Projekt Landleben

Aus Susannes Tagebuch: 4. Folge: Haustiere mal anders

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Blick in die Wurmkiste: Links die Hanfmatte, die den Kompost vor Fliegeneiern und dem Austrocknen schützt.

Endlich sind auch wir Großbauern! 500 „Stuck Vieh“ – wie man im Allgäu so schön sagt – halten wir seit März in unserem Stall. Und der Stall steht in unserem Gästezimmer. Unsere „Viecher“ sind äußerst schlank und messen nur zwischen drei und 15 Zentimeter Länge.

Richtig: Wir haben uns ein Wurmhotel zugelegt. Seit März produzieren unsere Mitbewohner fleißig wertvollen Wurmhumus, der später die ausgelaugte Erde unserer Balkonpflanzen fruchtbar machen soll. Mit dem Wurmhumus, der nichts anderes ist als Wurmkot, möchten wir das Schleppen von handelsüblicher Gartenerde reduzieren und unsere Gemüseabfälle in unserem eigenen kleinen Kreislauf nutzen. Ohne wohnungsnahen Garten erscheint uns das als praktische Alternative zum Komposthaufen. Nun schneiden mein Mann Gerhard und ich nicht nur Salat, Gemüse und Kräuter, sondern manchmal auch deren Schalen, Stiele und Strünke. Etwas zerkleinert und angereichert mit Karton- oder Zeitungsschnipseln erhalten die Kompostwürmer ihr Essen.

Aber nicht allen gefällt die Vorstellung, dass wir unsere Wohnung mit glitschigen Würmern teilen. „Ich komme erst wieder zu Besuch, wenn die Wurmkiste auf den Balkon umgezogen ist“, klärte mich meine Mutter auf. Aber auf dem Balkon möchte ich das Wurmhotel nur ungern unterbringen, da dessen Deckel ein Polster und ein hübscher Bezugstoff zieren. Die Kiste kann auch als Hocker dienen. Die Temperaturen auf unserem Balkon sind auch zu warm für die Kriechtiere. Zwischen 15 und 25 Grad fühlen sie sich am wohlsten. Und überhaupt müsste meine Mutter keine Angst vor Wurmbegegnungen der anderen Art haben. Die wollen gar nicht aus ihrer Kiste raus. Würmer lieben es feucht und dunkel, auch ihr Futter haben sie gerne bei sich. Außerdem verhindern Membranen an den Luftlöchern in der Kiste, dass die Würmer stiften gehen. Trotz meines Enthusiasmus ekelte ich mich anfangs davor, die lieben Kleinen zu berühren. Mein Mann musste immer die Feuchtigkeit in der Kiste überprüfen. Aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Andererseits war ich auch enttäuscht, so wenig von den neuen Mitbewohnern mitzubekommen. Man sieht sich nicht, hört sie nicht und riecht sie nicht. Ein bisschen Erfahrung schadet nicht.

Das änderte sich allerdings, als ich vor zwei Tagen zum ersten Mal den Humus geerntet habe. Wie auf einem Misthaufen stank es im unteren Bereich der Kiste, und mir wurde ganz schummerig. Auch unsere Haustiere waren nicht so agil, wie wir es gewohnt waren, und rotteten sich zu einem Knoten zusammen – alles gar keine guten Zeichen. Zu meinem Entsetzen stellte ich nach erneuter Lektüre der Bedienungsanleitung fest, dass wir den Würmern bisher zu viel und zu kleingeschnittenes Essen serviert hatten. „Keine Sorge, Kompostwürmer sind robust und halten einiges aus“, schreibt die Firma, bei der wir die Kiste bestellt hatten. Na, hoffen wir es. Beim neuen Befüllen wollen wir besser auf Warnsignale und Futtermenge achten. Wie Kühe brauchen die Würmer eine optimale Fütterung. Für die Kriechtiere darf das Essen nicht zu feucht, aber auch nicht zu trocken, nicht zu grob, aber auch nicht zu fein, nicht zu üppig, aber auch nicht zu wenig sein. Und beide, Kühe und Würmer, brauchen Mineralfutter, den optimalen PH-Wert sowie die richtige Futterstruktur. Sich da einzuarbeiten, dauert länger als ich gedacht hatte.

Für unsere Mühen belohnt werden wir seit einiger Zeit aber mit ausladender Pflanzenpracht. In einer Schale im unteren Bereich der Wurmkiste sammelt sich Flüssigkeit, der sogenannte „Wurmtee“, den wir 1:10 in unser Gießwasser geben. Dieser Dünger soll die Pflanzen größer, ertrag -reicher und widerstandsfähiger gegen Läuse machen. Die Früchte können wir noch nicht beurteilen, aber die Blätter unserer Tomatenpflanzen haben unseren Balkon bereits in einen dichten Dschungel verwandelt. Und geräuschlos sind die Würmer für mich auch nicht mehr. Hört man bei offener Kiste genau hin, knistern und schmatzen die Tiere, wenn sie durchs Substrat gleiten. Das zu hören, fühlt sich fast an wie Katzen streicheln – oder Kühe. Obwohl – wenn ich es mir genau überlege, ist das hoffentlich kein Zeichen von zu hoher Feuchtigkeit! Da mache ich doch gleich noch einmal den Feuchtigkeitstest…

Susanne Lüderitz

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