"Sie kennen Ihren eigenen Bahnhof nicht"

Das Projekt barrierefreier Bahnhof hatte man sich wohl anders vorgestellt – auf beiden Seiten

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Den Tunnelgang will die Bahn zwar aufhübschen, für einen barrierefreien Zugang statt der jetzigen Treppe am Ende des Tunnels Richtung Eich will sie aber nicht zuständig sein.

Kempten – Selbst die verständnisvollsten Stadträte konnten sich einen gewissen Sarkasmus nicht mehr verkneifen und manch einer preschte dabei so weit vor, dass OB Thomas Kiechle um Mäßigung bat. Ziel der verbalen Attacken waren zwei Vertreter der Deutsche Bahn Tochterfirma DB Station & Service, die in der Stadtratssitzung vergangene Woche die Vorentwurfsplanung zum barrierefreien Ausbau des Kemptener Hauptbahnhofs vorstellten. Und da ist nicht nur Geduld gefragt, wie deutlich wurde. Ohne für die Ursachen verantwortlich zu sein, brauchten die Vermittler unter dem DB-Diktat von Wirtschaftlichkeit und Vereinheitlichung ein verdammt breites Kreuz, wofür sich manche der Räte auch entschuldigten.

Gründe für den Unmut der Gremiumsmitglieder gab es reichlich – wie schon im Vorfeld seitens der Stadtverwaltung. Diese war unter Einbeziehung der kommunalen Inklusionsbeauftragten Anfang des Jahres erstmals über Details der Planungen informiert worden. Kritik war bereits zu diesem Zeitpunkt daran geübt worden, dass die zu erneuernden Überdachungen der Bahnsteige von aktuell rund 140 Metern auf 65 Meter verkürzt werden sollen. Ein Faktum, hinter dem die zweite damit verbundene Botschaft, die in der Tischvorlage ebenfalls erwähnte Reduzierung auch der Bahnsteiglänge, in der Stadtratssitzung glatt unterging. 

Die Bitte beim zuständigen Ministerium darauf zu verzichten, war, so im Bericht der Stadtverwaltung zu lesen, abschlägig beantwortet worden mit den Hinweisen darauf, der Freistaat investiere hier bereits „freiwillig und ohne Verpflichtung“ und dass die Kommune eine längere Überdachung als 65 Meter ja selbst bezahlen könne.

 Ende 2016 hatte der Freistaat das Förderprogramm Barrierefreies Bahnland Bayern auf den Weg gebracht, mit dem Ziel, den barrierefreien Ausbau von Bahnstationen in ganz Bayern möglichst schnell und koordiniert voranzubringen. 2017 hätte in Kempten ursprünglich mit den Maßnahmen begonnen werden sollen. 

Die Antworten auf ein weiteres Schreiben von OB Thomas Kiechle an das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr sowie an des Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur stehen noch aus. Da konnte DB-Mann Herbert Kölbl auch mit seinen weiteren Ankündigungen im Gremium kaum landen. Ab 2023 sollen die Bahnsteigkanten angehoben werden, um Zu- und Ausstiege zu erleichtern. Der Tunnel, der Bahnhofshalle und Gleisaufgänge verbindet, soll neu gestaltet und ein barrierefreier Zugang von Westen, also vom Haupteingang, geschaffen werden.

„Sie scheinen überhaupt nicht zu wissen, für welche Region Sie planen und kennen Ihren eigenen Bahnhof nicht“, eröffnete Lothar Köster (SPD) das verbale Trommelfeuer. Dabei stießen ihm sowohl die verkürzten Dächer auf – bei den Allgäuer Wetterverhältnissen nicht nur für ihn nicht nachvollziehbar, wie auch die Zeitschiene. Dass zwar bereits ab 2021 Züge im Allgäu fahren sollen, die generell einen höheren Bahnsteig benötigen, dieser aber erst 2023 kommen soll, wollte er nicht hinnehmen. Wenig Sinn ergab für ihn zudem ein barrierefreier Bahnhof in Kempten, wenn sich die Reisenden zum Beispiel beim Umsteigen in Immenstadt abmühen müssten. Und „wir brauchen an der Ostseite einen barrierefreien Zugang“, schüttelte er den Kopf, der Haupteingang sei ja barrierefrei. 

Es werde nur ein barrierefreier Zugang finanziert, klärte Kölbl auf und sagte, dass die Stadt für den zusätzlich gewünschten selbst aufkommen müsse. 

Besonders die Kürzung der Schutzdächer inspirierte die Redner, unter anderem Helmut Hitscherich (UB/ÖDP), der darin den „Witz des Jahrhunderts“ sah und Dieter Zacherle (Freie Wähler), der spöttisch erinnerte: „Im Allgäu schneit’s auch.“ 

Hans Mangold (Grüne) wollte wissen, ob sie denn wenigstens nachrüstbar seien, wenn dann die – Ironie? – Elektrifizierung komme. Auch die DB-Vertreter nahmen das Wort Elektrifizierung in den Mund, allerdings in Zusammenhang mit Kaufbeuren. 

Für Alexander Hold (Freie Wähler) „ein historischer Moment“ zu hören, dass Kaufbeuren elektrifiziert werde, was wohl eher „die nächsten 20 Jahre nicht zu erwarten“ sei. Auch ihm war der barrierefreie Zugang von der Eich her ein Anliegen, da dort ein großer Parkplatz sei. Kölbl bedauerte, dass „der Kern des Ausbaus nicht zum Ausdruck gekommen ist“ und räumte ein, „die gleichen Diskussionen“ auch in Augsburg, Würzburg und weiteren Städten geführt zu haben. 

„Das einzig Gute an Ihrem Zeitplan ist, dass Sie noch viel Zeit zum Nachdenken haben“, meinte Erwin Hagenmaier (CSU) und betonte außerdem: „Es ist keine Gnade“, sondern Pflicht für Barrierefreiheit zu sorgen. Sein Fraktionskollege Thomas Kreuzer, MdL, bezweifelte zudem, ob die Vereinbarung zwischen dem Zuschüsse gewährenden Freistaat und der Bahn „hier so eingehalten wird“. Darin sei ein Zeitplan festgelegt worden und für fragwürdig hielt er auch die zu erwartenden Verschlechterung, u.a. durch verkürzte Dächer. Er kündigte an ,mit dem Minister zu sprechen und ihm mitzuteilen, „dass der Stadtrat nicht einverstanden ist“ mit dem, was die Bahn plane.

Christine Tröger

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