Von Hitchcock bis Tänzelfest

Das erste Mal: Kammermusik

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Gut gelaunt bei den Proben für das Konzert am Abend waren (v.l.) Stephanie Winker, Bengt Forsberg und Amy Norrington.

Kempten – Dunkel spielt das Cello. Nacht. Unheimliche Straßen in einem Industriegebiet, es regnet. Querflöte und Klavier setzen ein. Die unharmonische Klänge werden immer dramatischer. Plötzlich ein schriller Pfeifton. Er zieht sich einige Sekunden hin. Jetzt ist jemand aus dem Fenster gefallen!

Ich öffne die Augen. Vor mir sitzen Stephanie Winker mit einer Querflöte, Bengt Forsberg am Flügel und Amy Norrington mit einem Violoncello. Alle drei tragen Turnschuhe. Ich lausche einer Probe des Kammermusikfestivals CLASSIX Kempten in der AÜW-Stadtsäge. Mit mir sind noch acht weitere Zuhörer – vornehmlich älteren Semesters – in dem hellen Raum. Auf dem Programm: Das „Trio“ von Marcelle de Manziarly aus dem Jahr 1952, das heute Abend im Theater in Kempten vorgetragen werden soll.

Nacheinander erklingen nun die einzelnen Instrumente. Jedes behält für ein paar Wiederholungen sein Thema, bis alle harmonisch zusammenspielen. Dann kurze, abgehackte Klaviertöne. Es wird hektisch.

„Oups, sorry for... I forgot“, sagt da Amy Norrington. Die Musik stoppt, Winker und Forsberg lachen. Ein kurzes Gespräch über den Einsatz und die Lautstärke der einzelnen Instrumente an dieser Stelle und weiter geht’s. Ich hätte den Fehler gar nicht bemerkt, hätte die Musikerin nicht das Gesicht verzogen. Überraschenderweise gibt es keinen Dirigenten, der Anweisungen macht. Das ist eines der Hauptmerkmale von Kammermusik, wie ich später erfahre. Die Musiker machen Vorschläge und besprechen, wie sie am besten spielen sollten. „Das ist eine Frage der Organisation“, erklärt mir Stephanie Winker später. Im großen Orchester braucht es eine Person, die den Überblick hat und den Rahmen vorgibt.

Wer gibt den Ton an?

Kleinere Details besprechen die Musiker untereinander. Und geht es immer so harmonisch dabei zu? „Meistens hat der musikalische Leiter eines Festivals ein Händchen dafür, wer gut mit wem spielen könnte. Das ist hier gut gelungen und macht Spaß“, sagt Winker.

Ich muss zugeben, nichts von Kammermusik zu verstehen. Doch ich war neugierig, wie so eine Probe abläuft. Und aufgeregt war ich auch – vor meinem Treffen mit den Großen der Kammermusik-Szene. Im Programmheft des Festivals sind die Künstler teils mit listenweise Referenzen und Auszeichnungen aufgeführt. Aber das Ambiente ist ganz leger. Die Musiker scherzen mit den Zuhörern.

Die Klänge erinnern jetzt an mittelalterliche Tanzmusik. Die Flötistin stampft lautlos den Takt mit. Die Norrington zupft engagiert an den Saiten und lächelt, als wäre sie selbst auf einem schottischen Tanzfest. Dann zieht sie die Augenbrauen nach oben, eine Falte bildet sich auf ihrer Stirn. „Viele Musiker haben Bilder vor Augen, wenn sie spielen“, erklärt Winker, „bei mir sind sie ganz stark.“ Es gebe zwei Meinungen über den optischen Ausdruck der Künstler auf der Bühne. Die einen meinen, das Auge hört beim Konzert mit und Gesichtsausdruck und Körperhaltung sind essentiell für den Genuss des Zuhörers. Die anderen würden sagen, der Musiker müsse die Technik so gut beherrschen, dass seine Mimik keine Rolle für die Gefühle des Zuhörers spielt. Ich für meinen Teil fühle mich noch mehr mitgerissen, als wenn die Musiker „nur“ spielen würden.

„Would you mind, if I play this a little less fast?“ Bengt Forsberg macht eine Anmerkung über das Tempo. Er versteht nicht, warum er laut Noten-Text so schnell spielen soll, wo es doch so wunderbare Harmonien sind. Das verstehe ich wiederum nicht. Wie kann Forsberg das hören? „Wir versuchen herauszufinden, wie die Komponistin die Musik gespielt haben will“, erklärt Stephanie Winker.

Die Komponistin ist nicht im Raum, aber trotzdem da

„Dafür haben wir viele Angaben im Noten-Text, aber manchmal muss man sich auch mal von den Vorgaben entfernen“, sagt sie. Früher seien zum Beispiel die Flöten viel leiser gewesen, deswegen sollen sie gemäß Text oft „laut“ spielen. Heute sei das nicht mehr überall nötig, darum setzen sich die Musiker an manchen Stellen darüber hinweg.

„Jetzt nochmal“, sagt Forsberg. Eine kurze Pause, dann setzen wieder alle zusammen ein. Das Trio scheint nun mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Immer wieder nicken sie und werfen einander ermunternde Blicke zu. Eine halbe Stunde früher als veranschlagt ist die Probe zu Ende. Ob der Vortrag heute Abend beim großen Konzert (siehe Bericht auf Seite 5) genauso unmittelbar und mitreißend ist wie im kleinen, informellen Rahmen, erfahre ich in ein paar Stunden. Ich bin schon gespannt.

Susanne Kustermann

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