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"Dir bleibt nichts anderes übrig"

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Der Probstrieder Heimatforscher Edmund Off. In dem Gebäude links im Hintergrund fand 1649 der erste Schulunterricht in Probstried statt, im Anschluss daran wurde in dem Gehöft rechts unterrichtet.

Probstried – Wo fand vor 350 Jahren in dem Allgäuer Dorf Probstried der Schulunterricht statt? Wer genau drückte zwischen 1880 und 1972 hier die Schulbank? Der Probstrieder Heimatforscher Edmund Off beschäftigt sich seit mehr als fünfundzwanzig Jahren intensiv mit Fragen wie diesen.

Mit großer Unterstützung seiner Mitbürger konnte er Namen von Schülern und Lehrern ab dem Jahr 1649 nebst Hintergrundinformationen sowie fast sämtlichen Klassenfotos seit dem Jahrgang 1887 zusammentragen. Diese Schulchronik soll, ebenso wie eine umfassende Häuser- und Postchronik, ihren Niederschlag im „Heimatbuch Probstried“ finden, das einen Blick bis zurück ins Jahr 1455 freigibt.

„Butter und Eier bringen Einser und Zweier.“ Diese Devise, so ist sich Edmund Off sicher, galt vor Hunderten von Jahren ebenso, wie noch zu seiner eigenen Schulzeit, in der manche Mitschüler vor dem Unterricht Butter, Brot und Eier am Privateingang des Lehrers abgaben und „dafür oftmals bessere Noten bekamen, als sie verdient hätten.“ Vor „Tatzen“ oder „Wickeln“ waren sie trotzdem nicht gefeit, denn körperliche Züchtigung war seinerzeit ausdrücklich gesetzlich erlaubt. Ein Recht, von dem viele Lehrer ausgiebig Gebrauch machten, wie der pensionierte Kriminalbeamte aus eigener Erfahrung weiß. Wie der Pfarrer Georg Megglin und der Meßmer Schindele Johann 1649, kurz nach dem Ende des 30-jährigen Krieges, beim ersten verbrieften Schulunterricht in Probstried es damit hielten, darüber kann man nur mutmaßen. Fest steht: Die beiden Kirchenmänner wechselten sich bei der Unterrichtung von zehn bis zwölf Kindern aus wohlhabenden Familien ab. Die Schule – ein Gehöft bei Haslach mit der Hausnummer 20, das heute noch steht –, durfte nur besuchen, wer das Schulgeld bezahlen konnte.

Woher er das weiß? Edmund Off beschäftigt sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit der Historie seines Heimatortes und weil sich das herumgesprochen hat, haben ihn „d´Leit im Dorf“ mit ihren alten, zeitgeschichtlich wertvollen Unterlagen, Fotos und Erzählungen versorgt, die Off mit äußerster Sorgfalt, Zurückhaltung und Verantwortungsbewusstsein behandelt und aufgrund derer er einzelne Aspekte der Dorfgeschichte sage und schreibe bis ins Jahr 1455 rekonstruieren konnte.

Der Pfarrer erinnert sich

„Irgendwann dachte ich mir, ‘Dir bleibt wohl gar nix anderes übrig, als das alles aufzuschreiben’“, schmunzelt er. Den Wust an unterschiedlichsten, teils widersprüchlichen Informationen hat der 74-Jährige in eine Schul-, eine Post- und eine Häuserchronik strukturiert, hat in mühevoller Detektivarbeit Daten abgeglichen und Verzahnungen hergestellt. Aus alledem soll bis in zwei, drei Jahren das „Heimatbuch Probstried“ entstehen. In der Schulchronik, die allein schon fünf säuberlich geführte, dicke Ordner umfasst, finden sich wahre Schätze: Urkunden und uralte Niederschriften von Namen und Daten aus der Feder verschiedener Pfarrer (die teilweise von der Archivschule Marburg übersetzt wurden). Daneben Klassenfotos von 1887 bis zur Schließung der Schule 1972, auf denen fast sämtliche Personen namentlich zugeordnet werden konnten. Hinzu kommen alte Zeugnisse, wie etwa der „Werktagsschulentlassungsschein“ von Offs Urgroßmutter aus dem Jahr 1864, im dem es unter anderem heißt: „Fleiß: sehr groß“.

Ergänzt und lebendig gemacht wird das Ganze durch Grußworte, Aufzeichnungen und Erinnerungen ehemaliger Lehrer und Schüler. Offs Schulkamerad, der pensionierte Pfarrer Georg Albrecht beispielsweise, erzählt von seinem allerersten Schultag im September 1943, an dem er bei der Lehrerin Magdalena Kaiser Spazierstöcke auf seiner Schiefertafel nachzeichnen sollte: „Ich bemühte mich so sehr um schöne Schriftzeichen, dass meine Tafel bis zum Ende der Schulzeit nicht voll beschrieben war. Dafür durfte ich nachsitzen. Das war mein erste Belehrung: Es kommt nicht auf das schöne Schreiben an, sondern darauf, möglichst schnell fertig zu werden. So entwickelte sich meine Schönschrift für die ganze Schulzeit, dass es immer nur zur Note 4 ausreichte“, so Pfarrer Georg Albrecht.

Bürger arbeiten mit

Edmund Off, der sich jahrzehntelang als Elternbeirat und im Schulverband engagierte, war in seinem Heimatdorf auch für die Organisation der Klassentreffen der Jahrgänge 1938-41 zuständig. Bei Letzteren initiierte er auch die Urkunde „Officia praestiterunt“, die an einige verdiente Lehrer des Dorfes als „Anerkennung für ihre bewusst getragene Verantwortung“ verliehen wurde. Ein als besonders streng und grob bekannter Lehrer, der ab 1945 Schulleiter war, musste anstelle der Urkunde allerdings als späte Mahnung schuldbewusst einen „Tatzenstecken“ entgegennehmen.

Mutter gerettet

Dass er durch seine Arbeit im Vordergrund stehen könnte, gefällt Edmund Off ganz und gar nicht. „Die Geschichte von Probstried schreiben die Bürger durch ihre Mitarbeit selber“, betont er. Seinen Beitrag leiste er gerne, um seiner Heimatgemeinde etwas zurückzugeben, was seiner Mutter im Kindesalter durch die Armenpflegschaft gegeben wurde. „Sie war als Pflegekind bei einer armen Bauersfamilie aufgezogen worden. Als ihr Arm bei einem Unfall zerschmettert worden war und sie monatelang im Krankenhaus liegen musste, konnte der Pflegevater die Rechnung nicht bezahlen und äußerte: ‘Lasst sie sterben, sie hat ja sonst niemanden.‘ Doch dann übernahm die Pfarrei sämtliche Kosten, meine Mutter konnte gesund werden“ – auch von ihr findet sich ein frühes Klassenfoto in dem Fundus – „und wurde 89 Jahre alt.“

Sabine Stodal

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