Plastikabflussrohre in D-Moll

LBT bringt ungewöhnliches Instrumentenmaterial mit zum Kemptener Kultursommer

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Das Leo Betzl Trio begeisterte im Innenhof der Residenz.

Kempten – Es war ein Konzert im Innenhof der Kemptener Residenz am lauen Sommerabend des letzten Samstags im Rahmen der Konzertreihe des Kemptener Kultursommers. Und viele Besucher werden das magische Erlebnis wohl noch lange in Erinnerung behalten.

Es wird untrennbar verbunden sein mit dem Namen LBT (Leo Betzl Trio). In seiner launigen Anmoderation verwies Andreas Schütz, als einer der Hauptinitiatoren dieser Konzertreihe, zusammen mit dem Kulturamt und dem Klecks e.V., darauf hin, dass es an der Bar reichlich zu trinken gebe und stellte dabei die Frage an die Musiker: „Könntet Ihr vielleicht alle sieben Minuten ein Prosit spielen?“

Aber nach der Erklärung von Leo Betzl, dass die Band das Programm ihrer neuen Platte „Stereo“ vorstellen möchte, das sich aus den Elementen Modern Jazz und Techno Jazz zusammensetzt, war klar, dass sich Andis Wunsch nicht erfüllen würde. Er war nicht traurig darüber, denn die folgenden Stücke waren voller magischer Kraft und nicht in sieben Minuten abzuhandeln.

Gerade noch war ich fasziniert von den rasenden Läufen auf dem Klavier und dem Kontrabass, um etwas später aus einer Trance aufzuwachen, in der ich mich, in wunderbar harmonische Musik eingehüllt, fortgetragen fühlte und nicht wusste, wie ich da hineingeriet und wie lange ich dort verweilte.

Deshalb komme ich gleich zum zweiten Teil, dem Technoteil des Konzerts, in dem nach einer kurzen Umbauphase weitere Höhepunkte auf die Zuhörer warteten. Da wurden allerlei Basteleien aufgefahren, die man in keiner Musikalienhandlung kaufen kann, aber das Klangspektrum von LBT erheblich erweitern.

Sebastian Wolfgruber ergänzte zum Beispiel sein ohnehin schon exotisch bestücktes Schlagzeug noch um eine Fahrradfelge. Was Leo Betzl alles im offenen Flügel verbarg, blieb dem Auge des Besuchers weitgehend verborgen, konnte aber später mit den Ohren wahrgenommen werden.

Natürlich war das die Stunde (so lange dauerte dieses Techno-Stück etwa) von Sebastian Wolfgruber, der sein Schlagzeugspiel teilweise, wie bei Technomusik üblich, mit unerbittlich hartem, trockenem und extrem präzisem Rhythmus der Base Drum auf den Vierteln unterlegte. Aber er begeisterte durch ein darüber gespanntes, variantenreiches, faszinierendes, unglaublich filigranes und phantasievolles Gewebe komplizierter Rhythmen.

Der Lokalmatador Maximilian Hirning gab dem ganzen mit seinem gestrichenen Bass durch sich stetig verändernde Klangfarben eine solide Basis. Manchmal ergänzte er Wolfgruber aber auch, indem er seine Saiten mit einem Paukenschlegel anschlug oder auch einige Perkussionsinstrumente bediente.

Das Wirken des Magiers am wohlpräparierten Klavier à la John Cage kann man nicht mit zwei Sätzen beschreiben. Leo Betzl fixierte auf den Saiten des Flügels Klebeband, womit er einen abgedämpften, perkussiven Ton erzielte, der sich sehr gut für diesen rhythmusbetonten Musikstil eignete. Sehr reizvoll auch die Passagen, in denen er mit der einen Hand den Flügel bediente und mit der anderen gleichzeitig ein Glockenspiel, manchmal auch ein Miniklavier, das klang wie eine Celesta. Gelegentlich kroch er förmlich in die Öffnung des Flügels, um mit den Fingern oder mit Drumsticks weitere Klangeffekte zu erzeugen. Was er darin noch alles anstellte, konnten die Zuhörer*Innen nur erahnen. Sehr betörend auch die sich stetig verändernden kratzenden Geräusche, die er mit einer Art selbst gebasteltem Monochord und einem Violinbogen erzeugte, und damit Hirnings gestrichenen Bass um weitere Varianten ergänzte.

Einer der Höhepunkte des Abends war Leo Betzls Solo für Badeschlappen und Plastikabflussrohre in D-Moll. Dabei schlug er mit den Flip-Flops auf die obere Öffnung der Rohre, wodurch er kurze, dumpfe Töne hervorzauberte und diese für rasende, variantenreiche Rhythmen verwendete. Auf meine Frage an Leo, wie denn die Abflussrohre gestimmt seien, bekam ich die trockene Antwort: „D-Moll.“ Selbstverständlich gab es für diese harmonisch in das Gesamtstück eingefügte Einlage wieder mal Szenenapplaus.

Mit Beginn der Techno-Sektion zeigten sich bei einigen Besuchern*(und vor allem)Innen Anzeichen von RLS. Sie wissen nicht, was RLS ist? Ich glaube aber schon, dass Sie damit auch Erfahrungen haben. In der Medizin kennt man RLS jedenfalls als Restless-Legs-Syndrom, und die ersten Symptome zeigen sich durch einen unkontrollierbaren Bewegungsdrang der Beine. Aber ich glaube, es handelte sich am Samstagabend um eine heilsame Erstverschlimmerung durch das Wirken des Schamanen hinter dem Drumset und der Fahrradfelge.

Jedenfalls leiteten die Betroffenen die Energie gut durch Tanzbewegungen ab. Allerdings war der Anblick etwas befremdlich, weil die Tänzer*Innen die coronabedingt notwendige Distanz einhielten. Ich weiß nicht, ob die Fachsprache schon einen Namen für diesen Tanzstil hat. Ich fände Disdance wäre treffend.

Wenn der Name LBT in Kempten wieder mal auf dem Programm steht, die Zeugen dieses Abends werden wieder dabei sein und noch eine Menge anderer Musikenthusiasten mitbringen. Schön wäre es, wenn Disdancing bis dahin bereits aus der Mode wäre.

Und wie geht es weiter? Am Samstag, 22. August, lässt es „Quattro Poly“ mit hochkarätiger Blasmusik zwischen Tradition und Moderne krachen. Kartenreservierungen wie immer per Email an info@klecks.de.

Karl Jena

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