"Die Sonne schickt keine Rechnung"

Gewinn durch Energiewende

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Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Energiewende hält Dr. Franz Alt auf Einladung des „Lions Club Müßiggengel“ in Kempten.

Kempten – Atomenergie? Nicht mit dem Journalisten, Fernsehmoderator und Buchautor Dr. Franz Alt. Auf Einladung des Lions Clubs Kemp- ten Müßiggengel sprach er vergangene Woche in den Räumen der Hypo Vereinsbank in Kempten vor rund 100 Menschen.

Sein Thema: „Auf der Sonnenseite – Warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht.“

Als visionärer Querdenker und Pionier der Nutzung von Sonnenenergie macht sich der 75-Jährige schon seit Jahrzehnten für den Atomausstieg stark. Auslöser dafür sei das Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 gewesen. „Davor war ich als Journalist genauso verschlafen wie alle anderen“, gesteht er, die Gefahren lange ignoriert zu haben. Rund 800 000 Helfer seien in das verseuchte Gebiet geschickt und danach in ganz Russland verteilt worden, um die Sterberate nicht an einem Ort plötzlich in die Höhe schnellen zu lassen. Damals habe er gelernt, dass „jedes AKW ein atomares Restrisiko hat.“ In Japan werde bezüglich Fukushima noch vieles verdrängt, der Widerstand gegen den Bau neuer Atomkraftwerke sei in der Bevölkerung aber „inzwischen ähnlich groß wie in Deutschland“, so Alt. „Sie können Atom und Demokratie nie in Einklang bringen“, das gehe nur in einer Diktatur, zeigte er sich überzeugt davon, dass die Menschen „aufwachen“.

Umso vehementer vertrat er sein Credo: „Die Sonne schickt keine Rechnung“, dafür aber täglich 1500 Mal mehr Energie, als alle Menschen auf dem Erdball verbrauchen könnten. Natürlich werde die Energiewende Geld kosten, rund eine Billion Euro nach Schätzung des Umweltministeriums – keine Energiewende aber doppelt so viel. Dass Erneuerbare Energien (EE) zu teuer seien, widerlegte Alt mit deutlichen Zahlen. Unter anderem würden durch EE rund 24 Millionen Euro im Land bleiben, „bei Gas und Öl werden 100 Millionen Euro ins Ausland überwiesen.“ Ganz zu schweigen davon, was ein einziger Atommüllwächter in dem erforderlichen Zeitraum von einer Million Jahren kosten würde. Das sei nämlich mehr als alle Menschen heute zusammen hätten, rechnete er schmunzelnd vor.

„Der liebe Gott war nicht doof, die Evolution nicht blöd, das Problem ist der Homo Sapiens“, verwies Alt auf die natürlich gegebenen Potentiale von Erneuerbaren bei gleichzeitig anhaltender Ignoranz. Zum Beispiel habe man in Österreich ein Elektroauto aus dem Jahr 1898 entdeckt, „das noch läuft.“ Über den innovativen Standort Deutschland konnte Alt nur den Kopf schütteln. Jahrzehntelang habe man den hiesigen Autobauern Elektroautos erfolglos „wie Sauerbier“ angeboten. Inzwischen habe Toyota in Japan drei Millionen E-Autos „mit deutscher Technologie“ gebaut. In Peking würden die Grenzwerte für Feinstäube um das 46-fache überschritten, während die Deutschen dort im Autosalon ihre „20-Liter-Autos ausstelle.“.

Ressourcenkriege

Auch die Verhinderung von Kriegen sah der engagierte Redner durch die Nutzung vor allem von Sonnenenergie, denn „alle Kriege heute sind Ressourcenkriege“, schloss er auch die Bundeswehreinsätze mit ein. „Aus ökologischen Gründen“, da war Alt sich sicher, würden die Deutschen nicht umsteigen, „sondern, wenn es kein Öl und Benzin mehr gibt“ oder es zu teuer werde. Wer hier an alten Gewohnheiten festhalte, brauche sich über die Klimaflüchtlinge aus der dritten Welt nicht zu wundern. Er verwies auf „genügend Alternativen“, ohne Verlust des Lebensstandards, wies aber ebenso klar darauf hin: „Die billigste Energie ist immer die, die ich nicht verbrauche.“

Alt sieht die Energiezukunft in einem breiten Mix aus Erneuerbaren Energien mit Solar- und Windenergie, Wasserkraft und Biomasse. Als „Exportschlager“ bezeichnete er das deutsche Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), das vor allem in Ländern der dritten Welt Nachahmer gefunden habe. Dennoch wählte er immer wieder deutliche Worte bezüglich der Wendehalspolitik, die von deutschen Politikern praktiziert werde.

Zum Ausklang seines rund zweistündigen Vortrags zeigte er zahlreiche Positivbeispiele von der Nutzung Erneuerbarer Energien aus aller Welt. Dass Denkmalschutz nicht unbedingt zum Hemmschuh werden muss, wie häufig in Deutschland, demonstrierte er auf einem Bild aus dem Vatikan, mit einer großflächigen Photovoltaik-Anlage neben dem Petersdom. „Wenn die Energie- wende funktionieren soll, muss sie von unten her organisiert werden“, gab er den Menschen mit auf den Weg.

Christine Tröger

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