Der Politik wird eingeschenkt

Nur zögerlich hat sich der Kursaal beim 6. Bockbierfest der CSU auf dem Scheidegger Blasenberg gefüllt. Aus dem Akademischen Viertel wurde am vergangenen Sonntag fast eine dreiviertel Stunde. Doch die Huigarte-Musik spielte fleißig auf und ließ beim Publikum im Kursaal keine Langeweile aufkommen. Als Kreisvorsitzender Eberhard Rotter dann zur Begrüßung ans Mikrofon trat, waren auch die letzten Ränge gut gefüllt.

Staatssekretär Dr. Gerd Müller und Landrat Elmar Stegmann fassten sich in ihren Grußworten kurz. Pointiert stellte Stegmann zum Auftakt der Veranstaltung fest: „Das beste Vergrößerungsglas ist immer noch das Bierglas. Es vergrößert die Lebensfreude.“ Und dann ging es los, der Aushilfspostbote betrat die Bühne. Mit verschmitztem Lachen, hintergründigem Witz und viel Esprit nahm Altbürgermeister Georg Schmid das örtliche Geschehen und die Landespolitik auf die Schippe. Gleich zu Beginn klärte er das Publikum über sein ungewöhnliches Outfit auf. Den Filzhut auf dem Kopf, die Filzpantoffel und die Filzstifte in der Tasche habe er günstig bei der CSU erwerben können. Im Bayernkurier habe er eine Anzeige gelesen, dass wegen der starken Verfilzung der CSU eine Neustrukturierung des Unternehmens anstehe, daher seien jetzt zahlreiche Filzprodukte preisgünstig abzugeben. Mit einem Tsunami verglich Schmid das niederschmetternde Wahlergebnis der CSU. Ganze 17,3 Prozent seien einfach weggespült worden. Doch diese Situation habe auch ihr Gutes. Schließlich sei die Partei jetzt auch wieder um ganze 17,3 Prozent näher am Menschen. Zur Schärfung des politischen Profils der CSU hatte Schmid ein umfangreiches Werkzeugarsenal in seiner Postlertasche. Ein Stemmeisen für die groben Konturen, einen Bohrer, um dicke Bretter zu bohren, einen Wetzstein, um politische Scharten auszuwetzen, etwas Kitt für die entstandenen Risse, eine Sichel, um den Wildwuchs der Bürokratie zu bekämpfen und zu guter letzt noch etwas Polierwatte für das Image waren darunter. Ein Aushilfspostbote sieht und hört viel auf seinen Touren, an Material aus der Lokalpolitik mangelte es Schmid daher nicht. Die Pläne für den Scheidegger Baumwipfelpfad, die Schneeräumung in Lindenberg, die Haushaltslöcher in Heimenkirch, das gemeinsame Gewerbegebiet Hauser Wiesen und mehr kommentierte Schmid geistreich, humorvoll und süffisant. Das Publikum quittierte seine Ausführungen kräftigem Applaus. Und dann die Wachablösung auf der Bühne, der Höhepunkt des Abends, die Starkbierrede von Bruder Heinrich. Die Rollen waren klar verteilt, der Fastenprediger nahm im Schwerpunkt das bundespolitische Geschehen aufs Korn. Dabei war Heinz Vetter aus Dietmannsried nicht gerade zimperlich. Kräftig und teilweise derb teilte er aus. Bissig sein Kommentar zu Bahnchef Mehdorn und dem Unternehmen Zukunft. Dort, so Vetter, seien Missmanagement und Größenwahn gepaart und als Sahnehäubchen gebe es noch eine Oberpfeife mit Luxusbezügen auf dem Chefsessel. Da sich das Personalkarussell bei der CSU gerade so schnell drehe, bat er das Publikum, doch kurz mal im Internet nachzuschauen, wer denn jetzt gerade Generalsekretär der CSU sei. Applaus für Vetter Der fromme Bruder nahm sich die Bundespolitik der Reihe nach vor. Müntefering, Rente erst mit 75, kommentierte er die Reaktivierung des alten und neuen Parteivorsitzenden der SPD. Alle politischen Parteien und ihre prominenten Vertreter nahm er direkt und mit scharfer Zunge aufs Korn. Ypsilanti und das Hessendebakel der Roten, Ulla Schmid und die Gesundheitsreform, Michael Glos und der Wechsel auf dem Chefsessel im Wirtschaftsministerium, das Konjunkturpaket und die Abwrackprämie gehörten zu dem Themen. In Teilen von Vetters kerniger Fastenpredigt fühlte man sich an den Kabarettisten Urban Priol erinnert. Und natürlich durften, angesichts der aktuellen Situation und Stimmung im Lande, auch Finanzkrise und Managerschelte nicht auf der Themenliste fehlen. Die Abkürzung KfW, so erläuterte der Prediger den Starkbierbrüdern und Starkbierschwestern, stehe im Klartext für die bundeseigene „Kamikazetruppe für Wertevernichtung“. Die Fastenpredigt verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Anwesenden amüsierten sich köstlich. Abzulesen war das an Lautstärke und Intensität des herzhaften Lachens und am lang anhaltenden Applaus der Menschen auf dem Blasenberg.

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