"Alle Leben sind wertvoll"

Protest und Trauer auf dem Hildegardplatz – "Black Lives Matter!"

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Rund 200 Menschen kamen „für ein bewusstes Miteinander“ auf den Hildegardplatz.

Kempten – Am vergangenen Freitag versammelten sich auf dem Hildegardplatz etwa 200 Menschen, um „für ein bewusstes Miteinander im Allgäu“ einzutreten und des kürzlich verstorbenen Wahlkempteners Membrahtom „Tom“ Tarefe zu gedenken. Nachdem eine Gruppe junger Allgäuer, vertreten durch ihre Pressesprecherinnen Sophia Wirth und Carina Maria Batz, im Juni eine Protestveranstaltung unter dem Motto „Black Lives Matter“ organisiert hatte, luden sie dieses Mal mit dem Slogan „Allgäu – Hand in Hand“ zu einer gut zweistündigen Kundgebung und Trauerfeier ein.

Auf der kleinen Bühne vor der Basilika führten die beiden Duracher Sandra und Max, bekannt für ihre Kindermusicals „Fritzi der Frosch“ und ihr Online-Projekt „Fritzi‘s Welt TV“, die ZuhörerInnen durch den Abend und moderierten die vielfältige Redebeiträge und Musikeinlagen. 

Erneut erzählten Afrodeutsche, Flüchtlinge und junge Allgäuer aus Einwandererfamilien von ihren schmerzlichen Fluchterfahrungen, von gezielten rassistischen Beleidigungen, von ihrer Erfahrung, systematisch ausgegrenzt zu werden, und von verletzenden, distanz- und respektlosen Unterstellungen, die zeigen, dass Menschen sich ihrer Vorurteile oft nicht bewusst sind und sich nicht hinterfragen. Sowohl Schwarze als auch maghrebinisch-orientalische Partygänger berichteten übereinstimmend, dass es in Kempten Clubs gebe, die ihnen auf Grund ihrer Hautfarbe oder ihres Habitus den Einlass verweigerten: „Today No Blacks!“ Eine Rednerin der Kemptener Lokalgruppe des Vereins Seebrücke kritisierte die von „strukturellem Rassimus“ geprägte Flüchtlingspolitik der Europäischen Union und berichtete von der gesundheitlichen und psychischen Situation vieler Geflüchteter. 

Nachdem sie in ihren Herkunftsländern unter Krieg, Verfolgung, Ausbeutung und wirtschaftlicher Not gelitten hätten und auf der Flucht Gefahren und oft auch Gewalt erlebt haben, erführen sie hier, in Deutschland, in ihrem neuen Leben in der „Warteschleife“ langwieriger Asylverfahren erneut beängstigende Ungewissheit und fühlten sich ohnmächtig ausgeliefert. Hinzukomme, dass ein Asylbewerber in den ersten 15 Monaten nach seiner Ankunft keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung habe, und deshalb nur sehr bedingt psychotherapeutische Begleitung bekommen könne. Auf Rettungsbooten und in Flüchtlingsunterkünften käme es nicht selten zu Selbstverletzungen und Suizidversuchen. Gesundheitsfürsorge dürfe aber „kein humanitärer Akt“ sein, vielmehr sei sie ein Menschenrecht, mahnte die Sprecherin und forderte ihr Publikum auf: „Engagiert Euch!“ Solidarität dürfe sich nicht in „Lippenbekenntnissen“ erschöpfen. 

Andere Wortbeiträge widmeten sich den Themen Alltagsrassismus, Selbstreflexion und Zivilcourage, Solidarität und Zugehörigkeitsgefühl auf literarische und manchmal sehr persönliche Weise: Eine Autorin vom Verein Allgäu Slam trug ein autobiografisches Prosagedicht vor, in dem sie „aus Angst vor der Zukunft in die Vergangenheit“ schaut und sich mit ihrer geliebten Hamburger Oma auseinandersetzt, die „eine Faschistin“ gewesen sei. Eine andere hellhäutige, weiße Poetin, deren Stiefmutter und Schwester farbig sind, spürte in ihrem Text der Frage nach, wie sich Menschen einander verbunden fühlen: „...unser Wir – das Auge des Sturms, in dem alles klar ist – ich bin du.“ 

DJ Sungun Sound, der R‘n‘B-Sänger Odeon und das Dancehall-Duo Flixx‘n‘Hooch wechselten sich mit Rednern und Rezitatorinnen ab und boten kämpferisch wütende, nachdenkliche und traurige, aber auch entspannte, fröhliche Musik. Mit dieser lebensvollen Mischung erinnerten sie, gemeinsam mit der Sängerin Sarah el Halawi, auch an den aus Äthiopien stammenden Tom, dem die letzte Dreiviertelstunde der Veranstaltung gewidmet war. 

Freundinnen und Freunde des Verstorbenen erzählten auf Deutsch und in Toms Muttersprache Tigrinya von schönen und schwierigen gemeinsamen Erlebnissen. Sie schilderten Tom als sehr einfühlsamen, lebensfrohen und geselligen Menschen, der aber auch unter rassistischen Kränkungen und Depressionen gelitten habe. Auch unter dem Eindruck seiner Selbsttötung riefen alle RednerInnen des Abends dazu auf, einander „mit offenem Herzen und offenem Geist“ zu begegnen. Statt unser Gegenüber auf Grund seiner Hautfarbe oder anderer Eigenschaften vorschnell zu beurteilen oder pauschal abzulehnen, könnten wir „die Chance“ wahrnehmen, mit Freundlichkeit und Interesse „alle möglichen Menschen kennenzulernen“ und uns gegenseitig zu unterstützen – und sei es nur durch „ein kleines Lächeln“ oder eine anteilnehmende Nachfrage. Die überwiegend von Frauen getragene Initiative will im September wieder eine Kundgebung veranstalten und den Verein „Access Allgäu Area (AAA)“ gründen, der „für alle Menschen, die noch nicht gleichberechtigt im Allgäu leben können, ein Sprachrohr“ sein will, – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Glauben, von Behinderungen, ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung. Der Instagram-Account des AAA-Bündnisses ist bereits online. Dort findet sich auch ein Link, um für die Überführung von Toms Leichnam nach Afrika zu spenden. Auf dem Hildegardplatz und im Internet sind dafür bislang rund 3400 Euro zusammengekommen. 

Antonia Knapp

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