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Philipp Hochmair macht den zeitlosen Friedrich Schiller zum Rave-Star

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Von: Christine Tröger

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Bei Philipp Hochmair (Mitte) und seiner Band „Die Elektrohand Gottes“ grooven die klassischen Dichter, wie vergangenen Sonntag auf dem Theaterfestival in Isny, beim „Schiller Balladen 
Rave“.
Bei Philipp Hochmair (Mitte) und seiner Band „Die Elektrohand Gottes“ grooven die klassischen Dichter, wie vergangenen Sonntag auf dem Theaterfestival in Isny, beim „Schiller Balladen Rave“. © Tröger

Isny - Beim Theaterfestival in Isny ist Schiller so präsent, dass man sich ihm zwei Stunden lang nicht mehr entziehen kann. Der „Schiller Balladen Rave“ schlägt zu.

„Schiller, wo bist du?“ „Schiller!“ „Schiller!“ Philipp Hochmair (siehe Interview im Kreisboten vom 27. Juli 2022) wandert durch den Zuschauerraum im Theaterzelt, ruft nach dem Mann, der als einer der bedeutendsten deutschen Dichter gilt und vor gut 200 Jahren verstarb. „Wo bist du?“ Mit einem Hammer schlägt Hochmair immer wieder auf einen schweren Schraubenschlüssel ein, um den Dichter (wieder) hervorzulocken – vielleicht auch, um die Wahrnehmung der Zuhörerinnen und Zuhörer zu schärfen. Und dann ist Schiller so präsent, dass man sich ihm zwei Stunden lang nicht mehr entziehen kann. Der „Schiller Balladen Rave“ schlägt zu.

Die Bühne: Eine Baustelle, Vanitas-Symbole weisen auf die Vergänglichkeit hin; im Hintergrund die vier Musiker der Band „Die Elektrohand Gottes“ wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Die grauen Mechanikeranzüge unterstreichen ihre stoische Konzentration auf den richtigen Rhythmus, der sich an Hochmairs Vortrag orientiert und immer wieder entsprechend justiert werden muss. Vorne Philipp Hochmair hybrid gewandet in Tarn- und Baustellenkleidung, sprunghaft zwischen zwei Mikros, einmal Stimme direkt, dann wieder mit Megaphon oder auch sprechend durch ein langes Leitungsrohr.

Schillers Worte schleudern zu Techno-Klängen rhythmisch durch den Raum; Passagen und einzelne Worte werden an wichtigen Stellen wiederholt, hämmern sich regelrecht ins Hirn. Worte, die an Aktualität nichts verloren haben, an die es sich zu erinnern lohnt.

Hochmair durchlebt, was er rezitiert, mit vollem Körper­ein­satz, bis zur Erschöpfung, fast durchgehend mit brennender Zigarre, an der er immer wieder genüsslich zieht; er legt das Baustellenhemd ab, lässt die Halskette(n) mit Kreuz auf dem nackten Oberkörper wirken, übergießt sich immer wieder mit Wasser und auch ein Glitzerjackett hat er im Fashion-­Repertoire dabei. Bild-Projektionen unterstreichen den Text, den Beat, die beim Zuhören entstehenden Bilder im Kopf. Hochmairs Wiederholungen am Ende der Start-Ballade „Der Ring des Polykrates“ verstärken die Tragik, als dem Freund des Königs klar wird, dass die Götter dessen Verderben wollen: „Fort eil‘ ich, nicht mit dir zu sterben. Und sprach‘s und schiffte schnell sich ein.“

Balladen-Rave: Tiefsee-Feeling bei Schillers „Taucher“

Es folgen weitere Schiller-Balladen, u.a. „Die Bürgschaft“, „Der Handschuh“. Gefühlt wie in einem U-Boot in der Tiefsee cruisen Rezitator Hochmair, Jörg Schittkowski und Rajko Gohlke an Synthesizer und Klangmaschinen, Tobias Herzz Hallbauer an der Gitarre und Bastien Eifler am Schlagzeug durch „Der Taucher“. Test der Zuhörerschaft oder weil es irgendwie gut passt: Auch – „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind …“ – Goe­thes „Erlkönig“ treibt plötzlich im „Schiller Balladen Rave“ eindringlich sein Unwesen.

Fast wie eine Drohung klingt Hochmairs Ankündigung des Schlussaktes. „Das Lied von der Glocke“, eine der bekanntesten Balladen Schillers, in der er den Vorgang des Glockengießens schildert – und das ungekürzt (Inspiration zum Baustellen Bühnenbild). Auch diese 19 Strophen vergehen wie im Flug.

Was bei so einem Nischenprogramm wie dem – hochkarätig besetzten! –„Schiller Balladen Rave“ auf sie zukommen würde, wusste sicher nur ein kleiner Teil des erfreulich heterogenen Publikums. Dennoch, nur wenige der gut 300 Besucher verließen das Zelt zu Beginn gleich wieder. Der Rest ließ sich voll darauf ein, interagierte gelegentlich sogar und verfolgte das starke Geschehen hochkonzentriert. Der begeisterte Applaus am Schluss spricht für sich.

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