Jochen Heckmanns Tanztheater feiert fesselnde Premiere

Hinfallen – aufstehen – weitergehen

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Ein zermürbendes sich gegenseitig Auffangen beim Pas de Deux von Marta Zollet und Joseph Simon.

Kempten – Mit der Premiere des Tanztheaters „G’scheit g’scheitert“, das sich mit unterschiedlichen Facetten des Scheiterns beschäftigt, und einem gleichermaßen faszinierten wie begeisterten Publikum eröffnete vergangenen Freitagabend die Saison im Theater in Kempten (TIK), zugleich Auftakt zum 15. Kemptener Tanzherbst.

Erst war es die traurige Gestalt – zugleich Held – des Don Quixote, die die Dramaturgin und ehemalige TIK-Direktorin Nikola Stadelmann für das Stück im Sinn hatte. Eine Figur, die dem Choreographen Jochen Heckmann nur bedingt zusagte, wie er im Einführungsgespräch einräumte, so dass nach gemeinsamer Suche ein Bonmot von Samuel Beckett hinzukam: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ – „Schon Mal versucht. Schon Mal gescheitert. Egal. Versuch es nochmal. Scheitere nochmals. Scheitere besser.“

Von der Erfahrung, „g’scheit g’scheitert“ zu sein, kann wohl jeder ein Lied singen, wobei die Doppeldeutigkeit des Wortes „g’scheit“ laut Stadelmann durchaus gewollt ist. Denn Scheitern kann man aus vielen Gründen und auf viele Arten, wie die Tänzer Amelie Lambrichts, Nadine Sieber, Marta Zollet, Samuel Delvaux und Joseph Simon – Unterstützung gab es von den Tanz-Studenten Debora Rusch und Luca Haeseli – sehr eindrucksvoll zeigten. Aber wann kann man überhaupt von Scheitern sprechen? Beim Hinfallen? Beim Liegenbleiben? Manchmal, so scheint es, muss das „G’scheit g’scheitert“ – im Sinne von „so richtig“ – erst an den Abgrund führen, bevor „g’scheit“ auch im Sinne von „daraus gelernt“ greifen kann. So individuell sich das Scheitern selbst gestaltet, so unterschiedlich dürften auch die Interpretationen und Assoziationen der Zuschauer ausgefallen sein – ein Spielraum, der so gewollt ist.

In einem ständigen Auf und Ab – aggressiv, zart, schnell, drängend-pulsierend dann wieder bedächtig und schlaff – bewegen sich die Protagonisten durch die Herausforderungen der vielfältigen Beziehungen im Leben: Buhlen um Liebe, Machtspiele, Mutproben, Verlassen werden, sich auf andere verlassen, für seine Ideale kämpfen, an das Gute und auch an sich selber glauben. Und immer kommt dieser Kubus auf der Bühne ins Spiel, als rettende „Burg“, „Beziehungskiste“, „Gefängnis“, der Ort des über alles Erhaben, des Obenauf seins...

Auch die Musik ist mit Bedacht gewählt. Zu den treibenden Rhythmen von „Les Tambours du Bronx“ drücken sich duckmäuserische Wesen an der Wand entlang, blicken furchtsam nach oben. Um dieser mächtig-großspurig sich breit machenden Person nicht aufzufallen? „La Valse des Nuls“ heißt der Titel des Stücks, was für sich genommen schon tief blicken lässt.

Als zarte Liebesgeschichte bezeichnete Arvo Pärt selbst einmal sein „Darf ich...?“ für Streicher. Es begleitet den bewegenden Pas de Deux von Marta Zollet und Joseph Simon, in dem sie sich gegenseitig Halt und Stütze geben, zusammensacken und sich aufrichten und am Ende (vielleicht) gestärkt daraus hervorgehen. Immer wieder um sich selbst, innerhalb der selbst gesetzten Grenzen, scheint sich Samuel Delvaux in seinem Solo zu drehen, dazu nur die Klänge eines Cellos, dann Ruhe, abgelöst von Philip Glass’ Minimalmusic, bevor er ein Wagnis eingeht: er wechselt die Perspektive und betrachtet das Leben auf dem Kubus sitzend von oben. Zu treibenden Bässen hüpft eine Gestalt triumphierend über jeden der am Boden liegenden Körper hinweg, die sich nacheinander in den sicheren Schutz des Würfels flüchten, aus dessen „Fenstern“ sie die Lage ängstlich beobachten. Aber eine lässt sich doch nicht besiegen, sie stellt sich der „Diktatorin“ in einem packenden Tanz-„Duell“ (Nadine Sieber und Martha Zollet) der mit Einsetzen der Bach-Kantate „Ich habe genug“ in einen fast zärtlich anmutenden Pas de Deux übergeht und eine spielerische Note bekommt.

Gegensätzliches gibt es zu Brahms’ „In stiller Nacht“: Auf dem Würfel ist sich ein Liebespaar eng umschlungen selbst genug. Im Würfel ringen ein Mann und eine Frau verzweifelt – miteinander? Gegeneinander? Mit sich selbst? Bemerkenswert war das Solo von Joseph Simon, in dem er Elemente des klassischen Balletts mit Breakdance und modernem Tanz miteinander verwob. Wie nahe sich „oben“ und „unten“ sein sind, wird in der Schlussszene noch einmal unumstößlich klar: Alle recken ihre Arme weit in die Höhe, blicken nach oben, eine (erfolgreiche?, depressive?, sich selbst überschätzende?) Person steht auf dem Dach des Würfels – am Rand, als wolle sie sich in die Tiefe stürzen. Sie zögert – dann springt sie und wird von der Gemeinschaft aufgefangen – die sie mit zu Boden reißt.

Verdient tosender und lang anhaltender Applaus für die durchgehenden Glanzleistungen der Tänzerinnen und Tänzer sowie die beiden „Macher“ Nikola Stadelmann und Jochen Heckmann.

Christine Tröger

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