Festwochen-Kunst

Fotoarbeiten haben die Nase vorn

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Bepreistes Bild von Ralf Dieter Bischoff.

Sie ist einer der untrüglichen Vorboten der Allgäuer Festwoche: die Bekanntgabe der Preisträger im Rahmen der Festwochen-Kunstausstellung durch OB-Thomas Kiechle und Kulturamtsleiter Martin Fink. Neu vergeben wurde erstmals ein Ausstellungsstipendium der Sparkasse Allgäu.

Dass nur zwei der vier Ausgezeichneten zur Bekanntgabe anwesend sein konnten, war für Fink ein Indiz dafür, dass sich nicht nur räumlich etwas bei der Festwochen-Kunstausstellung getan hat, die bekanntlich erstmals im Marstall stattfinden wird. „Wir haben die jüngste Preisträgerschaft“ seit Vergabe und sie sind „verstreut über ganz Deutschland“, was die Abwesenheiten erklärte (laut Vorgabe müssen die Ausstellungsteilnehmer lediglich im Allgäu geboren sein oder hier leben). Viele der Preisträger habe man in der Ausstellung „noch nie oder schon lange nicht mehr gesehen“. Und auch die Tatsache, dass die drei etablierten Preise allesamt für Fotoarbeiten vergeben werden, ist noch nicht vorgekommen. Alle Arbeiten sind laut Fink allerdings „keiner klaren Gattung“ mehr zuzuordnen, zwischen denen sie eher hin und her „springen“; eine generell zu beobachtende Entwicklung in der Kunst, wie auch im Gespräch mit den beiden anwesenden Künstlerinnen erkennbar wurde. „-innen“ auch deshalb, weil sie mit drei von den insgesamt vier Ausgezeichneten die klare Mehrheit stellen.

Den Kunstpreis der Stadt Kempten (5000 Euro) erhält in diesem Jahr die in Berlin lebende Kathrin Ganser, Jahrgang 1977, geboren in Marktoberdorf und aufgewachsen in Kempten, mit lebhaften Erinnerungen an das Nebengebäude des Marstalles, das Kemptener Jugendhaus. Studiert hat sie an der Hochschule für Kunst und Design in Halle, wo sie 2005 mit Diplom im Fachbereich Kunst abschloss. Während ihres Studiums beschäftigte sie sich an der Universität der Künste in Berlin mit dem Medium Fotografie.

Der Kontext von (Stadt-)Raum, Bildräumen und digitaler Ästhetik ist Schwerpunkt ihrer Arbeiten. Die nun ausgezeichnete Bildgruppe „Gyro-Scan #2, #4, #7“ entstand im Rahmen eines multimedialen Projekts als Auseinandersetzung mit bildräumlichen Darstellungsweisen städtischer Orte, bezogen auf Flächen- und Raumdarstellungen. Eigentlich sei es „komprimierte Architektur“, die man hier sehe, bringt Ganser ihre am Pariser, Mehring- und Leipziger Platz in Berlin entstandenen „amorphen Gebilde“ oder auch „digitalen Artefakte“ auf einen Minimalnenner. Die Ursprungsdaten dafür basieren auf dreidimensionalen Raum-Zeit-Aufnahmen, rückübersetzt in ein zweidimensionales Bild. Das digitale Ausgangsmaterial basiert auf Bewegungsaufnahmen städtischer Umgebung, die sie per webcam, Laptop und kombiniertem Computerskript erstellt.

Die Jury lobte Gansers Werke, für die sie konkrete Orte nutze und diese in „Installation und Fotoarbeit analysiert, fragmentiert und zu neuen, aus der Ferne abstrakt wirkenden Bildgefügen zusammensetzt“. Es entstünden „Hybride realer Abbildung und künstlerischer Aneignung“, die die Jury „durch ihre feine Poesie und das Spiel mit Ferne und Nähe“ überzeugten.

Der Thomas-Dachser-Gedenkpreis (4000 Euro) geht an den 1981 in Kempten geborenen Ralf Dieter Bischoff aus Nürnberg für seine beiden Werke „WEGen #7“ und „WEGen #17“. Sein Diplom im Bereich Fotografie erhielt er an der FH Würzburg-Schweinfurt. Er dozierte an verschiedenen Hochschulen zum Themenbereich Fotografie, speziell Architekturfotografie. „Mit meiner Arbeit breche ich bewusst mit dem Dogma der Fotografie, dass immer nur ein einzelner Moment eingefangen wird. Die Abbildung des einen solitären Moments wird erweitert, da dieser niemals ohne ein Vorher oder Nachher existieren kann. Einzelne Szenen die im Kopf bleiben, zeichnen oft kein klares Bild, sondern eher eine vermischte Ahnung der Realität von gestern.“ Das sind Worte, mit denen Bischoff selbst den Hintergrund seiner Arbeit beschreibt.

Die durch Überlagerungen mehrerer Aufnahmen manipulierten Bilder wirken wie zarte Malereien. Die Jury sieht darin eine Fortentwicklung der Bildsprache der Malerei und fühlt sich an Landschaftsbilder William Turners erinnert. Das Werk Bischoffs markiere die „Auflösung der traditionellen Gattungsgrenzen: Der Fotograf wird zum Maler, der Maler denkt als Fotograf.“ Der Preis der Dr.-Rudolph-Zorn-Stiftung (3000 Euro) für junge Künstler wird an die in Maierhöfen lebende Künstlerin Andrea Corinna Neidhardt für ihr Werk „meins“ verliehen. 1983 geboren in Wangen, beschäftigte sie sich schon früh mit der klassischen Zeichnung und Malerei und unterrichtete an einer Kunstschule. Von 2010 bis 2016 folgte ein Studium der bildenden Kunst an der Kunsthochschule Mainz, das sie in den Bereichen Künstlerische Fotografie/Malerei/Zeichnung abschloss. Wirklich überzeugt hat sie die akademische Ausbildung offenbar nicht, zumindest nicht bezüglich der „Nahrung“, die sie sich dadurch erhofft hatte, denn Handwerkliches lerne man dort heute nicht mehr. Aber „wir leben in einer Gesellschaft, in der man sagt ‚Hallo, ich hab’ auch studiert’, aber ich glaube, ich war vorher schon gut“, lieferte sie ein deutliches Statement. Sie arbeitet in Personalunion gleichzeitig als Fotografin und Modell, Filmerin und Performerin. Es sind die „Bereiche des menschlichen Lebens, wo Worte aufhören“, die sie versuche bildlich zu begreifen. „meins“ ist im Rahmen eines halbjährigen Projektes mit dem Titel „Knochen-kochen“ entstanden.

„meins“: teilweise zerlegt, ein enthäuteter Straußen-Kadaver auf dem Schoß einer sonst unbedeckten Frau, deren Haare ihr bis über die Augen hängen – nicht über die eigene Fleischbeute hinausschauen wollen. Eine morbide Szene, verstörend, provozierend und – verwirrend ästhetisch. Ästhetik „ist für mich das Wichtigste in der Kunst“. Fleisch, weil wir in der Steinzeit gejagt haben, um zu überleben, sagt Neidhardt, der es um den Überfluss, den Materialismus und das Alles-Haben-Wollen geht, um die Diskrepanz zwischen denen, die täglich um ihr Überleben kämpfen und dem Überfluss. „’Kein Raum und Mahl, Schicksal’. Mein Haus und noch eins, meins.“ Der Strauß, weil er der einzige Vogel sei, der nicht fliegen könne und der Mensch „mit dem ganzen Material auch so unfrei ist“, sagt Neidhardt. „Da stellt sich die Frage, wie viel Besitz erträgt ein ehrlicher Geist? Wie viel Beutefleisch erträgt der eigene Fleischkörper?“ Sie hegt eine Vorliebe für die alten Meister, wie Caravaggio, was trotz des so anderen Ansatzes deutlich sichtbar ist. „Eine lebendige Fotografie sehen, obwohl sie nur die Oberfläche zu zeigen vermag“, ist ihr Anliegen. Die Jury hat ihre „Ästhetik, die ethnografische und archaische Bildwelten generiert“, beeindruckt. „Die kunsthistorischen Referenzen an Pietá-Darstellungen und Größen der europäischen Performancekunst rufen zudem bekannte Bildmuster ins Gedächtnis, die von Neidhardt jedoch uminterpretiert und damit ad absurdum geführt werden.“

Das erstmals ausgelobte Sparkassen-Ausstellungsstipendium (2000 Euro für eine einmonatige Einzelausstellung) geht an Julia Miorin (Jahrgang 1989), die 2014 den Förderpreis der Dr.-Rudolph-Zorn-Stiftung erhalten hatte. Ihre „skulpturale Arbeit“ überzeugte die Jury durch „das feine Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien, deren Texturen und Haptik im Werk dialektisch aufeinandertreffen und so Spannung erzeugen“.

68. Kunstausstellung im Rahmen der Allgäuer Festwoche vom 12. August bis 16 September 2017:

Gezeigt werden 70 Werke (21 Malereien, 18 Plastiken/Skulpturen, 9 Grafiken, 17 Fotoarbeiten, 2 Bildobjekte, 3 Installationen) von 61 Kunstschaffenden (31 Künstlerinnen und 30 Künstlern).

Eingereicht haben insgesamt 272 Kunstschaffende (152 Künstlerinnen, 117 Künstler und drei Künstlergruppen) 473 Werke – 235 Malereien, 79 Plastiken/Skulpturen, 53 Grafiken, 63 Fotografien, 31 Bildobjekte, 10 Installationen und 2 Videos.

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