"Probelauf für den Holocaust"

Professor Dr. Michael von Cranach berichtet über die Verstrickung der Ärzteschaft in Nazi-Verbrechen. Foto: Kampfrath

Eigentlich haben Ärzte einen Berufsethos. Sie wollen kranken Menschen helfen, heilen und Leben retten. Doch in der Zeit von 1933 bis 1945 wurden viele Ärzte in Deutschland zu Mördern. Zu ihren ersten Opfern zählten psychisch Kranke. Dieses dunkle Kapitel der Medizin beleuchtete am Mittwoch Professor Dr. Michael von Cranach im Bezirkskrankenhaus (BKH) Kempten mit einem Vortrag genauer.

Bereits wenige Monate nach Adolf Hitlers Machtübernahme seien neue Gesundheitsgesetze in Kraft getreten. Hitler richtete einen Euthanasieerlass an Reichsleiter Philipp Bouhler und seinen Begleitarzt Dr. Karl Brandt. Demnach erhielten Ärzte die Befugnis, unheilbar Kranken bei schlechtem Gesundheitszustand den Gnadentod zu gewähren. „Beamte aus verschiedenen Verwaltungen wurden nach Berlin in die Zentraldienststelle in der Tiergartenstraße 4 geschickt, um die Aktion zu planen“, sagte von Cranach. Wegen der Adresse erhielt das Vorhaben den Namen Aktion T-4. Die Beamten hätten dann einen Fragebogen entwickelt, den sie allen psychiatrischen Anstalten schickten. Die Fragen lauteten beispielsweise, ob es ein forensischer Patient sei, ob er arbeite oder nichtarisch sei. „Für das Ausfüllen eines Fragebogens erhielten die Ärzte 30 Reichspfennig“, berichtete der ehemalige ärztliche Direktor des BKH Kaufbeuren. Also auch das Geld habe eine Rolle gespielt, wenn Mediziner zu Mördern wurden. Die Beamten in Berlin entschieden dann, ob der Patient von der Aktion betroffen ist oder nicht. Für das Euthanasieprogramm habe man die Gemeinnützige Krankentransport GmbH gegründet. Die Fahrer holten die Patienten mit Bussen aus den Psychiatrien ab, um sie in Vernichtungsanstalten wie Grafeneck oder Hartheim zu bringen. Laut von Cranach zog man dort die Patienten sofort nach der Auskunft aus und klebte ihnen mit Hansaplast ihre Namen auf den Rücken. Unter dem Vorwand, duschen zu können, schickte man sie in einen Schuppen. Dort leitete man durch einen Dieselmotor und später mit Gasflaschen Kohlenmonoxid ein. „Durch ein Fenster beobachtete ein Wärter, ob sich noch jemand bewegte.“ Die Angehörigen hätten die Information erhalten, dass ihr Verwandter an einer Darminfektion gestorben sei. Im Zeitraum bis 1941 seien 73 000 Patienten auf diese Weise getötet worden. „Im Grunde genommen handelte es sich bei der Aktion um einen Probelauf für den Holocaust“, erklärte der Psychiater. In der Bevölkerung habe es Proteste und starken Gegenwind gegeben. Dr. Valentin Faltlhauser, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, habe eine spezielle Diät entwickelt. Wegen dieser so genannten E-Kost seien rund 1400 Patienten an einer Infektion gestorben. Faltlhauser schickte Kinder zu Dr. Hensel nach Oy-Mittelberg, wo sich eine Heilstätte für lungenkranke Kinder befand. Dieser Arzt experimentierte mit den Kindern, um einen Impfstoff gegen Tuberkulose zu entwickeln. Mindestens sechs von ihnen starben dabei qualvoll. Schockierende Fotos Auch in der Kaufbeurer Heilanstalt zählten Kinder zu den Opfern. Krankenschwestern verabreichten ihnen in Tee aufgelöste Luminaltabletten. Andere spritzten sie mit einer Überdosis Morphin-Scopolamin tot. „Die Gehirne schickte man nach Berlin ins Kaiser-Wilhelm-Institut“, so von Cranach. Er zeigte ein Bild des Neuropathologen der Heilanstalt Kaufbeuren, auf dessen Seziertisch ein Kind liegt. Viele Zuhörer schockierte dieses Foto. Zu den Opfern gehörte der 14-jährige Ernst Lossa aus dem Volk der Jenischen. Am 9. August 1944 erhielt er eine tödliche Morphin-Scopolamin-Spritze in der Heilanstalt Irsee, da er angeblich arbeitsunfähig war. „In Kaufbeuren wurden etwa 2600 Patienten umgebracht, im gesamten Reichsgebiet waren es 200 000 bis 300 000 und in Osteuropa zirka 400 000 Getötete“, verdeutlichte der Referent. Am 17. April 1945 seien die Amerikaner in Kaufbeuren einmarschiert. Sie hätten die Heilanstalt nicht betreten wollen, da davor ein Schild mit der Aufschrift „Typhusgefahr“ hing. Am 2. Juli seien schließlich zwei Soldaten in das Haus gegangen und hätten dort überall nicht-beerdigte Leichen gefunden. Noch bis Ende Juni 1945 hätten Ärzte und Krankenschwestern in Kaufbeuren Patienten ermordet. „Schon 1905 forderten die Eugeniker, dass die Politik Einfluss auf die Fortpflanzung der Menschen mit Erbkrankheiten nehmen muss.“ Im Dritten Reich habe man auch Alkoholismus und den Klumpfuß zu den Erbkrankheiten gerechnet. Entscheidend für die Tötung oder Nichttötung eines Patienten sei dessen Arbeitsfähigkeit gewesen. Wurde der Kranke als nicht-heilbar eingestuft, habe das das Todesurteil bedeutet. Faltlhauser habe sich nach seiner Verhaftung darauf berufen, dass er als Beamter seine Pflicht habe erfüllen müssen. „Auch Hitler selbst delegierte in ‚Mein Kampf‘ Verantwortung nach oben.“ Nach den Nürnberger Prozessen habe sich bei den US-Amerikanern das Interesse an der Weiterverfolgung verloren. Dadurch seien viele Täter straflos davongekommen. „Erst in den 1970er Jahren gab es eine Psychiatriereform.“ Nicht alle Ärzte hätten sich dem Naziregime gefügt. „Es gibt Berichte, dass Ärzte gekündigt haben“, erklärte von Cranach. Auch mehrere Chefärzte seien abgesetzt worden, da sie nicht konform waren. Dennoch seien Ärzte die Berufsgruppe mit dem höchsten Anteil an NSDAP-Mitgliedern gewesen.

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