Nur noch eine Ruine

Burg Wagegg und "Schloss Fürstenlust"

+
Alte Darstellung der Burg Wagegg.

Wenn man heute von Börwang in Richtung Wildpoldsried fährt und ins Leubastal hinunterschaut, ist es kaum vorstellbar, dass die gesamte Talsenke von Wildpoldsried bis Betzigau vor gerade einmal zweihundert Jahren ein riesiger See war:

Eineinhalb Mal so groß wie der Niedersonthofer See, auf dem Schiffe verkehrten und reger Fischfang betrieben wurde. Auf der Anhöhe nordwestlich davon thronte seit dem 12. Jahrhundert die Burg Wagegg, die ab 1715 durch das prächtige Barockschloss „Fürstenlust“ ergänzt wurde. Heute deutet nichts mehr auf den einstigen Glanz hin. Vom Schloss selbst blieb kein Stein auf dem anderen. Und auch vom Burgstall zeugen nur noch Ruinen. Ein Glück, dass es das „Wagegg-Zimmer“ des Heimathauses Börwang gibt. Hier kann man einen Blick zurück in die Historie der gesamten Anlage werfen. 

„Die Frühgeschichte der Burganlage in Wagegg liegt völlig im Dunkeln“, sagt Hubertus Kretschmer, einer der Hauptinitiatoren des „Wagegg-Zimmers“ bedauernd. „Ob einst Römer oder Kelten hier oben waren, werden wir wohl nie mit Sicherheit ergründen können.“ Erst ab dem 12. Jahrhundert erhellt sich das geschichtliche Dunkel ein wenig, auch wenn das genaue Aussehen der Burg zu jener Zeit weitgehend Spekulation bleibt. 

Die Burg Wagegg 

Sicher ist, dass deren viereckiger Bergfried, also der Wehrturm, auf einem 12 Meter hohen Felsen aus Nagelfluhgestein stand. Die Hauptburg mit dem Wohnhaus, allen dazu gehörenden Gebäudeteilen und einer Brunnenanlage, befand sich auf einem circa 40 mal 45 Meter großen Plateau am Fuße des Felsens. Sie war von einer Ringmauer aus Bruchsteinen umfriedet. Südlich davon war der Wirtschaftsteil der Burg mit Bau(ern)hof. „In der Regel gehörten auch Werkstätten, ein Backofen, Ställe, sowie Wohnungen für das Gesinde zu einer Burganlage. Da die Herren von Wagegg das Mühlrecht hatten, verfügten sie zudem über eine Mühle, die „Vögelesmühle“, in einigen hundert Metern Entfernung. Wer Mehl zu mahlen hatte, musste das hier tun“, erklärt Roger Mayrock, der Leiter des Allgäuer Burgenmuseums in Kempten. 

Die Ritterherrschaft Wagegg 

Laut den akribischen Aufzeichnungen des Haldenwanger Heimatforschers Fritz Walz, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Geschichte von Wagegg befasst und allerlei Preziosen zusammengetragen hat, ist in Chroniken ab circa 1150 erstmals die Rede von den Marschällen von Wagegg. Sie zählten durch ihr Amt zu den bedeutenderen Dienstleuten des Fürststiftes Kempten und hatten nachweislich von 1176 bis 1374 die Ritterherrschaft Wagegg inne. Diese war eine der bedeutendsten und gebietsmäßig größten Herrschaften im Kemptener Raum und mit der Niedergerichtsbarkeit ausgestattet. Als das Vermögen derer von Wagegg schmolz, ging die Herrschaft mit Burg um das Jahr 1350 als Pfand an Bertold den Motzen und seine Gemahlin Agnes von Prasberg, wie es in einer Zeittafel des Allgäuer Burgenvereins heißt. 1353 fiel sie durch das Vermächtnis der Letzteren an das Fürststift Kempten, das sie ab 1374 für 3200 Pfund Heller als Lehen an die Herren von Schellenberg verlieh. Nach mehreren Besitzerwechseln, zu denen die Herren von Eisenburg, Erzherzog Sigismund von Österreich und die Herren von Laubenberg gehörten, wurde die Burg im Jahre 1525 von Bauern erstürmt, aber nicht zerstört. 1579-1581 gehörte sie den Unterlagen zufolge „dem Juden Simon aus Untergünzburg“, ehe sie das Fürststift Wagegg zurückerwarb. Nach einer Plünderung im Jahr 1632 wurde sie ab 1642 notdürftig als Jagdschloss instand gesetzt. 

Die Blütezeit: Schloss Fürstenlust 

Erst mehr als 70 Jahre später erlebte die Burg Wagegg ihre Blütezeit, genauer gesagt, als der Kemptener Fürstabt Rupert I. von Bodman (auf sein Konto geht auch das Kemptener Kornhaus) ab 1715 in unmittelbarer Nähe des alten Wehrturmes das Schloss Wagegg erbauen ließ. Mit seinen Gärten und Weihern, zu denen 1726 auch ein Tiergarten hinzukam, war es unter dem Namen „Schloss Fürstenlust“ bekannt und galt als Lieblingsschloss der Kemptener Fürstäbte. 

Der Wagegger Weiher 

Von Bodman war es auch, der 1683 den Wagegger Weiher anlegte, indem er einen Damm errichten und die Leubas aufstauen ließ. Der daraus entstandene See dehnte sich zunächst über 700, ab 1715 dann über 800 Tagwerk (circa 2,72 Quadratkilometer) aus. Er war der größte der über 80 Fischweiher im Herrschaftsgebiet des Fürststifts Kempten. In dem von Stiftkapitular und Fischerherr Benedikt von Schönau zwischen 1755-85 handgeschriebenen „Fischereibuch des Fürststifts Kempten“ heißt es, der Stausee sei als „König aller Weiher“ gepriesen worden. Auf ihm verkehrte neben einer Reihe kleinerer Boote auch das große fürstäbtliche Jagdschiff, das eine stattliche Länge von „42 Schuh“, also rund 13 Metern aufwies. Der See wurde mit 36.000 Fischen besetzt. Darunter Forellen, Karpfen, Hechte, Aale, Schleien, Welse, Äschen und dergleichen mehr, die den hungrigen Adeligen – neben geschossenen Enten, Blässhühnern und Bibern – dazu dienten, die seinerzeit über 150 kirchlichen Fastentage des Jahres fleischlos zu überbrücken. 

Baupläne des Schlosses

Einige Jahre nach dem Bau des Schlosses ließ Honorius Roth von Schreckenstein dieses umbauen und 1761 durch das sogenannte „Jagdschlössle“ ergänzen. Dieses diente den Fürstäbten und ihrem Gesinde als Unterkunft bei der Jagd und wurde in erster Linie als Sommerresidenz genutzt. Vom großen Schloss selbst existieren bis heute Baupläne, auf denen jeder Raum, jede Stiege und jeder Kanal vom Kellergrund bis zur zweiten Etage eingezeichnet und benannt sind. Aus ihnen geht hervor, dass das Hauptgebäude über 25 Räume für Abt und Dienstschaft, eine Kapelle sowie zehn weitere Zimmer im Dachgeschoss verfügte. Daneben gab es vier Gästezimmer, eine Küche und eine „Silber-Kammer“ für Geschirr und dergleichen. 

Der Niedergang: Das Schloss als Steinbruch 

Fürstabt Rupert II. von Neuenstein hatte um 1790 die Idee zu einem überaus prächtigen Lustgarten, der sich unterhalb des Schlosses erstrecken sollte. Pläne hierzu existieren zwar, kamen aber nicht mehr zur Umsetzung. Vielmehr wurde das Schloss 1796 von den Franzosen komplett ausgeplündert und im Jahr 1806 im Zuge der Säkularisation, als aller Kirchenbesitz verstaatlicht wurde, an das Bayerische Königreich verpfändet. 1807 wurde es schließlich für 7188 Gulden an den Kemptener A. Meßlang auf Abbruch verkauft. Das Inventar brachte 3660 Gulden, der Weiher, der ebenfalls im Zuge der Säkularisierung abgelassen worden war, wurde in 49 Flurstücken für insgesamt 9211 Gulden veräußert. „Aus den alten Gemäuern wurde alles herausgeholt, was herauszuholen war. Die Mauern selbst dienten als Steinbruch“, erläutert Roger Mayrock. Der letzte Seitenflügel wurde 1851 abgerissen. Die Wehranlage des Weihers im Wuhr (= das Wehr) wurde bei einem Unwetter 1826 zerstört. Heute deutet bis auf die Reste des alten Damms nichts mehr auf die einstige Existenz des Sees hin. 1906 wurde das Gelände der Burg Wagegg vom Forstamt erworben, das zwei Jahre später den zur Burg ge- hörigen Bauernhof abriss. Das Jagdschlössle, das noch lange privat genutzt worden war, wurde 1967 abgebrochen. 1976 wurde eine Notsiche- rung der Ruine durchgeführt. Einzig die „Vögelesmühle“ im Leubastal sowie das alte Wachthaus des Schlosses bestehen noch. In Letzterem befindet sich nun die „Schlossgaststätte Wagegg“. 

Heute: Die Ruine 

Heute gelangt man über eine befestigte lange Allee zur Ruine hinauf. Dort sind einige Mauerreste zu finden, darunter ein großes Steintor, die Reste einer Nebentür oder der Stumpf eines runden Flankierungsturms, der vermutlich aus dem 15. Jahrhundert stammt. Wer trittsicher ist, kann den großen Nagelfluhbrocken erklimmen, auf dem der mittelalterliche Wehrturm stand. Von hier aus hat man eine grandiose Sicht in die Allgäuer Alpen. Der Fels selbst ist von Felsspalten durchzogen. Sie führen zu Höhlen, von denen man vermutet, dass sie von den Burgbewohnern als unterirdische Fluchtwege benutzt wurden. Die Zugänge wurden aus Sicherheitsgründen mittlerweile verschlossen. Der Abbruch von Schloss Wagegg zählt zu den dramatischsten und bedauerlichsten Verlusten historischer Bausubstanz im gesamten Allgäu. Ein Wiederaufbau der Anlage wäre aber laut Roger Mayrock „undenkbar“. „Dazu haben wir viel zu wenige Fachberater für Burgen“, ganz zu schweigen vom Problem der Finanzierung. Auf Sondengänger und Hobbyschatzsucher ist er übrigens alles andere als gut zu sprechen (beides ist auf historisch bedeutsamem Gelände ohnehin verboten). „Indem sie sich die Rosinen herauspicken, zerstören sie den gesamten Fundzusammenhang.“ 

Das Wagegg-Zimmer

Darum, dass die bemerkenswerte Geschichte von Burg und Schloss Wagegg nicht in Vergessenheit gerät, kümmert sich eine überaus engagierte Gruppe geschichtsinteressierter Einheimischer in Form des eingangs erwähnten „Wagegg-Zimmers“. Aufgrund des begrenzten Raumangebots habe man zwar nur exemplarisch arbeiten können, so Hubertus Kretschmer bei der Einweihung des Zimmers am 4. April diesen Jahres, jedoch gibt der liebevoll und kreativ mit Bildern, Texten, Bauplänen, einer Infosäule und Fundgegenständen gestaltete Raum einen interessanten Blick auf wichtige Facetten in der Historie der Anlage frei. Besondere Besuchermagnete sind die Modelle des Wagegger Weihers, des Schlosses und des Jagdschlössles. „Das Ganze ist nur der Versuch einer Annäherung“, meint Kretschmer bescheiden. „Denn die Anlage birgt noch viele Geheimnisse“. 

Sagen und Legenden: Der Socker 

Geheimnisvoll sind auch die Sagen und Legenden, die sich um Burg und Schloss Wagegg ranken. Wie es heißt, soll es von hier aus einen unterirdischen Gang zur auf der anderen Seite des Leubastals gelegenen Burg Wolkenberg geben. In diesem Gang soll überdies ein Geist gehaust haben, der „Socker”. Des Nachts hörte man ihn oft „schauerliche Brüller“ ausstoßen und sah ihn zuweilen Feuer speien. Er trieb sein Unwesen am ärgsten im Bauhof der Burg, wo er nachts alle Tore aufriss, das Vieh freiließ oder zwei Kühe an dieselbe Kette band, so dass sich die Rinder fast gegenseitig erdrosselten. Auch sonst trieb er allerlei Unfug, „der Geist in den Socken". Oft sei er still dahergeschlichen und habe die Schlafenden von ihrem Ruhebett herabgeworfen (Quelle: Hulda Eggart/K. A. Reiser: „Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus“ Kempten/ München 1914). Doch der Socker war nicht der Einzige, der hier heroben umging. 

Die arme Seele des Schwammerlsepp 

Wie sich die Alten erzählten, sollen einst drei junge Burschen nach einer Zecherei in der Schlosswirtschaft auf dem Heimweg nach Börwang eine Abkürzung über die Ruine genommen haben. In ihrem Übermut schlossen die Drei eine Wette ab, dass derjenige, der im einsam gelegenen, etwas unheimlichen Jagdschlössle um Mitternacht in der untersten Holzstufe einen Nagel einschlüge, von den beiden anderen ein 25-Liter-Fass Bier bekäme, erinnert sich der Börwanger Fred Grünberg in einer mehrseitigen Abhandlung über die Schlossanlage. Einer der Drei, ein „Schwammerlsepp“ genannter oberbayerischer Stallknecht vom Börwanger Klosterhof, ging die Wette ein. Die Drei besorgten sich Hammer und Nagel in der Schlosswirtschaft. Der Mutige wagte sich nach Mitternacht ins Haus und bald darauf waren Hammerschläge zu hören, gefolgt von einem markerschütternden Schrei. Der Sepp aber kam nicht mehr zurück. Am nächsten Tag fand die Gendarmerie aus Wildpoldsried seinen Leichnam im Schlössle auf der untersten Treppenstufe. Die Helfer stellten fest, dass der Unglückliche seinen Janker unbemerkt selbst an der Treppe festgenagelt hatte. Als er deswegen nicht mehr aufstehen konnte, muss er wohl zu Tode erschrocken sein. Seither sei, wie es heißt, auf der untersten Stufe ein ewiger Blutfleck zu sehen gewesen, der sich durch nichts entfernen ließ. Die arme Seele des Schwammerlsepp sei noch lange im Wald um das Schlössle umgegangen.

Wenn man heute von Börwang in Richtung Wildpoldsried fährt und ins Leubastal hinunterschaut, ist es kaum vorstellbar, dass die gesamte Talsenke von Wildpoldsried bis Betzigau vor gerade einmal zweihundert Jahren ein riesiger See war, eineinhalb Mal so groß wie der Niedersonthofer See, auf dem Schiffe verkehrten und reger Fischfang betrieben wurde.Wenn man heute von Börwang in Richtung Wildpoldsried fährt und ins Leubastal hinunterschaut, ist es kaum vorstellbar, dass die gesamte Talsenke von Wildpoldsried bis Betzigau vor gerade einmal zweihundert Jahren ein riesiger See war, eineinhalb Mal so groß wie der Niedersonthofer See, auf dem Schiffe verkehrten und reger Fischfang betrieben wurde.  Sabine Stodal

Auch interessant

Meistgelesen

Schüler zeigen Einsatz
Schüler zeigen Einsatz
Bezirksmusikfest in Probstried
Bezirksmusikfest in Probstried
Feiern verbindet
Feiern verbindet
"Summer Splash" mit Radio Fantasy im Allgäu Skyline Park
"Summer Splash" mit Radio Fantasy im Allgäu Skyline Park

Kommentare