Nach aufwändigen Restaurierungsarbeiten erstrahlt der lange zweckentfremdete Ponikausaal seit 1983 wieder in neuem Glanz

Das Ponikauhaus – ein "Allgäuer Rokokojuwel"

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1740 ließ Mattias Jenisch die beiden Vorgängergebäude an dieser abreißen und errichte das stattliche Patriziererhaus, das bis heute zu den prachtvollen Vertretern aus der Hochzeit der reichsstädischen Kaufmannsfamilien gehört.

Kempten – Anlässlich der „3. KunstNachtKempten“ am 26. September 2015 können deren Besucher die seltene Gelegenheit wahrnehmen und den Festsaal im Ponikauhaus besichtigen. Dass dieses „Allgäuer Rokokojuwel“, so der Titel der Festschrift zur Fertigstellung der Restaurierungsarbeiten 1983, überhaupt wieder betrachtet werden kann, ist dem Kunstsinn und dem Engagement der Besitzer zu verdanken, die unter großem finanziellen Einsatz den Saal mit seinem Schmuck und vermutlich auch das ganze Gebäude Anfang der 1980er Jahre vor dem Verfall gerettet haben.

An der Stelle der heutigen Bebauung standen ursprünglich zwei einzelne Häuser mit den Bezeichnungen „Gerberstraße 13“ und „Rathausplatz 10“, für die die älteste Urkunde ins Jahr 1499 datiert war. Aus der Chronik der Festschrift lässt sich sogar noch eine ältere Bebauung entnehmen: Nach stiftskemptischen Urkunden soll an dieser Stelle bereits um die Wende zum 13. Jahrhundert das „Saltzhaus“, sprich der Salzumschlagplatz mit dem dazugehörenden „Salzstapelrecht“, gestanden haben.

Aus der Urkunde geht auch der erste namentlich genannte Besitzer des Eckhauses zum Rathausplatz als Färber Hans Holdenried hervor. Knapp 100 Jahre später verkaufte es die Stadt – inzwischen Besitzerin des Gebäudes – an den Stadtbaumeister Lienhart Hal. Das Haus nebenan war zu dieser Zeit im Besitz von Joseph König, Kaufmann aus einem alten Kemptener Patriziergeschlecht, der um diese Zeit beide Häuser zusammenlegte. Sein Sohn errichtete nach dem Tod des Vaters einen Neubau.

Gegen Ende des 30-jährigen Krieges fiel dessen gleichnamiger Urenkel beim Einmarsch der kaiserlichen Truppen. Dabei wurde nicht nur die Einrichtung des Stadthauses verwüstet, sondern auch der Wappenbrief des Urgroßvaters Joseph König ging verloren. Diese Urkunden waren seit dem 14. Jahrhundert durch den Landesherrn ausgestellte, besondere Auszeichnungen und Anerkennungen für eine einzelne Person oder eine ganze Familie. Der Inhalt hob oft besondere Privilegien hervor, die sich besonders ab dem 18. Jahrhundert gebräuchlich durch das führen des „von“ im Namen zeigten; eine Erhebung in den Adelstand war damit aber nicht automatisch verbunden. Dennoch ist der Verlust eines solchen Dokuments für eine Familie ein herber Schlag, denn die an den Brief gebunden Ehren- und Vorzugsrechte waren oft mit dem Beruf der Besitzers verknüpft und konnten deshalb berufliche wie wirtschaftliche Konsequenzen für die Familie haben. Ob darin die Gründe zu suchen sind, dass nach dem Tod David Königs 1643 dessen Witwe das Haus verkaufen musste, obwohl es noch weitere Familienmitglieder in Kempten gab? Knapp 20 Jahre nach Kriegsende tritt mit Bürgermeister Wolfgang Leonard Jenisch 1655 ein neuer Besitzer eines Wohnhauses an dieser Stelle am Rathausplatz in den kommunalen Aktenarchiven in Erscheinung. Matthias Jenisch verbindet 1740 erneut zwei nebeneinanderliegende Häuser und schafft so das Gebäude, das heute an diesem Platz steht. Das Patrizierhaus erhielt den zeitgenössischen barocken Giebel- und Fassadenschmuck und einen großen Festsaal im dritten Stockwerk. Die künstlerische Gestaltung der Innenräume wurde dem Künstlerduo Johann Georg Üblhör und Franz Georg Herrmann übertragen. Sie hatten ihr Können bereits 1737 bei der Dekoration der fürstäbtlichen Gemächer und der Ausgestaltung des Thronsaals der Kemptener Residenz unter Beweis gestellt. Der gebürtige Wessobrunner Üblhör zeichnete für die Stuckarbeiten verantwortlich, während die Fresken und andere Malarbeiten in Herrmanns Tätigkeitsfeld fielen. Vier Jahr nach dem Residenzauftrag stellt er das Deckengemälde im Festsaal des neuen Jenisch-Hauses fertig und signierte es mit „1741 F. georg Herrmann. pinx.“

Familie Jenisch

Die Familie Jenisch war zunächst eher in Süddeutschland weitverbreitet und hatte Zweige in Augsburg, Memmingen und Kempten. In Augsburg trat der Familienname durch Bartolomäus Jenisch in der Mitte des 14. Jahrhunderts zum ersten Mal in Erscheinung. Sein Nachfahre Joachim bekleidete im 16. Jahrhundert das Bürgermeisteramt, Zimbert, dessen Enkel wiederum, wanderte nach Hamburg aus und heiratete in die Kaufmannsfamilie Amsinck ein. Durch diese Verbindung in den hanseatischen Händlerkreis gewann die Hamburger Linie an wirtschaftlichem und politischem Einfluss; im Zeitraum von knapp hundert Jahren stellte die Familie vier Senatsmitglieder. Damit ist die Hamburger mit der Kemptener Linie vergleichbar, denn hier bekleideten Männer des Namens Jenisch über mehrere Generationen das Amt des Bürgermeisters. Der erste ist 1631 Zacharias Jenisch. Ihm folgen über die nächsten 150 Jahre fünf weitere. Nennenswert ist Matthias Jenisch, denn er ist der Bauherr des barocken Stadthauses. 1713 wird er für zwölf Jahre Kemptener Bürgermeister und ist der dritte Jenisch, der das Amt bekleidet. Der letzte von ihnen war Johann Jacob von Jenisch, der ab 1785 das Amt noch für vier Jahre ausübte. Wenige Jahrzehnte zuvor war seine Familie in den erblichen Ritterstand erhoben worden und durfte nun den Titel Ritter von Jenisch Edle von Lauberzell führen.

Zweckentfremdung 

Johann Jacob Jenisch war letzter Bürgermeister der Reichsstadt Kempten, die nach dem Reichdeputationshauptschluss von 1803 nun mit der Stiftsstadt zu einer Stadt zusammenwuchs. Im folgenden Jahr heiratet seine Tochter Anna den aus Sachsen stammenden Freiherr Christian Friedrich von Ponikau, durch den der heute gebräuchliche Name an die Stelle Jenisch-Haus tritt.

Der Bäcker Ferdinand August Ackerknecht erwarb das Haus am 20. August 1864 für 21.000 Gulden. Er wollte den Platz den der Festsaal beanspruchte effektiver nutzen und entschied, dass 1867 im oberen Drittel eine zusätzliche Decke eingezogen werden sollte, sodass zusätzlicher Wohnraum entstand. Der niedere obere Rest wurde fortan zweckentfremdet: es wurde Wäschespeicher und Trockenraum. Mit dem Rokoko-Festsaal schuf Matthias Jenisch einst ein Juwel im Allgäu und brachte mit diesem französischen Kunststil etwas höfischen Versailler Flair ins beschauliche Kempten. Leider geriet dieses Juwel nach dem Besitzerwechsel in Vergessenheit – auch beim Besitzer. „Bettwäsche, Windeln, bunte Kleidungsstücke flattern an den Leinen, die voll Unverständnis, Gedankenlosigkeit, Verkennung der Kunst an Stuckfiguren angebunden, an mehrzolligen, in den Gemälden eingeschlagenen Eisen- haken befestigt wurden“, beschrieb Johannes Goldner, Autor der Festschrift, den neuen zwischenzeitlichen Zustand. Auch als 1916 die Allgäuer Volksbank – damals noch „Spar- und Vorschußverein“ – neue Besitzerin des Patrizierhauses wurde, änderte sich zunächst noch nichts. Über die Jahre gab es hin und wieder Stimmen die auf den Missstand hinwiesen. So beispielsweise der aus Scheidegg stammende Kunstkenner Dr. Hugo Schnell, der sich zum 200-jährigen Jubiläum der Fertigstellung des Saals mit dem aktuellen Zustand befasste und prognostizierte: „In zehn Jahren ist dieses Kempter Kleinod unwiederbringlich verloren.“ Auch fünfzehn Jahre später wurde die unnatürliche „Zweiteilung“ bei den großangelegten Umbaumaßnahmen im Inneren des Saales belassen. 1966 kam im Zuge der Restaurierung des Treppenhausgemäldes „Sturz des Phaeton“ eine Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes des Festsaales wieder ins Gespräch. Die schlussendliche Entscheidung fiel allerdings erst weitere 15 Jahre später durch einen gemeinsamen Beschluss von Aufsichtsrat und Vorstand der Allgäuer Volksbank. Schnell hatte damit seine Prognose um dreißig Jahre verfehlt.

Hohe Verpflichtung 

Nachdem einstimmig beschlossen wurde, die alte Pracht des Festsaales wiederherzustellen, und klar war, welche finanzielle Belastung dadurch auf die Auftraggeber zukam, mussten zunächst die bautechnischen Fragen geklärt werden. Am 10. November 1982 begannen die Arbeiten am Festsaal. Die erste Hürde war die Entfernung der 115 Jahre alten Zwischendecke. Dies gelang durch vorsichti- ges Abtragen der Schichten und Balken. Auch der Saalboden selbst hatte in den Jahren gelitten und musste entfernt werden, während die darunterliegenden, tragenden, 300 Jahre alten Holzbalken in einem baustatisch anstandslosen Zustand waren. Auch die anderen baulichen Veränderungen, wie die geteilten Fenster wurden rückgebaut und wieder mit durchgehenden ersetzt. Der Fußboden wurde komplett neu belegt und neue Türen wurden eingesetzt.

Die Wiederherstellung der Stuck- und Malarbeiten stellte den größten Aufwand dar. Hier mussten die schwerbeschädigten, „misshandelten“ Stuckfiguren und -rahmen nicht nur ausgebessert werden, sondern teilweise großflächig ersetzt und ergänzt werden. Am 27. Juli 1983 hielt die Allgäuer Volksbank ihre erste Generalversammlung im neuen Festsaal und auf den Tag ein Jahr nach Baubeginn fand die Einweihung der alten Räumlichkeit im neuen Glanz statt.

Yvonne Hettich

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