»Normalerweise würde ich jetzt ...« 

Premiere in Wiggensbach: Bürgerversammlung digital 

Letzter Check vor der Premiere: Kamera läuft!
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Letzter Check vor der Premiere: Kamera läuft!

Wiggensbach – Thomas Eigstler ist ein Kommunalpolitiker, der fast alles schon mal erlebt hat. Sein fast anderthalbstündiges Solo vor einer Smartphone-Kamera und in einem leeren Saal war allerdings etwas noch nie Dagewesenes: „Es war merkwürdig, mir hat die Resonanz der Bürger sehr gefehlt“, sagt der Bürgermeister der Marktgemeinde nach seiner ersten digitalen Bürgerversammlung überhaupt. „Irgendwie komisch, das Ganze.“ 

Normalerweise wäre lautes Stimmengewirr zu hören, ein paar Minuten vor dem Beginn der Bürgerversammlung. Normalerweise wären Dutzende von Bürgern gekommen, um das Geschehen in der Gemeinde Revue passieren zu lassen und ihre Fragen an den Bürgermeister zu stellen. Und normalerweise hätte Thomas Eigstler den Abend eröffnet mit den Worten: „Schön, dass Sie heute dabei sind, hier im großen Saal des Gasthofes Kapitel!“

Doch in diesen Pandemie-Zeiten ist nichts normal und alles anders als sonst. Die Bürger sitzen zuhause vor ihren Computern, sie haben den Livestream auf Youtube angeklickt und der Bürgermeister steht allein vor einer Kamera. Drei Minuten vor acht: „Läuft sie?“, fragt Eigstler . „Ja“, nickt sein IT-Fachmann. Die Glocken der Pfarrkirche schlagen acht, Eigstler holt nochmal tief Luft, blickt in die Linse und legt los: „Normalerweise würde ich Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger....“ Genau 40 Wiggensbacher haben Punkt 20 Uhr reingeklickt und schauen zu. Ein paar Minuten später schnellt die Teilnehmerzahl auf 66, dann sogar auf 72 hoch.

Eigstler zählt Ereignisse auf, bilanziert Erfolge, berichtet über Erreichtes und Geplantes. Es wird deutlich, dass Wiggensbach eine finanziell sehr stabile Gemeinde ist – „neben Haldenwang sind wir als einzige im Landkreis schuldenfrei“, freut sich der einsame Redner im leeren Sitzungssaal und schaut da besonders tief in die Kamera – und die trotz Corona einiges auf die hohe Kante legen konnte. Geld, das investiert wird in den Bau von Straßen und Wasserversorgung und vor allem in den Breitbandausbau. Nach einer halben Stunde greift Eigstler zum Wasserglas und nimmt einen großen Schluck. Im Livestream werden 64 User angezeigt, der Bürgermeister referiert weiter, seine Büroleiterin Sylvia Mayr lässt Folie auf Folie aufploppen, Winterdienst, neue Bauvorhaben, die Suche nach „Freibadrettern“, alles kommt zur Sprache.

Nach 75 Minuten sind 69 Wiggensbacher digital versammelt. Sie sehen und hören live, wie Eigstler die neue Impfstrategie der Staatsregierung kritisiert und bedauert, dass deshalb in Wiggensbach keine mobilen Erstimpfungen mehr angeboten werden. Um 21 Uhr 16 hebt er nochmal seine Stimme: „So, das war jetzt sehr viel Information, bitte geben Sie mir Ihr sachliches Urteil via Email, danke, dass Sie sich zugeschaltet haben.“ Die erste digitale Bürgerversammlung in der Marktgemeinde ist Geschichte, Thomas Eigstler setzt sich leicht erschöpft an den riesigen Ratstisch: „Das war jetzt gar net so einfach“, meint er. Sein Fazit fällt positiv aus: „Technisch hat alles super geklappt, mein Vortrag war sogar kürzer als in einer analogen Versammlung. Nur der direkte Kontakt, der hat mir sehr gefehlt.“
Verbessert werden wird die Beteiligung der Bürgerschaft, so Eigstler, deren Fragen und Anmerkungen erst nach der Premiere per Email eingeschickt und beantwortet werden konnten. Wer nicht live dabei sein konnte oder wollte, der kann sich die Rede des Bürgermeisters nachträglich auf Youtube anschauen – bis Redaktionsschluss haben fast 350 Wiggensbacherinnen und Wiggensbacher davon Gebrauch gemacht.

Lutz Bäucker

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