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»Intelligente Landschaften«: Künstler übersetzen Allgäuer Natur in Kunstwerke 

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Von: Susanne Lüderitz

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ArtVieltfalt Kunstprojekt Digitale Landschaften
Exkursion: Für das Kunstprojekt der „Intelligenten Landschaften“ begeben sich die KünstlerInnen zusammen mit einem Experten aus Kultur oder Natur auf Spuren- und Materialsammlung. Anschließend entstehen Kunstwerke aus den Bildern und Tondokumenten. © Ulli Lindemann/Composing: Pop, Vieser

Kempten – Im Projekt „Intelligente Landschaften“ erforschen Künstlerinnen und Künstler Allgäuer Natur- und Kulturphänomene und übersetzen sie in digitale oder analoge Kunst.

Bäume kommunizieren über Wurzeln, Duftstoffe und Geräusche. Ein Teelöffel voll Erde beherbergt 200 Meter an Pilzfäden und eine Milliarde Bakterienzellen. Je höher die Zahl an Organismen, desto fruchtbarer der Boden. Ökologische Zusammenhänge sind komplex: Und täglich werden wir bombardiert mit neuen Zahlen: Zu hören ist vom 1,5-Grad-Ziel; von 56 Hektar täglich versiegelter Fläche im Jahr 2020; von 36,3 Milliarden Tonnen weltweit ausgestoßenem CO2-Äquivalent im Jahr.

„Wir sind so überfrachtet mit Daten und Fakten, dass wir Zusammenhänge nicht mehr begreifen“, sagt Autorin Michaela Vieser. Mit dem Kunstprojekt „Intelligente Landschaften. Künstlerisch-digitale Spurensicherung im Kulturraum Allgäu“ wollen sie und ihre Partnerin Susa Pop die Zusammenhänge in der Natur deshalb auf künstlerische Art und Weise greifbar werden lassen.

Allgäuer Natur- und Kulturphänomene

„Der Titel spielt mit der Annahme, dass in Landschaften und den darin verwobenen Lebensformen ein Wissen jenseits der vom Menschen eingebrachten Agenda wirkt“, sagen die beiden künstlerischen Leiterinnen des Projektes.

Die Idee: Künstlerinnen und Künstler erforschen Allgäuer Natur- und auch Kulturphänomene und übersetzen sie in digitale oder analoge Kunstwerke.

Beispiele für eine solche Transformation sind die Vogelstimmen-App „Dawn Chorus“. Hier entsteht aus den in der Natur gesammelten Audiodateien ein beeindruckender Klangteppich. In der Installation „Berl-Berl“ von Jakob Kudsk Steensen sind dagegen die Feuchtgebieten um Berlin und in Brandenburg die Hauptdarsteller. Auf riesigen Videoleinwänden, Geräuschen und Gesängen werden diese bedrohte Natur und die Mythen spürbar, die um diese Landschaft ranken.

Die intelligente Landschaft

Das Kulturamt möchte solche Kunstwerke auf einer digitalen Plattform sammeln und einem Publikum zugänglich machen. Für die „Intelligenten Landschaften“ trafen sich kürzlich Künstlerinnen und Künstler bei der Auftaktveranstaltung, um sich mit den Details vertraut zu machen. Sie können sich, falls gewünscht, für das Projekt zusammentun oder auch einzeln agieren.

Bis Freitag, 15. April, haben sie noch Zeit, ihre Idee für ein Kunstwerk abzugeben. Eine Jury wählt dann drei Projekte aus, die Teil der Plattform sein werden. Ihnen steht anschließend jeweils ein Experte oder eine Expertin zur Seite, je nachdem, ob Kultur, Brauchtum, Wald oder Feld im Mittelpunkt steht.

Natur-Daten-Lab

Bei der Auftaktveranstaltung mitgewirkt hat zum Beispiel Autor, Wanderführer und Adelegg-Kenner Dr. Rudi Holzberger.
Gemeinsam schlagen sich Künstler und Experte dann bei der sogenannten „Natur-Daten-Exkursion“ ins Feld und sammeln Material. „Es ist auch für die Wissenschaftler interessant, mit KünstlerInnen zusammenzuarbeiten und ein Szenario zu entwickeln, das das Phänomen verständlicher macht“, sagt Susa Pop. Dabei sein wird auch ein interessiertes Publikum, das vom Kunstschaffenden befragt werden kann.

Und das ist noch nicht alles. Den ausgewählten Kunstwerken steht ein weiterer Profi zur Seite, um sie in ihre digitale Form zu gießen. Dieser Schritt trägt den hippen Namen „Natur-Daten-Lab“. Den Höhepunkt bildet dann die „KunstNachtKempten“ im September, wo die Projekte der „Intelligenten Landschaften“ ausgestellt werden.

StudioLabs

Als weiteren Seitenarm soll sechs anderen Kunstschaffenden eine Bühne geboten werden. In den sogenannten „StudioLabs“ öffnen sie an einzelnen Terminen im Sommer ihren Artelierstore für Besucherinnen und Besucher oder Kolleginnen und Kollegen, organisiert von den Projektmacherinnen.

Kulturamtsleiter Martin Fink zeigte sich erfreut, denn die Stadt könne mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der „hochgradig zeitgenössische“ Ansatz „der Intelligenten Landschaften“ sichere nicht nur überregionale Aufmerksamkeit, sondern bilde auch ein weiteres „Highlight“ bei der KunstNacht.

Außerdem können Ziele erreicht werden, die im Kulturentwicklungskonzept der Stadt abgesteckt sind: Die KünstlerInnen erhalten die Möglichkeit, zu kooperieren und sich auszutauschen. „Eine Vernetzung ohne Thema ist dagegen schwierig“, erklärt Kulturamtsmitarbeiterin Jeannine Bravo.

Digitale Kultur- und Austauschplattform

„Die „Intelligenten Landschaften“ dehnen sich nach Projektende aus und werden zur digitalen Kultur- und Austauschplattform. Auch das komme der Stadt entgegen, denn solch eine Plattform zu kreieren, ist sehr teuer. So profitiere man aber von Geldern aus der Kulturstiftung des Bundes. 197.200 Euro spült das Programm „dive.in“ in die Projektkassen. Geld, das unter anderem zwei halbe Marketingstellen finanziert, dazu das KünstlerInnenhonorar und Technik. Games, Motion Capture, Apps, interaktive Webseiten und Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Anwendungen, fördert „dive.in“ zum Beispiel.

Auch Musik, Tanz und weitere Disziplinen in die „Intelligenten Landschaften“ einzubinden, wünschte sich bei der Sitzung des Kulturausschusses die Kulturbeauftragte des Stadtrates Annette Hauser-Felberbaum (FW). Für überzogen hielt das Projekt dagegen Michael Hofer (ödp): „Schön, dass wir aus so einem Topf Geld bekommen! Aber das Ganze so ‚aufzupeppen‘ – ich sagte das auf Englisch – finde ich etwas hyperotroph.“

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