"Hätt ich machen sollen, ging aber nicht"

Die gravierenden Folgen des Pflegenotstands in der Praxis

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Die Pflegefachkräfte Ingeborg Petrich (li.) und Regina Sitt berichten aus dem Arbeitsalltag am Krankenhaus.

Kempten – Einen sehr persönlichen Blick auf die schlechte Situation in der Pflege gab ein Vortrag der katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) „Pflege aktuell“ im Pfarrheim St. Ulrich. Sparen sei angesagt in Kliniken, Alters- und Pflegeheimen. Als Konsequenzen seien Spezialisierungen, Ausgliederungen, Schließungen und permanenter Druck auf das Personal zu spüren. Der Abend sollte sich damit beschäftigen, welche Auswirkungen dies auf das Pflegepersonal und die Patienten hat.

Bei einer ver.di Kundgebung zum Pflegenotstand entstand der Kontakt zu den Referentinnen, leitete KAB-Kreissekretär Wolfgang Seidler die Veranstaltung ein. Er bedauerte aufgrund der Brisanz des Themas, dass die geladenen Gäste aus der Politik an diesem Abend allesamt verhindert waren.

Die beiden Pflegefachkräfte Ingeborg Petrich und Regina Sitt berichteten anschaulich aus dem Arbeitsalltag am Krankenhaus. Schnell wurde klar, bei Pflegekräften herrscht ständige Frustration über ihre Situation. „Das Pflegepersonal muss sofort erkennen, wenn sich der Zustand eines Patienten verschlechtert. Doch wo zu wenig Zeit ist, wird es zunehmend schwierig, alles im Blick zu haben.“ Frust über die Arbeitsbedingungen und darüber, die Patienten nicht optimal versorgen zu können, seien die Folgen. Die Zuhörer bekamen auch eine Vorstellung, was es bedeutet, nachts alleine für 39 Patienten zuständig zu sein. „Da geht es manchmal um Leben und Tod“. Doch wie soll man allein entscheiden, welchem Patient zuerst geholfen wird? Mindestens zwei Fachkräfte im Nachtdienst, so die Forderung aus der Praxis.

"Ein ständiger Durchlauf"

Neben der Pflege „am Bett“ kämen Dokumentationen, Entlassungen und Neuzugänge zum täglichen Arbeitspensum. „Und natürlich gibt es auch umfangreiche, zeitaufwändige Hygienevorschriften.“ Ein Problem sehen die beiden Vollblut-Pflegekräfte im System. „Das Abrechnungssystem im Krankenhaus ist nicht auf Pflege, sondern auf Technik ausgelegt.“ Pflegeleistungen bringen nicht das nötige Geld in die Kassen. Seit 2010 gebe es zumindest auch für Pflegeleistungen eine Vergütung, allerdings nur, wenn diese auch dokumentiert werden. Außerdem seien die meisten Patienten nur wenige Tage im Krankenhaus, früher waren dreimal so lange Aufenthalte normal. Das bedeute mehr Arbeit beim Krankenhauspersonal durch ständige Aufnahmen und Entlassungen, und weniger Zeit, die Patienten und ihre Krankheitsbilder richtig kennenzulernen.

"Niemand schafft das ein Leben lang in Vollzeit"

Das größte Problem aus Sicht der Fachkräfte: Die Arbeitslast werde auf zu wenigen Schultern verteilt. Verbindliche Personalschlüssel gebe es bisher nicht, nur auf der „Frühchen-Station“ sei die Anzahl der Pflegekräfte festgelegt. Viele Pflegefachkräfte halten deshalb gar nicht bis zur Rente durch, sie wechseln nach wenigen Jahren den Beruf. Auch Teilzeitarbeit ist aufgrund der hohen Arbeitsbelastung typisch in der Branche. Die dadurch offenen Stellen sind 2016 im Bundesdurchschnitt 132 Tage unbesetzt. Ein Teufelskreis, denn so wird die Arbeitslast wieder auf die verbleibenden Kräfte verteilt. „Fast jeden zweiten freien Tag wird man angerufen, ob man einspringen kann“, erfahren wir. Und natürlich möchte man die Kollegen nicht hängen lassen.

"Jammern auf hohem Niveau"

Menschen, die in dieser Berufsgruppe arbeiten, seien meist ein bestimmter Typ, der Helfertyp. „Die Unermüdlichen halten den Laden am Laufen“ und „Wir Jammern auf hohem Niveau in der Pflege“ wurde dazu selbstkritisch angemerkt. Aber der Zusammenschluss der vereinzelten Gruppen, um etwas zu verändern, scheiterte bisher. „Dabei wären wir eine große Macht“ wundern sich die beiden über den fehlenden Zusammenhalt. Wo in anderen Berufsgruppen unerbittlich gestreikt und um bessere Bezahlung gestritten wird, bleibt es im Pflegebereich still.

Dabei wird das Problem mit der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft weiter wachsen. Schon jetzt sei es oft schwierig, Patienten direkt nach Hause zu entlassen. Es fehle zunehmend die Bereitschaft der Angehörigen, zu pflegen. Dadurch seien auch nicht ausreichend Kurzeitpflege- genauso wie Langzeitpflege-Plätze im Anschluss vorhanden. Denn auch da fehlt das nötige Betreuungs-Personal.

"Platz für ältere Menschen berücksichtigen"

Pflegenotstand sei ein Thema, das alle angeht, finden die Vertreter der katholischen Arbeitnehmer-Bewegung. Die KAB sieht darin eine zentrale Zukunftsaufgabe in einer älter werdenden Gesellschaft. Die Arbeit werde gesellschaftlich zu wenig wertgeschätzt, die zu geringe finanzielle Unterstützung und die niedrige Entlohnung seien ein Zeichen dafür. Doch was wären mögliche Handlungsschritte für den Einzelnen? Wer unzufrieden war mit den Pflege in Krankenhaus oder Einrichtung, der solle sich ruhig beschweren, so Petrich. So richte man den Fokus mehr auf diese Probleme. „Wer möchte, dass sich in diesem wichtigen Thema Pflege etwas ändert, muss im Wahljahr bei den Politikern vor Ort Druck machen“, appellierte Florian Paulsteiner, KAB Kreisvorsitzender des Ostallgäus, abschließend an die Anwesenden.

Steffi Koller

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