Mehr Schutz für Bienen und Insekten 

Es soll wieder summen & brummen

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Referent Marcus Haseitl mit der Geschäftsführerin der Bund Naturschutz Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu, Julia Wehnert und Thomas Weiß, Klimaschutzmanager der Stadt Kempten. „Wir müssen die Botschaft nach draußen tragen“, so Haseitls Aufruf an alle Zuhörer. Noch gebe es Hoffnung für die verbliebenen 20 Prozent der Insekten.Referent Marcus Haseitl mit der Geschäftsführerin der Bund Naturschutz Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu, Julia Wehnert und Thomas Weiß, Klimaschutzmanager der Stadt Kempten. „Wir müssen die Botschaft nach draußen tragen“, so Haseitls Aufruf an alle Zuhörer. Noch gebe es Hoffnung für die verbliebenen 20 Prozent der Insekten.

Eine Aussage des Bundesumweltministeriums erschütterte im Sommer letzten Jahres viele Menschen: Seit 1982 sind in Deutschland bis zu 80 Prozent der Insekten verschwunden. Der landwirtschaftliche Berater, Imker und Pädagoge Marcus Haseitl aus Bad Grönenbach gibt die Hoffnung dennoch nicht auf.

In seinem Bildervortrag „Blühflächen für Bienen & Co in privaten Gärten und öffentlichem Grün“ im Haus International appellierte er an die mehr als 80 Zuhörer: „Den Schwarzen Peter hin und her zu schieben bringt nichts. Wir müssen alle umdenken. Was wir nicht tun dürfen, ist traurig in der Sackgasse stehen zu bleiben. Jeder einzelne von uns kann überall etwas für die Insekten tun.“

Das sieht man auch bei der Stadt Kempten so. Gemeinsam mit dem Bund Naturschutz und dem Naturerlebniszentrum hatten sie zu dem Vortrag eingeladen. Dieser ist Teil einer Veranstaltungsreihe des Projektes „Blühendes Allgäu“. Gemeinsames Ziel ist es, Kommunen, Landwirten, Schulen und Privatpersonen Ansätze zu präsentieren, um die Lebensbedingungen von Blüten besuchenden Insekten durch blühende Inseln zu verbessern.

"Überstülpen nützt nichts"

Referent Haseitl verstand es, die Zuhörer mit seinen anschaulichen Ausführungen und seinem positiven Grundtenor in seinen Bann zu ziehen. Missionarischer Übereifer ist sein Ding nicht. Vielmehr versteht er sich als Brückenbauer, der zwischen den Vertretern unterschiedlicher Positionen vermitteln möchte. Er weiß: „Man muss die Menschen da abholen, wo sie stehen. Etwas überzustülpen nützt gar nichts.“

Unfassbare Leistungen von Biene & Co

Bienen seien Sympathieträger und leisteten Enormes, so Haseitl. „In einem halben Pfund Honig stecken 2,5 Millionen Blütenbesuche. Ein Bienenvolk benötigt im Jahr ca. 200 Kilo Honig um zu überleben. Das bedeutet zwei Milliarden Blütenbesuche.“ Auch im eisigsten Winter schaffen es die Völker, ihren Bienenstock durch dauerndes Zittern auf 35 Grad Celsius zu beheizen. Geradezu unvorstellbar sei die Leistung der Bienenkönigin: „Im Mai und Juni legt sie pro Tag 1.500 bis 2.000 Eier. Das entspricht ihrem eigenen Körpergewicht. Übertragen auf uns Menschen würde das bedeuten, dass eine Frau wochenlang jeden Tag 20 Kinder gebären müsste.“ Ein Warnruf für alle Menschen sei die Tatsache, dass „30 Prozent unserer Nahrung, 76 Prozent unserer Kulturpflanzen und 84 Prozent aller Blühpflanzen direkt von Bestäubungsinsekten abhängen.“ Was sie zum Überleben brauchen, sind Blüten. Und genau die werden in unserer Kulturlandschaft, die aus Maismonokulturen, gemähten Wiesen, Fichtenmonokulturen und akkurat aufgeräumten Gärten immer seltener. „Mit der Mahd des Löwenzahns bricht im Frühjahr eine komplette Massenfutterquelle zusammen“, so Haseilt. „Die Tiere finden nichts zu fressen.“

Wider die aufgeräumte Kieswüste

Als weitere Ursachen für das dramatische Insektensterben nannte er unter anderem den Einsatz von Pflanzen- und Insektengiften, Mobilfunk („Bienen reagieren sehr empfindlich auf Mikrowellen“) und hormonbelastetes Wasser, aber auch moderne Hausgärten, die Kieswüsten glichen oder in denen der Mähroboter unablässig den Rasen trimme. „Auch die Imker haben in den letzten 150 Jahren nicht alles richtig gemacht“, so Haseitl, früher selbst Besitzer von 120 Bienenvölkern. Die intensive Imkerei mit künstlicher Königinnenzucht und „viel zu dicken Mittelwänden“ habe langfristig Schaden angerichtet. Die Belastbarkeit der Bienen gegenüber Milben sei durch all diese Einflüsse stark gesunken, somit hat die Varroa-Milbe leichtes Spiel.

Das System gemeinsam stabilisieren

Für manchen erstaunlich, brach Marcus Haseitl eine Lanze für die Landwirtschaft. „Blumenwiesen gibt es nur, weil bäuerliche Betriebe über Jahrhunderte das Land bewirtschaftet haben. Ohne diese Bewirtschaftung würden wir hier in Buchenwäldern sitzen, denn nur durch regelmäßiges Mähen können sich krautige Pflanzen halten.“ Das System sei aber nur zu stabilisieren, wenn in Ackerbau, Grünland und Wald – diese machen 80 Prozent der Flächennutzung in Deutschland aus - ein Umdenken stattfinde. Tatsächlich könne jeder einzelne etwas tun, um die Lebensgrundlage für Biene, Hummel, Schmetterling, Schwebfliege, Käfer & Co. wieder zu verbessern.

"Jeder kann etwas tun"

Das fange schon im Balkonkasten an, der statt mit den (für Insekten wertlosen Geranien) mit heimischen Blühpflanzen oder blühenden Kräutern bepflanzt wird. Wichtig im insektenfreundlichen Garten: Keine gefüllten Blüten nehmen, denn die haben weder Nektar noch Pollen. Fetthenne und Wiesensalbei sowie blühende Gehölze wie das Pfaffenhütchen seien beispielsweise sehr hilfreich. Wichtig auch: Schon vor der Wildkirschenblüte Blüher bereitzustellen, etwa Krokus, Schneeglöckchen oder Winterling.

So legt man Blumenwiesen an

Wertvolle und zugleich schöne Blumenwiesen kann man mit mehrjährigen heimischen Wildblumen- und Gräsersaaten anlegen (einjährige Blumensaaten sind ökologisch weniger wertvoll), die man in den offenen, möglichst ausgemagerten Boden gibt. „Der größte Fehler dabei ist, nicht rechtzeitig zu mähen.“ Dies sollte abschnittsweise bis zu dreimal zwischen Ende Mai und Ende Juni erfolgen, wobei die abgeschnittenen Pflanzen von der Fläche entfernt werden müssen, „sonst kommen die Spätblüher nicht mehr durch.“ Auch Natursteinmauern, offene Ritze, Holzstapel und vor allem wilde Streifen oder Ecken, gerne auch mit den bei Schmetterlingen sehr beliebten Brennnesseln, seien als Rückzugsräume und Nistplätze überlebensnotwendig. Zudem sollten Gärten nicht im Herbst, sondern lieber erst im April abgeräumt werden. „Hier überwintern viele Tiere, die dann auf dem Kompost landen.“ Bei alledem müsse man wissen: „Eine Blumenwiese braucht mehr als ein, zwei Jahre Entwicklungszeit.“ Da dürfe man nicht die Geduld verlieren. Und: „Wer Schmetterlinge liebt, muss auch ein paar Raupen mögen, auch wenn Sie die vielleicht beim Salat mitessen.“

Was tut Kempten für ein Blühendes Allgäu?

Kemptens Klimaschutzmanager Thomas Weiß erläuterte im Nachgang der Veranstaltung auf Nachfrage des Kreisboten, welche konkreten Maßnahmen die Stadt Kempten im Rahmen des Projekts „Blühendes Allgäu“ ergreift. „Seit 2017 gibt es in der Stadt die `Abteilung Grün´, eine Unterabteilung der Stadtgärtnerei und als solche dem Tiefbauamt untergeordnet. Sie kümmert sich um die Begrünung, bzw. - wo es von der Verkehrssicherheit her möglich ist -, um die Beblühung im Verkehrsbereich. „Die Stadtgärtnerei hat 35 Hektar extensiv bewirtschaftete Flächen angelegt, wie die große Blumenwiese im Engelhaldepark, aber auch viele kleine Projekte, wie den Dachser-Kreisel.“ Nun stehe Aufklärungsarbeit auf der Agenda. „Sie glauben gar nicht, wie viele Beschwerden von Bürgern wir bekommen, dass öffentliche Grünflächen zu unaufgeräumt oder unordentlich seien“, bedauert Weiß. „Deshalb müssen wir jetzt im großen Stil aufklären, warum wir manche Flächen erst später mähen und warum wir statt einer ökologisch wertlosen Wechselbepflanzung mit Stiefmütterchen mancherorts lieber bunte Blüten ansäen.“ „Leider“, so Weiß weiter, „melden sich immer nur die Leute bei der Stadt, denen das neue Konzept nicht gefällt. Es wäre schön, wenn sich auch Menschen melden würden, die die Blühinseln toll finden.“

Viele hilfreiche Informationen zum Thema Insektenfreundlichkeit finden Sie unter www.bluehende-landschaft.de.

Sabine Stodal

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