen eher sehen, dass sie „das Gegenteil von dem bewirken“, was hätte sein sollen. So müsse das Pflegepersonal unter anderem heute wieder Dinge machen, die sie vor 15 Jahren hinter sich gelassen hätten. Jens Spahn „macht einen super Marketing-Job“, attestierte Ruland dem Gesundheitsminister, versehen mit einem dicken „Aber“. 

„Was uns fehlt sind die helfenden Hände am Bett“, die ihre Arbeit mit Hingabe machen, warb Ruland für eine Politik, die nicht auf Noten, sondern auf Eignung schaut. „Da muss an den Pflegeschulen ein Umdenken stattfinden“, sagte er. „Die Akademisierung der Pflege wird sicher nicht mehr helfende Hände an die Betten bringen“, fürchtete Jedelhauser eine weitere Verschlechterung der Situation.  Stephan Prause (CSU) regte an, dass das Klinikum künftig auf der Hochschulmesse für Personal werben soll.

Aggressive Patienten nehmen zu

Harald Platz sorgte sich angesichts der zunehmenden Aggression und Gewalt gegenüber medizinischem Personal um die Sicherheit von Ärzten, Patienten und Pflegepersonal in den Häusern, in denen „alle Türen offen“ seien. Ruland bestätigte, dass die Gewalt zugenommen habe, „vor allem in der Notaufnahme“.

Der Testlauf mit Sicherheitspersonal habe nicht funktioniert, weshalb man auf gut geschultes Personal setze sowie auf einen „roten Knopf“ als schnellen Draht zur Polizei.

Die zunehmend zu beobachtenden „verbalen Entgleisungen“ sah OB Thomas Kiechle für den Beginn dessen, „was sich körperlich äußert". Deshalb sei ein „rechtzeitiges Einschreiten“ umso wichtiger.

Neuer Klinikverbund Allgäu

Was den neuen Klinikverbund Allgäu mit dem Klinikverbund Kempten-Oberallgäu und den Kreiskliniken im Unterallgäu (Ottobeuren und Mindelheim) betreffe , werde es noch dauern, „bis wir die Früchte aus dieser Fusion ziehen können“, meinte Ruland. Inzwischen sei der Klinikverbund Allgäu im Handelsregister eingetragen und mit gemeinsamem Logo versehen.

Christine Tröger

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