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Politikwissenschaftler Niemann skizziert Folgen der Coronakrise für Weltwirtschaft

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Von: Jörg Spielberg

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An der Oberfläche kommt die Weltwirtschaft nicht so recht in Fahrt, Politikwissenschaftler Ingmar Niemann, Dozent u.a. an der Hochschule Kempten,  versuchte in seinem Vortrag „Wirtschaft nach Corona“ zu erklären, warum.
An der Oberfläche kommt die Weltwirtschaft nicht so recht in Fahrt, Politikwissenschaftler Ingmar Niemann, Dozent u.a. an der Hochschule Kempten, versuchte in seinem Vortrag „Wirtschaft nach Corona“ zu erklären, warum. © Grafik: Spielberg

Kempten – Noch immer hält die Corona-Pandemie die Welt im Würgegriff.

Nach zwei Jahren mit dem Coronavirus, das vom chinesischen Wuhan seine „Reise um die Welt“ antrat, zeigen sich immer mehr Folgeschäden für die globale Wirtschaft. Wachstumsprognosen werden reduziert und weltweit entbrennt ein Verteilungskampf um Ressourcen und Absatzmärkte. Lieferketten sind durchbrochen, Transportkosten haben sich vervierfacht, mit Folgen für Produktion, Arbeitsplätze, Preise und Verfügbarkeit von Waren. Zu diesem Thema sprach nun auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung der Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragte für Globalisierungsprozesse Ingmar Niemann in einem Online-Referat mit dem Titel „Die Wirtschaft nach Corona“.

Folgen der Krise

Niemann stellt seinen Ausführungen eine Ist-Analyse voran. Derzeit lege sich eine vierte Viruswelle mit neuen Mutationen wie ein Leichentuch über das Land, die Gesellschaft drohe sich aufgrund von Zwangsmaßnahmen und einer möglichen Impfpflicht zu spalten, das Krankenhaus- und Pflegepersonal arbeite an der Überlastungsgrenze. Diese Negativentwicklung wirke sich, so Niemann, vermehrt auf andere Bereiche aus: Das Bildungwesen sei massiv beeinträchtigt und bedingt durch Rettungsmaßnahmen türmten sich Schulden auf, der wirtschaftliche Aufschwung gerate ins Stocken.

Sei noch im Wahljahr 2021 durch die Politik mit einem spürbaren Anziehen der Wirtschaftsleistung gerechnet worden, seien im Laufe des Jahres die Wachstumsprognosen durch die Experten gesenkt worden. 2021 wuchs das BIP lediglich um 2,5 Prozent und auch für die kommenden Jahre bleiben die Wachstumserwartungen moderat (3,7 Prozent für 2022).

Private Pleiten

Derweil steigt die Zahl der privaten Insolvenzen, wie Niemann konstatiert. „In den vergangenen Jahren gingen viele Menschen in Kurzarbeit, das ließ die Einkommen schrumpfen. Preise für Strom, Gas und Güter des täglichen Verbrauchs zogen dagegen erheblich an. Das führt nun zum Anstieg privater Insolvenzen“, diagnostiziert Niemann. Durch Corona-Hilfen, Überbrückungsgelder und Geschäftsübernahmen bei gleichzeitiger Aussetzung der Insolvenzanzeigepflicht zeigt sich dieser Negativtrend im Wirtschaftssektor bisher nicht. Niemann selbst rechnet nicht mit einer großen Pleitewelle. Lag die Zahl der Insolvenzen im Jahr 2.000 und ff. noch bei bis zu 40.000 (IT-Blase und Finanzkrise), liegt diese aktuell nominal bei „nur“ 16.000.

Niemann listet die Wirtschaftsbereiche auf, die besonders durch die Entwicklungen betroffen sind: Automobilzulieferer, Fahrzeugbau, Dienstleistungen und Automobilhersteller. Die Negativentwicklung hier sei aber nicht allein der Corona-Pandemie zuzuschreiben, sondern auch Ergebnis falscher unternehmerischer Entscheidungen, so Niemann. Insbesondere sei die Digitalisierung vernachlässigt worden und Trends wie der Elektromobilität nicht Genüge getan worden. All das hat aus Sicht von Ingmar Niemann zu einem starken Verlust der Wettbewerbsfähigkeit geführt. Eine steigende Arbeitslosigkeit habe zwar vorerst abgefangen werden können, aber in Sichtweite türmten sich neue Problemfelder auf. Die Aufarbeitung des Rückstandes bei der Digitalisierung müsse in Angriff genommen werden, die Kosten zur Bekämpfung des Klimawandels erreichten astronomische Höhen und der Staat ächze unter der Last immer neuer Rettungspakete. Lediglich für den Bereich der Steuereinnahmen gibt Niemann Entwarnung. Die sollen, wie zum Trotze, steigen und zwar von insgesamt rund 739 Milliarden Euro in 2020 auf 987 Milliarden Euro in 2026. Wenn alles andere so eintritt, wie prognostiziert.

Mehr Nachfrage als Angebot

Wer aber kann sicher sein, bezüglich dessen, was sicher scheint, und so listet Niemann im zweiten Teil seiner Ausführungen weitere Hemmnisse zur globalen Erholung der Weltwirtschaft auf. Derzeit führen unterbrochene Lieferketten zu Ausfällen in der Produktion. Als prominentes Beispiel nennt er den Halbleiter, der in nahezu allen elektronischen Geräten und Fahrzeugen verbaut ist. Der Aufbau eigener Produktionsstätten in Europa neben denen von Samsung, TSMC und Intel habe allerdings gerade erst richtig begonnen. „Als Lockdowns angeordnet wurden, stieg weltweit die Nachfrage nach Computerhardware, der Markt für Halbleiter war leergefegt, was im Nachgang die Automobilbranche zu spüren bekam“, erklärt Niemann den Stillstand an vielen Fließbändern. Zu schaffen machen der Wirtschaft aber auch eine Vervierfachung der Containerpreise, steigende Energiekosten, zunehmende Rohstoffverknappung, ob bewusst lanciert oder tatsächlich vorhanden, und die Null-Covid-Strategie der Chinesen. „Wird in einem der sieben weltgrößten Containerhäfen des Landes ein Arbeiter positiv auf Corona getestet, wird der gesamte Hafen stillgelegt“, stellt Ingmar Niemann fest.

Trügerische Geldmarktpolitik

Die mitunter größte Gefahr für den internationalen Welthandel sieht Niemann in der gegenwärtigen Geldmarktpolitik. Durch umfangreiche Rettungspakete in der Coronakrise mussten sich Staaten hoch verschulden, finanziert wurde das durch die Zentralbanken. Die globale Verschuldung liegt aktuell bei insgesamt 296 Billionen US Dollar, 36 Billionen höher als vor der Pandemie. Viel Geld sei im Umlauf, die Nachfrage ziehe an, die Produktion könne aber vielfach aufgrund der genannten Gründe nicht hochfahren. Gleichzeitig verteuerten sich Rohstoffe und Energie. Die Folge: Die Inflation zieht an. im Dezember 2021 lag die Teuerungsrate in Deutschland um die 5,3 Prozent, eine Fünf vor dem Komma gab es zuletzt im September 1992.

Konflikte allerorten

Aber auch internationale Entwicklungen wirken sich auf die globale Wirtschaft aus. So kommt Niemann zufolge u.a. Chinas Wirtschaftsaufschwung ins Stocken, das Wachstum bleibt dort unter acht Prozent. Die Gründe hierfür seien vielschichtig. Die Immobilienbranche befinde sich in einer grundstürzenden Krise (Evergrande), der Energiehunger des Landes könne nicht befriedigt werden, die Null-Covid-Strategie habe fatale wirtschaftliche Folgen und Chinas Nachbarn und die USA reagierten auf Chinas expansive Politik im südchinesischen Meer zunehmend gereizt.

Damit gerate der zweitgrößte deutsche Absatzmarkt ins Straucheln. Auch das Verhältnis zu Russland, einem zuverlässigen Energielieferanten, selbst aus Zeiten des Kalten Krieges, verschlechtere sich. Teile der deutschen Politik haderten mit der massiven Aufrüstung Russlands und der fortwährenden Destabilisierung seiner Nachbarstaaten. Nord-Stream II und damit die Grundversorgung Deutschlands mit Gas werde zum Spielball von „Atlantikern“ und „Putinverstehern“.

Ausblick Ingmar Niemann

„Die EU braucht eine gemeinsame Finanz- und Sozialpolitik, sonst kann die Währungsunion nicht dauerhaft funktionieren.“ Der Politikexperte unterstellt aber EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Bundeskanzler Olaf Scholz keine derartigen Visionen. „Klar ist“, so Niemann, „ein zerrüttetes und überschuldetes Europa ist kein globaler Wettbewerber.“ Oberste Prämisse müsse es immer sein, Zukunftstechnologien und Digitalisierung in das Zentrum aller Überlegungen zu stellen. Niemann fordert deshalb u.a. lebenslange Fortbildung. Er hält zudem einen Rohstoff-Superzyklus für nicht ausgeschlossen, d.h. Rohstoffe werden weiterhin stark nachgefragt und deren Preise steigen. Aufgrund der eher düsterer Aussichten fragt eine Teilnehmerin am Ende, ob der Vortrag nicht passender „Wirtschaft ‚mit‘ Corona statt ‚nach‘ Corona” lauten müsste? Niemann, sonst um keine Antwort verlegen, widerspricht nicht.

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