Angeklagter erhält lebenslange Freiheitsstrafe

Urteil im Zugprozess gefallen

+
16 Eintragungen im Bundeszentralregister hatte Michael W. vor der Zugschießerei bereits, am Mittwoch wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Kempten – Der vierte angesetzte Verhandlungstag war zugleich auch der Letzte. Am vergangenen Mittwoch ist im Prozess um die Zugschießerei vor dem Kemptener Landgericht das Urteil gefallen: Auf den angeklagten Michael W. wartet eine lebenslange Haftstrafe mit Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

Am vorherigen Verhandlungstag (Dienstag) waren noch die Zeugen aus dem familiären Umfeld des Angeklagten vor Gericht geladen worden, die jedoch fast ausnahmslos eine Aussage verweigerten – auch zur Überraschung des Verteidigers. Lediglich der Neffe machte eine Aussage und erzählte, dass er von dem Drogenkonsum seines Onkels gewusst habe. 

Schon an diesem dritten Verhandlungstag ließ sich das Urteil vermuten, als der Staatsanwalt für eine lebenslange Freiheitsstrafe plädierte. Der Verteidiger betonte hingegen in seinem Plädoyer, dass sein Mandant für eine Drogentherapie motiviert sei und nicht zweifelsfrei geklärt sei, dass ausschließlich Michael W. auf die Polizisten geschossen habe, schließlich seien auf der Schusswaffe auch DNA-Spuren seines bereits verstorbenen Begleiters gefunden worden. Zudem sei der Angeklagte bei der Schießerei und dem Sprung aus dem Zug selbst schwer verletzt worden, weshalb sein Verteidiger ein milderes Urteil forderte. 

Affinität zu Betäubungsmitteln 

Der psychiatrische Gutachter bescheinigte dem Angeklagten nach mehreren Gesprächen im Oktober vergangenen Jahres eine „Affinität zu Drogen“ und eine geringe Aussicht auf einen Therapieerfolg – Michael W. habe bereits zwei Therapien hinter sich, wovon eine abgebrochen wurde. Er weise ein „eingeschliffenes Verhaltensmuster in Hinblick auf Suchtdelikte“ auf, wodurch ein hohes Risiko für erneute Beschaffungskriminalität bestehe. Das Gericht entschied jedoch, dass der Grund des Therapieabbruchs aufgrund einer Verspätung des Patienten zweifelhaft sei, zudem sei Michael W. zumindest schon von Heroin weggekommen und dadurch eine „hinreichend konkrete Aussicht auf Therapieerfolg“ gegeben. 

"Mittleres Risiko" für Gewalttaten 

Für eine Sicherheitsverwahrung – eine Unterbringung in eine Anstalt nach dem Verbüßen der Strafe – seien zwar die formellen Voraussetzungen laut Vorsitzendem Richter Christoph Schwiebacher grundsätzlich gegeben, allerdings sei es fraglich, ob der 45-jährige Augsburger mit kasachischen Wurzeln einen Hang zu Gewalttaten habe, bei dem Menschen in körperlicher oder psychischer Sicht gefährdet werden. Immerhin gehen unter anderem bereits ein räuberischer Diebstahl und erpresserischer Menschenraub auf das Konto des Angeklagten, hinzu kommt die Schießerei im Zug, weshalb Michael W. unter anderem wegen versuchtem Mord angeklagt war. Entscheidend bei der Strafzumessung sei jedoch gewesen, dass die aktuelle Tat nicht symptomatisch für Gewalttätige sei und der Angeklagte wohl aus einer Augenblickssituation und falscher Loyalität gehandelt habe, so dass eine anschließende Strafverwahrung nicht in Betracht komme. 

Als schuldfähig eingestuft 

Thematisiert wurde bei der Urteilsverkündung erneut der Drogenkonsum. Nach eigenen Angaben habe Michael W. am Tattag Cannabis und dreimal „Badesalz“ konsumiert. Das Gericht stimmte dem psychiatrischen Befund allerdings zu, dass der Angeklagte „zeitlich und örtlich voll orientiert“ und auch die Trefferquote seiner abgegebenen Schüsse bemerklich hoch war. Durch den Drogenkonsum sinke zwar die Hemmschwelle, eine beeinträchtigte Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit habe bei Michael W. aber wohl nicht bestanden. Der Angeklagte sei damit schuldfähig. Wer ohne jegliche Vorwarnung und in derartig engen räumlichen Verhältnissen mit scharfer Waffe schieße und dadurch für das Gegenüber potentielle Lebensgefahr bestehe, handle ohne Zweifel mit einem Tötungsvorsatz, so Richter Schwiebacher. 

Verurteilt wurde Michael W. am Ende wegen zweifach versuchten Mordes, vorsätzlichen Führens einer Waffe, gefährlicher Körperverletzung sowie Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und versuchter Strafvereitelung.

Von Lea Stäsche

Auch interessant

Meistgelesen

Bauchtanz, Ballett und Bastelei
Bauchtanz, Ballett und Bastelei
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Bezirksmusikfest in Probstried
Bezirksmusikfest in Probstried

Kommentare