Gemischte Bilanz für Verkehrsunfälle 

"Wer abgelenkt ist, lenkt nicht"

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Polizeivizepräsident Guido Limmer (l.) und Polizeikommisar Jürgen Krautwald (r.) stellten am Dienstag die Verkehrsunfallstatistik des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West vor.

Gleich vier hohe Polizeibeamte empfingen die Vertreter der Presse am Dienstagvormittag bei der Bekanntgabe der „Verkehrsunfallstatistik“ des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West.

Neben Polizeivizepräsident Guido Limmer und Hauptkommissar und Pressesprecher Jürgen Krautwald waren zudem der stellvertretende Leiter der Verkehrspolizei Kempten, Erster Polizeihauptkommissar Andreas Wagner, der zu Kradunfällen sprach, und der Leiter der Autobahnpolizei Günzburg, Erster Polizeihauptkommissar Werner Schedel, der zu Rettungsgasse und Gaffertum sprach, erschienen.

Für das Unfallgeschehen im Jahre 2017 zieht das Polizeipräsidium eine gemischte Bilanz. Mit 28.216 Verkehrsunfällen wurde der höchste Stand seit 2008 erreicht. Verkehrsunfälle mit verletzten Personen nahmen um ein Prozent, Verkehrsunfälle mit Sachschaden um rund sechs Prozent zu. Das Säulendiagramm der Unfallzahlen weist seit 2008 einen linearen Zuwachs von jährlich durchschnittlich 518 Unfällen auf. Von 23.029 Verkehrsunfällen (2008) auf 28.216 (2017).

Die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang reduzierte sich zwar von 66 in 2016 auf 57 in 2017, doch kamen hierbei 70 Personen ums Leben, was ein Rückgang der Verkehrstoten um lediglich eine Person ausmacht. Den Hauptanteil der Verkehrstoten machten mit 36 Todesfällen die Autofahrer aus, gefolgt von den Kradfahrern (16), den Fußgängern (zehn) und den Fahrradfahrern mit acht Todesfällen (ein E-Bike). Das Ziel, die Anzahl der Verkehrs-

toten aus dem Jahr 2011 (69) um 30 Prozent bis 2020 (48) zu senken, konnte auch im zweiten Jahr in Folge nicht erreicht werden. Allerdings resultiert die hohe Zahl der Verkehrstoten in 2017 allein aus drei tragischen Unfällen mit 13 Toten. Ein Verkehrsunfall mit sechs Toten ereignete sich in der Neujahrsnacht 2017 auf der A7 in Richtung Memmingen, drei Tote bei einem Verkehrsunfall im Ostallgäu, bei dem ein mit sechs Personen besetzter PKW gegen einen Baum prallte, und der wohl tragischste Unfall des Jahres, bei dem vier Menschen, darunter zwei Kinder, auf einer Ausfahrtsstraße in Immenstadt den Tod fanden. Hierbei verlor ein Motorradfahrer bei überhöhter Geschwindigkeit (110 km/h statt erlaubter 70 km/h) die Kontrolle über sein Krad und raste in eine auf einem Fahrradweg stehende Familie.

Ursachen

Die Auswertung der Ursachen bei schweren Verkehrsunfällen ergab, dass im Jahr 2017 vor allem Fehler beim Abbiegen/Wenden und Rückwärtsfahren, das Nichtbeachten der Vorfahrt und nicht angepasste Geschwindigkeit ursächlich waren. Genauso häufig waren falsche Straßenbenutzung, ungenügender Sicherheitsabstand und „übrige“ Unfallursachen. Gerade die Letztgenannten stellen oft nicht nur Ursachen sondern auch Folgen eines vorangegangenen Fehlverhaltens dar, das möglicherweise auf Ablenkung im Straßenverkehr (Handy-Nutzung, Essen, Rauchen, Gespräche u.a.m.) zurückzuführen ist – „Wer abgelenkt ist, lenkt nicht.“ „Fakt ist“, so Polizeivizepräsident Guido Limmer, „dass nahezu jeder von Ablenkung im Straßenverkehr betroffen sein kann“. Auf das Thema „Aufmerksam statt abgelenkt im Straßenverkehr“, darauf möchte die Polizei Schwaben Süd/West die Verkehrsteilnehmer auch bei mehr lasergestützten Geschwindigkeitskontrollen in 2018 hinweisen. „Wir werden einerseits auf die Gefahren aufmerksam machen, die durch Ablenkung entstehen, andererseits werden wir durch gezielte Geschwindigkeits- und Abstandsmessungen festgestellte Verstöße konsequent ahnden“, so Limmer.

Unfallursache Motorrad

Im zweiten Teil der Pressekonferenz sprachen die Polizeibeamten Andreas Wagner zu Motorradunfällen und Werner Schedel zu Rettungsgasse und Gaffertum. Bei den 16 tödlich verunglückten Kradfahrern waren in 2017 zehn Fälle selbstverschuldet, bei den anderen sechs waren Autofahrer die Unfallverursacher. „Ja, es ist richtig, Motorradfahrer sind überproportional häufig in schwere Verkehrsunfälle verwickelt, die Schuldfrage allerdings liegt à la longue bei 50 zu 50“, so der Erste Polizeihauptkommissar Wagner. Dabei sind unangepasste Geschwindigkeit und zu geringer Abstand seitens der Motorradfahrer die häufigsten Unfallursachen, das Missachten der Vorfahrt häufige Ursache bei PKW-Fahrern und landwirtschaftlichen Gefährten. „Bei den Unfallopfern bilden sich zwei Gruppen heraus“, so Wagner. „Wir verzeichnen viele Unfalltote bei jungen Kradfahrern, die Risiken hoher Geschwindigkeit und rasanter Beschleunigung unterschätzen, und älteren, die nach langer Pause wieder einsteigen und über zu wenig Fahrpraxis verfügen“, so der Motoradfachmann des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Entgegenwirken will die Polizei mit verstärkten lasergestützten Geschwindigkeitskontrollen, mit zivilen Motorradstreifen und mit unmittelbarer Bestrafung bei Verstößen. Kontrolliert werden dabei auch die Bereifung und die Lärmemissionen der Krafträder.

Wer gafft, zahlt

Eine emotionale Angelegenheit war es, als der Leiter der Autobahnpolizei Polizeihauptkommissar Werner Schedel abschließend über die mangelnde Bereitschaft vieler Verkehrsteilnehmer berichtete, Rettungsgassen für Einsatzfahrzeuge der Polizei, des THW, der Feuerwehr, der Rettungskräfte und der Abschleppdienste zu bilden. „Je eher wir vor Ort sind, können wir den Betroffenen helfen“, sagt Schedel und verweist auf die vordringliche Aufgabe der Polizei, das Unfallstellen- und Staumanagement zu organisieren. „In Situationen mit Unfällen mit mehreren Unfallbeteiligten haben wir meistens nicht die Mannstärke Verkehrsteilnehmer auf das vorgeschriebene Bilden einer Rettungsgasse hinzuweisen (§ 11 Absatz 2 StVO)“, so der Erste Polizeihauptkommisar. Schedel rät bei Staubildung ausreichend Platz zum Rangieren zu lassen. Bei allen Autobahnbreiten ist die Rettungsgasse immer zwischen der linken Spur und den anderen Spuren zu bilden. Zudem muss aufgrund der Fahrzeugbreite der Einsatzfahrzeuge die Rettungsgasse vier Meter breit sein. „Ich finde den Begriff ‚Gasse‘ in diesem Zusammenhang etwas unglücklich“, so Schedel.

Zum häufigen Auftreten von Gaffern, die zum Teil Unfallgeschehen bildlich festhalten und ins Netz stellen, findet Polizeihauptkommisar Schedel kaum mehr Worte. Hoffnung setzt er neben Aufklärung zum Beispiel durch neue Brückenbanner, auch auf Gesetzesverschärfungen, wie sie unlängst in Bundestag und Bundesrat beschlossen wurden: „Wer Verkehrsunfälle beobachtet und dabei Helfer behindert, muss künftig mit Geldstrafen oder bis zu einem Jahr Haft rechnen. Das kommt auch zum Tragen, wenn man als Verkehrsteilnehmer eine Rettungsgasse blockiert.“ Zudem gilt § 38 Absatz 1 StVO, der anordnet, dass beim Einsatz von Blauem Blinklicht zusammen mit dem Einsatzhorn „alle übrigen Verkehrsteilnehmer sofort freie Bahn zu schaffen haben“. Schedel berichtete von einem Fall, der sich unlängst in seinem Zuständigkeitsbereich ereignete. Ein LKW-Fahrer stieg aus seinem LKW, ging vor zur Unfallstelle und filmte einen verunglückten Motorradfahrer. Die Tat wurde mit 2700 Euro Strafe und einem einmonatigen Fahrverbot sanktioniert. Zum Tragen kam hierbei auch das neue Gesetz § 201 a StGB, das Fotografieren und Filmen von Unfallopfern als Straftat verfolgt (Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen).

Abschließend wies das Polizeipräsidium noch auf den 8. Bayerischen Landestag der Verkehrssicherheit am 2. Juni in der Kaufbeurer Altstadt hin.

Jörg Spielberg

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